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Rezension

Lisa Herzog und der Neo-Neoliberalismus

von Lukas Sustala / 29.10.2015

Ist die Frontstellung zwischen Markt und Staat überholt? Die Philosophin und Ökonomin Lisa Herzog  fordert mit ihrem Buch einen komplexeren Liberalismus. Doch wie kann der aussehen? 

„Freiheit gehört nicht nur den Reichen“, heißt das Buch von Lisa Herzog. Der Titel könnte auch aus der Feder von Thomas Piketty stammen. Der Rockstar unter den Ökonomen prangert in seinen Büchern und Beiträgen die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich an: Ein immer größerer Teil des Erwirtschafteten komme immer weniger Menschen zugute.


Credits: C.H. Beck

Doch Lisa Herzog hat kein weiteres Buch über die ungleiche Verteilung von Vermögen geschrieben, sondern über den Liberalismus. Dass sie in dessen Titel mit einem polarisierenden Thema der aktuellen wirtschaftspolitischen Auseinandersetzung spielt, ist aber durchaus gewollt. Denn in ihrem Buch prangert sie an, dass es im Liberalismus Denkverbote zu geben scheint, sich nicht mit aktuellen, polarisierenden Fragen wie Umweltpolitik oder Ungleichheit zu beschäftigen.

Die Denkverbote rühren vor allem aus einem alten Konflikt, argumentiert Herzog. Liberalismus, das ist gerade auch das Ankämpfen gegen einen übermächtigen Staat, der sich in Bereiche des Lebens seiner Bürger einmischen will, in denen er nichts verloren hat. Gegen den Leviathan, der sich bevormundend gegenüber seinen Bürgern verhält und dem Individuum enge Grenzen setzt. Gegen einen Staat, der die negative Freiheit – also das Recht, unbehelligt zu bleiben – seiner Bürger nach einem selbstbestimmten Leben ignoriert, wenn es ihm in den Kram passt.

Aber Herzog glaubt, dass sich gerade auch deswegen die Debatten im und über den Liberalismus festgefahren haben: „Das Bild, gegen das ich anschreibe, ist das einer Frontstellung von Markt und Staat, in der der Markt ausschließlich als Reich der Freiheit und der Staat ausschließlich als Reich von Zwang und Unterwerfung gesehen wird. … Auch im Namen von Freiheit und des Rechts auf ein selbstbestimmtes Leben können Einschränkungen des Marktes gefordert werden, nicht nur im Namen anderer Werte wie Gleichheit oder Solidarität.“

Das ist der sogenannte ordoliberale Gedanke: die Idee, dass wir mit dem Kapitalismus gut arbeiten können, wenn wir ihn politisch einbetten.

Lisa Herzog

Und so ist ihr Plädoyer für einen „komplexen“ Liberalismus gerade auch ein Plädoyer dafür, die Freiheit anders zu denken. Statt der negativen Freiheit nimmt Herzog die Freiheit in den Fokus, um das eigene Leben selbstbestimmt führen zu können. Das klingt erstmals nach Kapitalismuskritik. Aber es gehe nicht darum, den Kapitalismus abzuschaffen, sagt Herzog: „Wenn man Kapitalismus so versteht, dass Politiker nur noch die Interessen der Kapitaleigentümer vertreten, bin ich auch dafür, ihn abzuschaffen. Es ist aber möglich, dass die Politik der Wirtschaft einen Rahmen setzt. Das ist der sogenannte ordoliberale Gedanke: die Idee, dass wir mit dem Kapitalismus gut arbeiten können, wenn wir ihn politisch einbetten.“

Die liberalen Schubser

Herzog sucht das Heil des Liberalismus gerade auch in der Verhaltensökonomie und den sanften Schubsern. Im angelsächsischen Raum sind diese „Nudges“ schon in der Politik angekommen. Verhaltensökonomen wie Richard Thaler – hier in einem ausführlichen NZZ-Interview – haben nachgewiesen, dass Menschen weniger rational agieren, als es die Wirtschaftspolitik gerne hätte. Daher könnte man ihr Leben verbessern, auch wenn man das Verhalten politisch zu steuern versucht, indem man Impulse für Verhaltensänderungen setzt. Dabei geht es oft um das richtige „Design“ von Verträgen, etwa zur Altersvorsorge oder der Organspende.

