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Sexroboter

Liebe mit Maschinen

von Adrian Lobe / 30.08.2016

Für jedes sexuelle Bedürfnis eines Menschen gibt es eine programmierbare Antwort. Doch ist es wirklich eine gute Idee, wenn elektronische Liebesdiener die individuellen Bedürfnisse befriedigen?

In dem Science-Fiction-Streifen „AI – Artificial Intelligence“ von Steven Spielberg aus dem Jahre 2001 spielt Jude Law den Sexroboter Gigolo Joe. Ein Mann mit schwarzem Lackmantel und wächsernem Gesicht, der einer Frau offenbart: „Wenn du erst mal einen Liebesroboter hattest, willst du nie mehr einen echten Mann.“ Das Auftreten ist insofern aussergewöhnlich, als es sich bei Sexrobotern meist um Frauen handelt. Gigolo Jane, der weibliche Widerpart, tritt in dem Film nur kurz auf. Doch die Fiktion ist von der Realität gar nicht weit entfernt.

Die US-Firma True Companion hat einen Sexbot namens Roxxxy entwickelt, der jeden Wunsch des Besitzers erfüllt. Sie kann zuhören, reden, Berührungen spüren, „in Stimmung kommen“ und Lust auf Sex haben. Der mit Gummi umhüllte Computer ist mit Berührungssensoren und einer vibrierenden Vagina ausgestattet. „Sie saugt zwar nicht und kocht nicht, aber sie macht fast alles andere“, sagt Entwickler Douglas Hines von der Herstellerfirma True Companion.

Roxxxy und Rocky

Roxxxy sieht auf den ersten Blick aus wie eine aufwendig geformte Gummipuppe, mit vollen Lippen, laszivem Blick und Reizwäsche. Ihr Aussehen lässt sich personalisieren, von der Augen- und Haarfarbe bis zu Schamhaaren, ihre Persönlichkeit programmieren: abenteuerlustig („Wild Wendy“), zurückhaltend („Frigid Farrah“) oder lernwillig („Young Yoko“). Frei wählbar, wie das Menu in einem Restaurant.

Roxxxy kann sogar Konversationen über Fussball führen. Es ist der vollkommene Macho-Traum. Ziel sei es, einen Sexroboter zu kreieren, der den Liebesakt geniesse, sagen die Entwickler. Für 6695 Dollar (rund 6200 Euro) ist Roxxxy auf dem britischen Markt erhältlich, es soll mehrere tausend Vorbestellungen gegeben haben. Für den Preis bekäme man eine Escort-Dame für einen Tag, aber keine elektronische Liebesdienerin, die einem dauerhaft zur Verfügung steht.

Auf der nicht ganz jugendfreien Herstellerseite truecompanion.com kann man auch Roxxxys männliches Pendant Rocky zum gleichen Preis bestellen. Die Hautfarbe (kaukasisch, asiatisch, dunkel) kann ebenso ausgewählt werden wie die Augen- und die Haarfarbe oder die Länge der Rasierstoppel. Den Artikel kann man wie einen Mixer auf Amazon in den Warenkorb legen.

Sex und Technik sind ein erotisch aufgeladenes Duo. Man denke an die ersten Vibratoren. Doch mit den Fortschritten künstlicher Intelligenz könnte das Sexualleben auf eine neue evolutive Stufe gehoben werden. Statt eintöniger Gummipuppen könnten smarte Sexspielzeuge, die mit Sensoren die Vorlieben der Nutzer lernen, die Menschen befriedigen; könnte virtuelle Realität, in denen Orgien simuliert werden, Pornografie überflüssig machen. Experten sprechen bereits von der nächsten sexuellen Revolution.

Der Futurist Ian Pearson behauptet, dass wir 2050 mehr Sex mit Robotern als mit Menschen haben werden. In seinem Buch „Love and Sex with Robots“ schreibt Daniel Levy, dass „Liebe mit Robotern so normal sein wird wie Liebe mit anderen Menschen“. In Südkorea gibt es bereits Hotels („doll experience rooms“), in denen man für 25 Dollar die Stunde Roboterliebe machen kann. Levy entwirft eine Vision, in der Sex 24/7 on demand verfügbar ist und Prostitution obsolet wird.

Sieht so die Zukunft des Zusammenlebens aus? Kopulierende Mensch-Maschinen-Paare, die in Amusement-Arkaden wie in Charles Fouriers Phalanstère leben, wo aus Arbeit Sex wird und Sex zu Arbeit? Ist das die ultimative Freiheit, wenn Sexroboter zu jeder Tageszeit verfügbar sind und auf individuelle Wünsche eingehen? Orgasmus für alle?

Natürlich ist es auch eine kulturelle Frage, ob wir Roboter als Sexualpartner akzeptieren. Sex mit Haushaltgeräten – und nichts anderes sind Roboter ja – gilt als verpönt, und der Gedanke an Geschlechtsverkehr mit einem Roboter ist gewiss befremdlich. Der Liebesakt ist etwas zutiefst Lebensbejahendes, Ausdruck tiefer menschlicher Zuneigung. Und wenn der nun zumindest teilautomatisiert würde, würde der Mensch ein Stück seiner Identität und Intimität preisgeben.

