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Gespräch mit dem kolumbianischen Schriftsteller Héctor Abad

„Literatur bedarf der Mystifikation“

von Andreas Breitenstein / 29.06.2016

Der Schriftsteller Héctor Abad gehört zu den wenigen liberalen intellektuellen Stimmen Lateinamerikas. In Zürich sprach er über die Perspektiven Kolumbiens und Lateinamerikas sowie über seinen neuen Roman La Oculta.

Wenn Sie jemandem, der keine Ahnung hat, erklären müssten, was Kolumbien ausmacht, was würden Sie ihm sagen?

Ich würde sagen, dass Kolumbien ein einzigartiger Mikrokosmos ist, eine Art Zusammenfassung all dessen, was es auf dieser Welt gibt. Wir haben urtümliche leere Landstriche, wird haben Zonen, die hoch entwickelt und dicht bevölkert sind; es gibt Bezirke, die sehr arm sind – meistens da, wo die Schwarzen leben, also eine Art Afrika; es gibt Gegenden, die Europa und Kanada gleichen, wo Modernität und Wohlstand herrschen. Wir haben Wüste und Urwald, Berge und Meer, und verschiedene Klimazonen. Wir sind mit einem ungeheuren biologischen Reichtum gesegnet, etwa mit dem weltweit zweitgrößten Bestand an Vogelarten und einer überbordenden Flora und Fauna. Es gibt eine Vielzahl Ethnien und Kulturen, es gibt Arme und Reiche und eine Mittelklasse. Und wir haben Gewalt und Terrorismus.

Es scheint ein Privileg, Kolumbianer zu sein – oder ist es eher ein Problem?

Kolumbien ist ein sehr intensives Land. Man könnte vielleicht sagen – wir haben zu viel von allem. Kolumbien ist ein Ort, der einen mit seiner Vielfalt dauernd in Atem hält – mit beglückenden, aber auch schlimmen Dingen. Man wünschte sich, es ginge ruhiger und gelassener zu und her. Ein Schuss „langweilige“ Schweiz täte uns gut. (lacht)

Glück und Leid

Kolumbien, dieses wunderbare Land, hat ein denkbar schlechtes Image. Es kommen einem Jahrzehnte von Gewalt und Drogenkrieg, Entführung und Erpressung und Menschenraub in den Sinn. Historisch gesehen hatte Kolumbien ja einen vergleichsweise guten Start: 1886 wurde es die erste Demokratie in Lateinamerika; es gab niemals eine Diktatur.

Wir sind ein ziemlich paradoxes, zwischen den Extremen angesiedeltes Land. Wenn man die weltweiten Indizes ansieht, die das Glück des Einzelnen messen, findet sich Kolumbien immer auf vordersten Rängen. Wir sind ein glückliches Volk, auch wenn die Menschen viel leiden. Denn wenn man die Abgründe des Lebens kennt, vermag man seine Höhen besser zu genießen. Wir haben daher eine sehr ausgeprägte und lebensfreudige Populär- und auch Hochkultur. Ob weiß oder schwarz, gemischt oder indianisch. Die Leute lieben es, zu erzählen, Musik zu machen oder zu hören und zu tanzen.

Manchmal ist Reichtum kein Segen, sondern ein Fluch.

Nun, es stimmt, es liegen fünfzig gewalttätige Jahre hinter uns. Manchmal eben ist Reichtum, wie er sich bei uns in Form von Gold und Öl, Edelsteinen und Holz, aber auch in den Möglichkeiten des Kaffee-, Kartoffel- und Kokaanbaus findet, kein Segen, sondern ein Fluch. Der Ressourcenreichtum unserer Natur stimuliert die Menschen, etwas damit anzufangen. Vieles lässt sich hier zu Geld machen, und Geld in großen Mengen ist etwas, was die Leute gern auf die schiefe Bahn bringt. Denn wer bei uns lukrative Geschäfte macht, lässt sich leicht erpressen – etwa Ölfirmen oder Bananenanbau-Unternehmen. Im Übrigen sind die sozialen Unterschiede zwischen Großgrundbesitzern und Tagelöhnern, Stadt und Land riesengroß.

Zum Reichtum von Kolumbiens Natur kommt die strategisch formidable Lage des Landes an der Kontinentalbrücke und zwischen den Ozeanen.