Lisa Herzog, geboren 1983 in Nürnberg, hat in München und Oxford Philosophie, Volkswirtschaftslehre, Politologie und Neuere Geschichte studiert. Aktuell ist sie Postdoc am Center for Ethics in Society, Stanford University.

Eine der Kernaussagen der Verhaltensökonomen: Menschen sind bei ihren Entscheidungen oft träge, daher wählen sie gerne die vorgeschlagene Option. In Ländern, in denen die Standardoption die automatische Organspende ist, ist der Anteil der Spender hoch, in Ländern, die hohe Spar-Raten für private Pensionsvorsorge als Standardoption vorsehen, ist die durchschnittliche Sparquote dementsprechend höher.

Diese Beispiele erfolgreicher „Nudges“ würden die Lebensrealität der Menschen erheblich verbessern, ohne zeitgleich ihre Freiheit stark zu beschneiden.

Gerechtigkeit global

Anders aber verhält es sich mit der sozialen Gerechtigkeit. Hier „scheint man wieder im alten Freund-Feind-Schema angekommen zu sein: Gleichheit und Staatseingriffe von links, Freiheit und Marktwirtschaft von rechts“, schreibt Herzog in einem Kapitel über die Facetten der Freiheit.

Ihr Plädoyer für einen komplexen Liberalismus ist vor allem eines: eine Streitschrift gegen Denkverbote und dafür, die alten Vorstellungen und Modelle der liberalen Denker, von Adam Smith bis Friedrich August von Hayek, in die heutige Welt der technischen und globalen Komplexität überzuführen. Dass Probleme globalen Ausmaßes, von der Ungleichheit bis zur Umwelt, eben auch auf internationaler Ebene angegangen werden.

Hat sich der Liberalismus also überholt? Herzog, die in Oxford und München Volkswirtschaftslehre, Philosophie, Politologie und Neuere Geschichte studiert hat, lässt an mehreren Stellen durchblicken, dass sie viele liberale Haltungen für überholt hält, etwa die Hoffnung, dass die unsichtbare Hand schon irgendwie für gerechte Verhältnisse sorge. In einer komplexen, globalisierten Welt aber könnten die meisten Menschen gar nicht abschätzen, welche Konsequenzen ihr Handeln habe. Dadurch komme die Verantwortung und die Moral zu kurz, die schon bei Adam Smith eine wichtige Kehrseite der Medaille der Freiheit war, findet Herzog.

Der Staat ist ja da

Was sie aber nicht in ihrem Buch anspricht, ist eine andere, unbequeme Wahrheit. Der Staat ist so tief in die Wirtschafts- und Lebensrealität der Menschen eingedrungen wie schon lange nicht mehr. Davon zeugen nicht nur die offiziellen „Staatsquoten“, die zeigen, dass viele Staaten schon bereits kräftig umverteilen. Auch die Regelwerke in verschiedensten Bereichen, vom Banking bis zur Umwelt, sind in den vergangenen Jahren kräftig angeschwollen. Dabei agiert auch der Staat oft erratisch und ist anfällig für Lobbyismus.

Muss sich der Liberalismus also von der Frontstellung zwischen Staat und Markt lösen? Es gilt wohl mehr denn je, den wirtschaftspolitischen Akteuren jedweder Couleur unangenehme Fragen zu stellen: Warum soll der Staat heutzutage noch Telekom-Unternehmen betreiben? Welche Anreize setzen die ins kleinste Detail reichenden Bankenregeln? Welche Leistungsanreize schafft der Staat mit seinem komplexen und einschneidenden Steuer- und Abgabensystem? Und da wären wir dann doch wieder bei Fragen, die polarisieren werden. Ganz unkomplex war der Liberalismus wohl auch bisher nicht.

Am Donnerstag ist sie im NZZ-Club und diskutiert im Rahmen einer Vortragsreihe, die NZZ.at zusammen mit der Universität Wien veranstaltet, diesmal zur Frage „Warum Wachstum?“.


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Lisa Herzog in der Sternstunde Philosophie des SRF zu Markt, Macht und Freiheit