KEYSTONE/Gaetan Bally

Zwang der Ehe

Liebe mit staatlichem Gütesiegel

von Milosz Matuschek / 21.02.2016

„Die Liebe ist ein seltsames Spiel“, heißt es in einem Schlager. In Sachen Seltsamkeit wird die Liebe nur noch von der Heirat getoppt. Denn wo zwei (oder auch mehr?) Menschen jedweden Geschlechts sich treffen und sich auf Basis ihrer tief empfundenen Zuneigung versprechen, füreinander da zu sein, kommt zuerst noch der Staat und maßt sich eine intime Vertragskontrolle an. Trifft die Verbindung auf sein Wohlwollen, vergibt er ein Lizenzpapier, das mit Förderungen, Vergünstigungen und Rechten einhergeht. Der Staat besitzt die Deutungsmacht über die Ehe.

Die Lizenzscheine vergibt er als Monopolist allein in seinen Amtsstuben. Die bunte Vielfalt des Zusammenlebens nimmt er wahr, behandelt sie jedoch selektiv. Er fördert die einen, bestraft die anderen, anerkennt hier und belächelt dort. Nicht jede Beziehung ist gleichwertig. Der Staat verhält sich seit je gegenüber Beziehungsmodellen wie eine Rating-Agentur. Steht eine derartige Kopfnoten-Vergabe dem Staat zu? In den Debatten um die Anerkennung unterschiedlicher Lebensformen wird diese Grundsatzfrage selten gestellt, die Ehe gibt es schließlich seit der Erschaffung der Welt – wobei die erste Verbindung Adams mit Lilith bezeichnenderweise gleich schon schiefging.

Die Bewertung ist dabei immer auch eine moralische Inhaltskontrolle. Letztere wäre jedoch allenfalls Aufgabe nichtstaatlicher Moralinstitutionen wie Kirchen und Religionsgemeinschaften. Den Staat sollte vor allem eines interessieren: Werden in Beziehungen verstärkt Solidaritätsbande geschlossen, die eine Entlastung der Gesellschaft bedeuten? Das gilt für gleichgeschlechtliche Paare nicht weniger als für verschiedengeschlechtliche. Es könnte jedoch auch schon für faktisch Zusammenlebende ohne Trauschein gelten oder Paare in eingetragener Lebenspartnerschaft. Doch das ist bis heute in vielen Ländern nicht der Fall. Mit der Abschaffung der Ehe oder ihrer Privatisierung gäbe es zumindest ein Vehikel weniger, um staatliche Symbolpolitik zu betreiben.

Für derartige Überlegungen stehen heute nicht etwa Anarchisten oder Alt-Hippies, sondern illustre Wissenschafter wie die Amerikaner Cass Sunstein und Richard Thaler („Nudge“). Aus Sicht der Verhaltensökonomie ist die Ehe eine Form staatlich auferlegter Entscheidungsarchitektur. Sie setzt Anreize oder straft. Früher öffnete sich mit der Ehe das Tor zu Sexualität und Fortpflanzung. Heute immerhin noch vielerortszu zu einem Steuersparmodell. Fehlverhalten wie Seitensprünge, verteuert sie potenziell, indem sie Scheidungskosten als Vertragsauflösungskosten vorsieht.

Das kann in gewissen Situationen disziplinierend wirken. Aus gleichem Grund bringen Körperbewusste an Kühlschränken Vorhängeschlösser an und sperren die Schlüssel dafür in das Handschuhfach des am anderen Ende der Stadt parkierten Wagens. Aus liberaler Sicht ist die staatliche Ehe als Entscheidungskorsett eine gedankliche Herausforderung, wenn nicht eine Zumutung. Sie ist so stets anfällig für eine inhaltliche Entleerung. Es geht nicht um Liebe, sondern um einen Bonus. Die Ehe wird dann bloße Geschäftsgrundlage eines Konsumentenhaushalts oder Ausdruck einer Massenmimetik von Mittdreißigern, die dem Staat „nichts schenken“ wollen. Die Ehe zwingt zu Kalkül, allein schon durch ihre Existenz. Ohne sie ginge es freier zu – und romantischer.