Ethisch oder unethisch?

Das Versprechen der Automatisierung ist es ja, dass gesellschaftlich wenig anerkannte Berufe wie jene der Müllmänner, Putzfrauen oder Prostituierten (die ja zur Sozialversicherung angemeldet werden und damit anderen Berufen faktisch gleichgestellt sind) nicht mehr ausgeübt werden müssen. Das Problem der Zwangsprostitution würde geringer werden, in Sextourismus-Destinationen wie Thailand oder den Philippinen müssten sich junge Mädchen, die nur noch Nummern sind, nicht mehr Freiern hingeben. Der Einsatz von Sexrobotern wäre insofern human und ethisch, als der anrüchige Sextourismus und die sexuelle Ausbeutung eingedämmt würden. Auch könnten Sexroboter dabei helfen, dass Menschen mit Behinderung ihre Sexualität ausleben können.

Solange der Roboter kein Gewissen und keine Gefühle hat, ist es egal, wie der Mensch mit ihm umgeht und welche bizarren Phantasien er auslebt. Nach dem Motto: Lieber malträtiert der Mensch eine Maschine als einen Menschen. Doch wie wir Roboter behandeln, sagt viel über uns Menschen aus. „Die Frage ist nicht, ob Menschen ihre Lebenswelt auf Roboter ausweiten, sondern, was auf die Roboter projiziert wird“, schreibt die Roboterethikerin Kathleen Richardson. Allein, die feministische Kritik an Sexrobotern ist insofern verengend, als sie nur die Robotergirls, nicht aber die Roboterboys in den Blick nimmt, die es auch gibt. Ist es dann nicht auch so, dass die Frau über den Roboboy Rocky herrscht? Macht ist ja nicht dem Geschlecht inhärent, auch wenn das die Gender-Theoretiker immer behaupten. Man kann also aus den gleichen Gründen gegen männliche Sexroboter sein wie gegen weibliche.

Doch damit beginnt das Problem erst. Darf es die Gesellschaft zulassen, dass nach Kindern und Tieren modellierte Roboter in Verkehr gebracht werden, an denen Pädophile beziehungsweise Zoophile ihre Phantasie ausleben? Das japanische Unternehmen Trottla hat bereits mit der Produktion solcher Kinder-Sexroboter begonnen. Der US-Robotik-Forscher Ronald C. Arkin vom Georgia Institute of Technology will Pädophile gar mit Sexrobotern therapieren, was zu Recht als ethisch hoch umstritten gilt. Arkin sagte, dass Kinder-Sexroboter als Substitutionsmittel ähnlich wie die Methadon-Behandlung von Heroinabhängigen zur Behandlung von Pädophilen eingesetzt werden könnten. Die Grundannahme dieser ziemlich verwegenen Theorie besagt, dass Pädophilie eine anthropologische Konstante darstelle, man jedoch Kinder schützen könnte, indem man Kindesmisshandlung ohne Kind technisch möglich mache. Die Frage ist bloss, ob die gestörten sexuellen Bedürfnisse dadurch nicht verstärkt und ein gesellschaftlich geächtetes Verhalten durch die Normativität des Faktischen nicht doch akzeptiert wird.

Der US Supreme Court entschied 2002, dass das Herstellen, Verbreiten oder Besitzen von „virtueller Kinderpornografie“, bei deren Entstehung keine echten Kinder an sexuellen Handlungen beteiligt seien und worunter sich Kinder-Sexroboter subsumieren liessen, zulässig seien. Doch was wäre, wenn ein Roboterhersteller ganz legal das Gesicht eines Kinds oder eines Stars lizenzierte und tausendfach Sexroboter produzierte? Man mag über solche Fragen den Kopf schütteln, doch dürften sie weiter an Brisanz und Relevanz gewinnen.

Roxxxy und Rocky machen mechanisch alles, was der Mensch will. Sie sind erotische Jasager-Maschinen. Doch was ist, wenn Roxxxy oder Rocky einmal nicht wollen? Kann ein Roboter Opfer einer Vergewaltigung werden? Es gibt bereits Stimmen, die eigene Rechte für Roboter fordern. Im Rahmen des EU-Projekts „RoboLaw“ wurde darüber diskutiert. Daran anknüpfend hat der Rechtsausschuss des EU-Parlaments Ende Mai 2016 einen Entwurfsbericht vorgelegt, wonach Roboter als „elektronische Personen“ klassifiziert und somit in den Status eines Rechtssubjekts erhoben werden könnten.

Der amerikanische Science-Fiction-Autor Paolo Bacigalupi erzählt in seiner Short Story „Mika Model“, die er für das Magazin „Slate“ verfasste, die fiktive Geschichte des Robotergirls Mika, die ihren Besitzer getötet hat, weil er sie schlecht behandelt und als Sexsklavin missbraucht hat. Ist das Mord? Oder ein Fall von Produkthaftung? Sexroboter werfen eine Reihe ethischer und rechtlicher Fragen auf. Und sie spielen längst nicht mehr nur im Science-Fiction-Reich.