Annick Ramp/NZZ

Liebe/r Leser*in und andere Probleme einer „geschlechtergerechten Sprache“

von Sieglinde Geisel / 07.04.2016

Seit den 1970er Jahren kämpft die feministische Linguistik um die Anerkennung der Frauen in der Sprache. Doch die Sprache wehrt sich gegen Eingriffe in die Grammatik. Ein Gastbeitrag von der Journalistin und Autorin Sieglinde Geisel.

Jede Sprache bildet unsere Weltwahrnehmung anders ab. Das gilt nicht nur für Verben, die das Vergehen der Zeit je nach Sprache unterschiedlich einteilen, sondern auch für die Darstellung der Geschlechter, einen Dauerbrenner der modernen Sprachpflege. Das Englische hat bekanntlich den Vorteil, dass man dem Wort „reader“ nicht ansieht, ob eine Frau oder ein Mann am Lesen ist. Im Deutschen dagegen wird aus dem männlichen Leser erst durch das angehängte „-in“ eine lesende Frau. Seit die feministische Linguistik in den 1970er Jahren Alarm geschlagen hat, arbeiten wir Frauen uns an der Kränkung ab, dass wir im Deutschen entweder unsichtbar bleiben oder als Ableitung der männlichen Norm in Erscheinung treten, Eva aus Adams Rippe.

In den letzten Jahren wurden die Methoden der „geschlechtergerechten“ Sprache ständig erweitert: Zu den inzwischen vertrauten LeserInnen kommen Leser/innen, Leser*innen und Leser_innen hinzu. Bei Abkürzungen ist im akademischen Sprachgebrauch sogar ein kühnes hochgestelltes „-in“ möglich geworden: Prof.in, Gender-Sternchen bzw. Gender-Gap sind keine bloße Marotte. Es geht um die Aufhebung des Geschlechterdualismus: Jenseits von Mann und Frau sind Trans- und Intersexuelle ausdrücklich mitgemeint.

Der Sprache soll das Patriarchat ausgetrieben werden, wenn nötig mit Gewalt. Doch genau das ist der Haken. Abgesehen von den kaum mehr nachvollziehbaren Differenzierungen, scheitert das Projekt an den inneren Gesetzmäßigkeiten der Sprache. Frauen sind nicht sichtbarer in den Fremdkörpern, die wie mit einem Spaltbeil ins Wortinnere getrieben werden. Lese ich etwa in einer Anrede Liebe Journalist*innen, sehe ich weder Männer noch Frauen noch Transsexuelle vor dem inneren Auge. Ich fühle mich auch nicht in besonderer Weise als Frau wahrgenommen. Jedoch erkenne ich das angestrengte Bemühen, gendertechnisch nichts falsch zu machen.

Diese neue Konvention hat ihren Preis, denn Gender-Sternchen, -Schrägstriche und -Gaps funktionieren nur behelfsmäßig. Sobald wir es mit Pronomen zu tun haben, knirscht es im Getriebe der Grammatik. Schon die harmlos aussehende Grußformel Liebe Kolleg*innen ist eine Mogelpackung: Beim Singular Liebe*r Kolleg*in fehlt dem lieben Kollegen am Wortende bereits ein e. Abenteuerlich wird es bei Wörtern mit Umlaut: Jede*r Ko*ch*in – das sind Eskapaden aus dem Reich der experimentellen Poesie.

Die Sprache macht bei diesen plumpen Eingriffen in den Code nicht mit. Gute Texte erkennt man daran, dass sie sich gut sprechen lassen. Die Rache der Sprache für die ihr zugefügten Verletzungen besteht schlicht darin, dass sie uns die Aussprache verweigert. Der „glottale Stopp“ in der Wortmitte der Leser*innen zerstört jede rhetorische Wirkung, und in einen literarischen Text werden diese Konstruktionen nie und nimmer Eingang finden.

Auch sanftere Methoden, die auf Eingriffe in die Wörter verzichten, bieten keine attraktiven Lösungen. Wer bei jeder Gelegenheit brav „Autorinnen und Autoren, Leserinnen und Leser“ aufsagt, bekommt nicht nur einen trockenen Mund, sondern geht damit auch seinen Zuhörerinnen und Zuhörern auf die Nerven. Nicht einmal das scheinbar neutrale Partizip Präsens bietet Zuflucht: Das an Universitäten gängige „Liebe Studierende“ klappt nur im Plural, beim Singular findet man sich schon mit dem ersten Relativsatz in Teufels Küche wieder: „Der oder die Studierende, der oder die sich bei dem oder der Lehrenden melden möchte, wird gebeten …“

Ändert sich die Wirklichkeit, wenn wir in der Sprache die Geschlechtergerechtigkeit nur ausdauernd genug vorturnen? Wird es dereinst mehr Chefinnen, Professorinnen und Präsidentinnen geben, wenn wir sie immer nennen? Die scheinbar saubere Lösung in der Sprache könnte auch ein Ersatz dafür sein, dass es in der Wirklichkeit nicht so klappt, wie manche es gerne hätten. Denn die Macht der Worte ist begrenzt: Gender-Gap & Co. zwingen niemanden dazu, Macht abzugeben.