Der Philosoph Slavoj Žižek (Screenshot YouTube)

Dr. Strangelove

Liebe als Ereignis der unheimlichen Art

von Milosz Matuschek / 26.10.2015

Anleitung zum hedonistischen Surfen: wie man die Liebe erfolgreich verhindert.

In dem deutschen Film „23 – nichts ist so wie es scheint“ geht es um die Hannoveraner Hackerszene in den 80er Jahren, Verschwörungstheorien und den jungen Hacker Karl Koch, der gehackte Informationen an den KGB verkaufte, bis es mit ihm ein tragisches Ende nahm. In einer Szene des Films taucht Pepe, der Vermittler, in der russischen Botschaft in Berlin mit einem Koffer voll frisch gehacktem Material auf.

Von den Irrungen und Wirrungen rund um Liebe, Partnerschaft und das moderne Geschlechterverhältnis, darüber schreibt Milosz Matuschek alias Dr. Strangelove in seiner Kolumne.

Es ist ein Koffer aus argentinischem Rindsleder. Er übergibt ihn dem Botschaftsmitarbeiter mit den Worten: „Den hätte ich aber gerne wieder.“ Worauf der antwortet: „Wir sind hier im Sozialismus. Hier wird niemand bestohlen.“ An diesen Satz musste ich denken, als ich vor einiger Zeit dieses Žižek-Video sah.

Žižek ist einer der anregendsten kapitalismuskritischen Philosophen, die es derzeit gibt. Er ist auch interessant, weil er stets undeutlich spricht, überdreht gestikuliert, spuckt, schwitzt und damit insgesamt sehr lebensnah wirkt. Außerdem ist er recht witzig. Neulich erschien sogar ein Witzebuch von ihm. Kritiker behaupten, er habe im Grunde nur ein einziges Buch geschrieben, das jedoch etwa 52 mal. Der gleiche Vorwurf wurde auch schon Woody Allen gemacht, allerdings in Bezug auf Filme oder Dieter Bohlen, in Bezug auf Akkorde.

In dem Video geht es um den philosophischen Begriff des Ereignisses, und zwar unter anderem in Bezug auf die Liebe. Für Žižek charakterisiert das Ereignis, dass dessen Resultat all jenes übersteigt, was ihm in seiner tatsächlichen Form zu Grunde liegt. So ist es zum Beispiel mit dem Verlieben: es kann mit einer zufälligen Begegnung beginnen, vielleicht einem Anrempeln im Bahnhof und plötzlich steht man sich gegenüber, hilft beim Aufsammeln der Zeitung, beklagt den verschütteten Kaffee, schaut sich in die Augen und weiß: das Ereignis ist da, denn hier ist neben dem Anrempeln eben auch noch mehr passiert. Und das wird den Lauf des Lebens ändern.

Für Žižek werden derartige Ereignisse heutzutage seltener, und das liegt an uns. Wir wollen das Gute, aber ohne das Schlechte. Das heisst Bier ohne Alkohol, Zucker ohne Kalorien und Liebe ohne das Gefühl des Verhaftetseins gegenüber der geliebten Person. Kuschelige Geborgenheit bei totaler Freiheit wäre wohl das allerbeste. Am liebsten würden wir stets auf dem Scheitelpunkt der hedonistischen Welle surfen und nur die Spitzen aller Ereignisse abgreifen.

Dieser Gedanke findet sich auch schon in Alain Badious „Eloge de l’amour“ („Lob der Liebe“) von 2009. Unser Zeitalter charakterisiert sich durch die Aversion gegenüber Risiken. Wir wollen die Sahne des Lebens abschöpfen. Das Positive ohne das Negative haben. Ins Kino gehen ohne Schlange zu stehen. Im Club tanzen ohne zu bezahlen. Rausch ohne Kater. Verliebt sein, ohne das lästige „Falling in love“ (oder „tomber amoureux“). Also stets das Beste aus beiden Welten vereinen, der bisherigen und der zukünftigen.

Das Gleiche gilt wohl auch für das Kinderkriegen: Kinder ja, aber nur mit gleichen Freiheiten, gleichen Karrierechancen und gleichem Freundeskontakt wie zuvor – und unter Ausgleich aller finanzieller Einbußen. Daraus entstehen dann familienpolitische Fata Morganas wie der Begriff der „Vereinbarkeit“, an den so viele glauben wollen, am meisten die Politiker selbst.

Insofern ist Žižeks Gedanke durchaus inspirierend. Wir leben in einer Zeit, die ereignisarm ist, weil wir den endgültigen Schritt nicht wagen, Ereignisse als Neugestaltung unseres Lebens zu akzeptieren. Im Moment des Schrittes selbst drücken wir videotechnisch gesprochen auf die „Freeze“-Taste. Und in diesem Moment verharren wir dann ein paar Jahre und wundern uns darüber, dass sich nichts ändert.

Jetzt zurück zum Rindslederkoffer. Žižek hat diesen Gedanken natürlich nicht bei Badiou gestohlen; er hat ihn sich allenfalls geliehen. Badiou ist bekennender Marxist und auch Kommunist wäre für ihn in Frankreich kein Schimpfwort. Žižek pflegte eine zeitlang neben einem Stalinbildchen auf dem Nachtkästchen einzuschlafen. Wir befinden uns hier also in der Welt des Geistessozialismus und hier wird niemand bestohlen.