Das stimmt – aber auch hier: Es ist ein Vorteil, der uns hohe Kosten auferlegt. Sie müssen wissen, dass diese Landbrücke keine richtige Brücke ist. Wir grenzen gegen Panama an einen undurchdringlichen Urwald, durch den weder eine große Straße noch ein Zug führt. Hier regnet es das ganze Jahr, es ist unglaublich feucht und heiß und schlammig. Um den Wald zu überwinden, muss man entweder das Flugzeug oder das Boot benützen. Es ist wirklich schwierig, hier eine Landverbindung zu bauen, und die USA, die das könnten, sind wohl nicht besonders daran interessiert, diese natürliche Barriere gegen Süden zu schleifen.

Vielleicht könnten ja die Schweizer einen langen Tunnel bauen . . .

(lacht) Ich denke aber auch an die positive Seite, nämlich dass hier ein riesiges Stück intakte Natur mit einer ungeheuren Biodiversität erhalten geblieben ist, das man unbedingt bewahren muss.

Auf den Pfad der Evolution eingeschwenkt

Man hat den Eindruck, dass Lateinamerika in den letzten Jahren erwachsener geworden ist. Nach dem Ende des Kalten Krieges hat der ideologische Gegensatz zwischen Links und Rechts an Bedeutung verloren, Diktatoren hat man bis auf wenige Ausnahmen in die Wüste geschickt. Es gibt einen neuen Realismus und Pragmatismus. Man will selber etwas auf die Beine stellen und Anschluss an die globalisierte Wirtschaft gewinnen. Basierend auf dem Rohstoffboom lief vieles besser, doch scheint es mit dem Einbrechen der Nachfrage wieder infrage gestellt. Wie viel Hoffnung bleibt heute von der Utopie, die Lateinamerika einmal darstellte?

Es gibt immer noch viel Armut in Lateinamerika, etwa die Hälfte der Bevölkerung lebt in Not. Früher kursierte die Idee, dass dies nur durch eine kommunistische Revolution zu ändern sei, doch nach der ernüchternden Erfahrung, dass es mit der Abkürzung zur gerechten Gesellschaft nicht klappt, ist man mittlerweile auf den Pfad der Evolution eingeschwenkt. Die kommunistische Revolution war eine Idee, die viel Gewalt und Gegengewalt produzierte, und am Ende stand man vor einem ökonomischen Scherbenhaufen. Das jüngste Beispiel ist Venezuela – dass sich Hugo Chávez die Sympathie der kleinen Leute mit Geld und Konsumgütern erkaufte, statt ihnen mit Jobs und Bildung eine langfristige Lebensperspektive zu verschaffen, kommt die Venezolaner auf Jahrzehnte teuer zu stehen.

Waren Sie von jeher skeptisch gegenüber den revolutionären Befreiungsbewegungen? Die Initialzündung war ja in Kuba, wo Fidel Castro mit den Seinen 1959 den Diktator Batista stürzte, die Amerikaner aus dem Land warf und 1961 einen sozialistischen Staat errichtete, der Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit versprach. Nicht nur in Lateinamerika, auch in Europa waren viele fasziniert von diesem Gesellschaftsexperiment.

Ich kann verstehen, warum damals so viele Leute Feuer fingen. Mein Vater gehörte damals auch zu den Optimisten. Für mich als Spätgeborenen war es anders, ich fuhr 1978 als junger Mann nach Kuba und erkannte sofort, in welche Sackgasse sich Castro manövriert hatte. Kuba war damals ein gänzlich geschlossenes Land, und die Kubaner hatten keine Vorstellung davon, welche Freiheiten die Menschen in anderen Ländern Lateinamerikas genossen. Nun hatte man sicher einiges erreicht, etwa was das Erziehungs- und das Gesundheitswesen angeht, aber insgesamt war die Revolution nicht nur ökonomisch, sondern auch vor den eigenen Idealen gescheitert. Das war in den Ländern, die dem Beispiel Kuba folgten, nicht besser.

Also gibt es einen fundamentalen Wandel in der Art, die Probleme anzugehen?

Wir haben begriffen, dass es nicht so schnell gehen kann. Es braucht Zeit, die Dinge Schritt für Schritt zu verbessern: Wir arbeiten hart daran, mehr Menschen den Aufstieg in die Mittelklasse zu ermöglichen, indem wir eine Wirtschaft fördern, die Arbeitsplätze schafft. Wir bekämpfen die Armut und geben Notleidenden sozialstaatliche Unterstützung in punkto Gesundheit, Wohnen und Ausbildung. Man kann nicht einfach niedrige Preise für Milch und Brot dekretieren, das ist Nonsens, denn niemand wird etwas produzieren, was keinen Gewinn für ihn abwirft. Das liegt nun einmal in der Natur des Menschen.

