Ennio Leanza / Keystone

Liberalismus ohne Scheuklappen: Raus aus den ideologischen Echokammern!

Gastkommentar / von Karen Horn / 28.09.2016

Der Liberalismus bedarf der Aufgeschlossenheit. Statt sich abzuschotten, gilt es auch mit weltanschaulich anderweitig beheimateten klugen Köpfen das ernsthafte Gespräch zu suchen.

Vor fast achtzig Jahren klagte Walter Lippmann in seinem Buch „The Good Society“ über das „Debakel des Liberalismus“. Er geisselte die „Dekadenz“ einer politischen Philosophie, die „vor Irrtümern strotzt“. Die heftige Kritik des politisch schillernden amerikanischen Publizisten vor allem an einer Überschätzung der Märkte gab den Anstoss zu jenem Pariser Kolloquium („Colloque Lippmann“), auf dem 1938 der Begriff „Neoliberalismus“ zwar nicht neu geprägt, aber doch zur aufpolierten Münze wurde. Dort diskutierten mit Lippmann unter anderem Raymond Aron, Friedrich August von Hayek, Ludwig von Mises, Michael Polanyi, Jacques Rueff und Alexander Rüstow. Bei aller Differenz trieb sie der Eindruck um, dass das freiheitliche Paradigma nach der Erschütterung durch die Weltwirtschaftskrise einer Revision bedurfte. Ihr Ziel war es, nach vorne und ohne Scheuklappen in die Runde schauend, einen neuen Ansatz zu finden.

Diese Haltung war vorbildlich: Es ist immer gut, vor der eigenen Tür zu kehren und das Gespräch auch mit weltanschaulich anderweitig verorteten klugen Köpfen zu suchen, über die unmittelbare Nachbarschaft hinaus. Eine Auseinandersetzung, die einen aus womöglich lange nicht mehr hinterfragten Denkmustern aufschreckt, ist fruchtbarer, als wenn man unter Gleichgesinnten bleibt, sich in Detailzwisten aufreibt und zwischen Selbstbeweihräucherung und Selbstmitleid schwankt.

Auf den offenen Austausch zu setzen; von anderen Menschen lernen zu wollen; deshalb neugierig auf andere zuzugehen und sich auf sie einzulassen; sich statt markiger Worte um eine sorgfältig fundierte, redliche, seriöse Argumentation zu bemühen: Das alles passt zudem auch besser zum Liberalismus als eine defensiv-verzagte Abschottung, als doktrinär ausgrenzendes Denken, als Sektiererei gar. Wer in seiner Liberalität stimmig und glaubwürdig sein will und gar noch jenseits seines intellektuellen Nahbereichs auf Resonanz hofft, der tut gut daran, seinen Appetit auf andere Denkansätze zu bewahren und sich zum Gespräch bereitzufinden. Und dazu gilt es jeden willkommen zu heissen, der einen substanziellen Beitrag leisten kann und will.

Doktrinäre Sackgassen meiden

Sich von doktrinären Sackgassen fernzuhalten, ist in besonderer Weise auch für die akademische Welt von Bedeutung. Nicht nur kann stramme weltanschauliche Meinungsstärke niemals die intellektuelle Satisfaktionsfähigkeit in der Sphäre der Wissenschaft ersetzen; ohne Methodenpluralismus und tiefschürfende Gespräche über den politischen Gartenzaun hinweg fehlen auch Liberalen wichtige Impulse. Es lohnt sich nicht nur, liberale Ansätze zu konservativen Positionen in Bezug zu setzen, wie sie Denker von Edmund Burke bis Wilhelm Röpke vertreten haben – das kennt man.

Erst recht lohnend ist es, das Werk von Adam Smith durch die Brille Michel Foucaults zu lesen, der unter vielen Liberalen freilich den Ruf des Gottseibeiuns geniesst. Die Perspektive des Poststrukturalisten kann unter anderem die Sensibilität für die Frage schärfen, wie sich in der Gesellschaft die Logiken herausbilden und eingeübt werden, die jene Institutionen am Leben erhalten, ohne die ein freier Markt kaum denkbar ist. Ähnliches gilt für die Auseinandersetzung mit John Maynard Keynes, dem politökonomisch bewanderte Liberale zwar zu Recht seinen naiven – im Kern vor allem selbstgewissen – Steuerungsoptimismus vorhalten, dessen Analyse von Strukturbrüchen die Diskussion freilich genau deshalb noch immer prägt, weil sie bedenkenswert ist. Eine solche scheuklappenfreie Auseinandersetzung setzt dreierlei voraus. Erstens muss man den üppigen Reichtum wahrnehmen, den die geistige Welt zu bieten hat, und ihn als grossartigen Fundus begreifen, aus dem sich immer wieder spannende neue Gedanken hervorholen lassen. Zweitens muss man bereit sein, die Werke der liberalen Vordenker nicht wie heilige Schriften zu behandeln, sondern sie auch immer wieder gegen den Strich zu bürsten. Und drittens muss man sich vor der Arroganz hüten, das Œuvre von Denkern, die nicht gerade zum harten Kern des Liberalismus zählen, nur nach Indizien zu durchforsten, die ihre Klassifikation als Aussenstehende rechtfertigen. Das ist unproduktives Lesen.

Empathie

Wie langweilig ist es, nur darauf zu lauern, Feinde zu überführen und Widersachern das Handwerk zu legen, wenn man doch Anregungen und Erkenntnisse gewinnen kann! Es ist ein schöpferisches intellektuelles Vergnügen, sich auf ihre Fragen, Perspektiven und Konzepte einzulassen und sich selbstkritisch zu prüfen, ob man auf ihre Anliegen denn wirklich eine zufriedenstellende Antwort hat – und zwar eine Antwort, die auch dem Gegenüber vermittelbar wäre. Diese Prüfung bedarf der Empathie, der Vorstellungskraft, der Fähigkeit, für einen Moment gleichsam in die weltanschaulichen Schuhe des anderen zu schlüpfen.

Wozu die Mühe? Einfach weil es sich intellektuell lohnt, das an sich für selbstverständlich Gehaltene eben nicht bloss zu unterstellen, sondern die vertraute Begründungsbasis im Lichte anderer Zugänge immer wieder zu hinterfragen. Dass sich der eigene Zugang dabei mitunter fortentwickelt, dass bis dato vielleicht allzu leichthin Abgetanes mit einem Mal durchaus relevant erscheinen mag, bedeutet keineswegs zwingend einen Verlust an Stringenz, sondern vielmehr einen Gewinn an Tiefe. Leitstern ist der Wunsch, einen möglichst ergiebigen Ansatz zu finden – das ist alles. Eine derart vorurteilsfreie Haltung erfüllt gleich zwei essenzielle liberale Forderungen: Sie entspricht der Demut, die angesichts der Begrenztheit des menschlichen Wissens geboten ist, und sie erleichtert es, sich auch auf dem Markt für Ideen einem Wettbewerb zu stellen, von dessen segensreicher Wirkung nicht nur die Wirtschaft profitiert.

Solche Offenheit ist auch das probate Gegengift gegen die fatale Verlockung der „echo chambers“, jener ausdifferenzierten Gruppen von Menschen, die sich heute jedermann im Netz zusammenstellen kann und die mehr oder weniger derselben Meinung sind. In dieser selbstgemachten Nestwärme weltanschaulicher Homogenität finden noch die abstrusesten Ideen Bestätigung; auch Liberale sind dagegen nicht gefeit. Nur auf den ersten Blick sind solche abgeschotteten Diskurse wohltuend. Gewiss eröffnen sie einen idealen Raum dafür, eine Argumentation zu verfeinern, ohne dass man jeweils bei Adam und Eva anfangen muss. Wenn sie aber zur Normalität werden, zur vorherrschenden Form des Austausches, dann geraten sie zum Forum für Rabauken und Denkfaule. In der Ödnis eines weltanschaulichen Reduits schaukelt man sich gegenseitig hoch; Drastik ersetzt Präzision; Wut verdrängt Geist.

Zivilisierter und reicher ist das Leben ausserhalb der Echokammern. Dort ist es bunter und gesünder für die Seele, wie Adam Smith schrieb, der als Bewunderer der Stoa um den Wert der inneren Ruhe wusste: „Gesellschaft und Unterhaltung mit Menschen sind darum die mächtigsten Heilmittel, um dem Gemüte seine Ruhe wiederzugeben, wenn es sie einmal unglücklicherweise verloren hat.“ Dazu sollte man es nicht kommen lassen.

Austausch verändert

Die eigene Haltung ist allerdings nicht alles. Für einen Austausch auf dem Marktplatz der Ideen braucht es mindestens zwei. Ausser der – nicht unwichtigen – Selbstachtung hat man als Liberaler wenig von seiner Aufgeschlossenheit, wenn das Gegenüber seinerseits lieber in seiner speziellen Echokammer verbleibt. Und es gibt ohne Zweifel Menschen, die man nicht aus dieser herauszulotsen vermag; sie haben den Schlüssel weggeworfen. Um die anderen jedoch lohnt es sich zu kämpfen. Die Anstrengung verdoppelt sich, weil dann nicht nur gilt, sich die eigene Offenheit und Redlichkeit zu erhalten, sondern auch, dem anderen die Augen für den Wert eines respektvollen und seriösen Diskurses zu öffnen. Der grimmige ältere Konzertbesucher, mit dem ich jüngst trainierte, sich ohne beleidigende Vokabeln über Flüchtlinge zu unterhalten – er war am Ende dankbar.

Wenn erst einmal ein Austausch zustande kommt, verändert er die Beteiligten. Das gilt im politischen Gespräch wie auf dem Markt im engeren Sinne. Darum sprach Friedrich A. von Hayek auch lieber von der „Katallaxie“ als von der Marktwirtschaft, abgeleitet vom griechischen Verbum „katallattein“, das „bezeichnenderweise nicht nur ‹tauschen› bedeutet, sondern auch ‹in die Gemeinschaft aufnehmen› und ‹aus einem Feind einen Freund machen›“.

Karen Horn ist Universitätsdozentin für ökonomische Ideengeschichte und Publizistin. 2013 ist ihr Buch „Hayek für jedermann. Die Kräfte der spontanen Ordnung“ erschienen.