Drogen sollten als ein Gesundheits- und Erziehungsproblem betrachtet werden, nicht als ein Polizeiproblem.

Ich glaube, wir haben in Kolumbien nach wie vor große Probleme, doch die Dinge beginnen sich zu verbessern, etwa wenn Sie sich die stark verringerte Zahl der Morde ansehen, von 7.500 im Jahr 1991 zu 480 im Jahr 2015. Natürlich ist das immer noch zu viel . . . Große Hoffnungen setze ich in den Friedensprozess, mit dem wir den unseligen Bürgerkrieg zwischen Guerilleros und dem Paramilitär, in den sich auch der Staat verstrickte, zu einem Ende bringen wollen. Es wäre doch toll, Geld für Wohlfahrt statt für Waffen einsetzen zu können.

Eine andere Art Kolonisierung

Wie steht es denn mit dem Friedensprozess? Den ideologischen Krieg zwischen der linken Farc-Guerilla und dem rechten Paramilitär zu beenden, ist das eine, aber es gibt ja noch den Drogenkrieg, der in einem lukrativen Business wurzelt. Wie lässt er sich stoppen?

Mit Drogen haben beide der verfeindeten Gruppen gehandelt. Die letzte Regierung hat Frieden gemacht mit den Angehörigen des Paramilitärs, indem sie ihnen fast alles vergeben hat, sie hat 28.000 Bewaffnete demobilisiert. Die Guerilla verzichtet derweil auf Kidnapping und sucht nun eine neue stark linke Partei auf die Beine zu stellen, durch die sie im Parlament repräsentiert ist. Sie lässt sich auf die demokratischen Spielregeln ein, was ich begrüße. Seine Ziele mit Politik statt mit Gewalt zu verfolgen, ist ein enormer Fortschritt. Man sollte die Farc, die wir in den Wäldern nicht besiegen können, auf diesem Weg bestärken.

Bleibt das Problem der Drogen, eines Geschäfts, das derart lukrativ ist, dass dem vielköpfigen Ungeheuer, dem man einen Kopf abschlägt, gleich mehrere nachwachsen. Der Krieg gegen die Drogen braucht einen neuen Ansatz, da er, wie mehr als zwanzig Jahre vergeblicher Anstrengung belegen, gescheitert ist. Wir müssen den Drogenkonsum liberalisieren, um dem Handel das Wasser abzugraben. Drogen sollten wie Alkohol und Tabak als ein Gesundheits- und Erziehungsproblem betrachtet werden, nicht länger als ein Polizeiproblem. Wir müssen die jungen Menschen lehren, in vernünftiger Weise mit Drogen wie Kokain und Marihuana umzugehen. Es gibt keine Alternative.

Eine naive Frage: Warum ist Lateinamerika nicht eine ähnliche Erfolgsgeschichte geworden wie Nordamerika?

Nun: Um 1910 war Argentinien eines der reichsten und am meisten entwickelten Länder der Welt – aber der Populismus hat alles zerstört. Wir hatten eine andere Art von Kolonialisierung als der Norden. Im Norden waren es Familien, die auf der Suche nach Freiheit von überall her kommend den Kontinent besiedelten. Die Kolonialisierung Lateinamerikas war Sache einzelner Männer, besonders in den ersten zweihundert Jahren. Sie brachten skrupellos Leute um und vergewaltigten Frauen, ihr Ziel war es, sich möglichst schnell zu bereichern. Sie verachteten die Menschen, über die sie herrschten, und unterwarfen sie einem Machtsystem, das an der inneren Entwicklung der Gesellschaft nicht interessiert war. Sie brachten von Übersee Sklaven ins Land, um die Naturschätze auszubeuten.

Im Gegensatz zum Norden, wohin die Menschen aus Gründen religiöser Verfolgung geflüchtet waren, kam der Traum von einer neuen, gerechteren Gesellschaft hier erst auf, nachdem die Spanier sich zurückgezogen hatten. Erst als Familien eintrafen, Land erwarben und es zu bewirtschaften begannen, konnte sich ein organischer Reichtum entwickeln, wie wir ihn etwa in Zentralkolumbien haben. Hier, wo die Leute aktiv wurden, erst Landwirtschaft und dann Kaffeeanbau betrieben, konnte sich für Jahrzehnte auch das Erfolgsmodell des Nordens entfalten. Das magische Versprechen Amerikas, dass man sich durch harte Arbeit ein besseres Leben erschaffen konnte, wurde auch in Teilen Lateinamerikas eingelöst.

La Oculta, Ihr autobiografisch inspirierter, historisch weit ausgreifender Roman einer Familie handelt eben davon. Wie viel an der Geschichte Ihrer Ahnen, die auf der Suche nach einer besseren Welt in den Bergen unweit von Medellín eine Art Kommune gründen, ist wahr und wie viel erfunden?

Nicht einmal Historiker wissen genau, was war. Ich habe darüber gelesen, was immer ich in die Hand bekam. Das meiste, was im Roman erzählt wird, stimmt, aber ich habe ein bisschen mystifiziert, denn Literatur bedarf der Mystifikation – ohne sie beginnen die Leser nicht zu träumen. Meine Mystifikation besteht in der Überhöhung des Idealismus: Zweifellos stimmt es, dass in diesen Pionieren die Idee der Gleichheit rumorte, doch ich habe verschwiegen, dass sie auch Rassisten waren.

Für einen Linken war ich ein Faschist, für einen Rechten ein Kommunist.

Ich habe das so gedreht, weil wir heute in Kolumbien ein Rassismusproblem haben – der Roman sollte ein Beispiel geben: Das Land ist für alle da. Und selbstverständlich gibt es diese Finca. Auch hier: Sie musste nicht einer Ferienhaus-Überbauung für reiche Medelliner weichen wie im Roman. Indes rücken Urbanisierungsprojekte tatsächlich immer näher an La Oculta heran, sie machen alles kaputt.

Sie beschreiben, wie die Menschen mit einem Stück Land glücklich und solide werden, weil sie die Früchte ihrer Arbeit selber ernten können – das erinnert mich an die Theorie des peruanischen Ökonomen Hernando de Soto, dem Landbesitz im Kleinen ein maßgeblicher Schlüssel für den Ausstieg aus der Armut ist.

Ja, und ich hoffe, dass mein Buch auch in diesem Sinn den Friedensprozess inspiriert. Wir haben in Kolumbien eine extrem schnelle Urbanisierung – viele Menschen, arme wie reiche, sind im Laufe des Bürgerkrieges von der Scholle vertrieben worden. Sie leben nun an den hässlichen Rändern unserer Großstädte und haben Heimweh nach dem Ort, wo sie geboren sind. Sie haben nicht einmal einen Schrebergarten.

Weite Teile des Landes sind immer noch in der Hand von Großgrundbesitzern.

In der Tat – sie sind sehr feudalistisch, sehr konservativ und sehr mächtig. Sie bezahlen für ihr Land lächerlich kleine Steuern. Denn ihr Land ist weit mehr wert, als in den Papieren steht.

Erfüllt mit weiblichen Stimmen

Ich habe gelesen, dass La Oculta aus einer tiefen Schreibkrise hervorgegangen ist. Was war passiert?

Zunächst einmal: Ich hatte einen Roman geschrieben, mit dem ich tief unzufrieden war und den ich am Ende weglegte. In der Folge habe ich eine politische Diskussionssendung am Radio übernommen, jeden Tag von 6 bis 10 Uhr moderierte ich Kontroversen, die mir an die Nieren gingen – es war vernichtend für meine Literatur und meine Moral. Unsere politische Kultur ist sehr polarisiert, und ich war der Punching-Ball in der Mitte. Für einen Linken war ich ein Faschist und für einen Rechten ein Kommunist. Wenn man das Wort Landreform auch nur erwähnt hat, war man Kommunist.

Erst als ich kündigte, konnte ich wieder schreiben, doch ich hasste das, was entstand. Bei einem Schriftstellertreffen in Lima klagte ich Mario Vargas Llosa mein Leid, und er sagte: „Du kannst das, du hast so tolle Bücher geschrieben. Du musst probieren, insistieren, korrigieren – so lange, bis du magst, was du geschrieben hast.“ Als Stipendiat in Berlin begann ich mit einem neuen Roman, Erinnerungen eines impotenten Liebhabers, der sich sehr gut anließ, doch dann – kein Witz – verlor ich das Manuskript, als ich eines Nachts mit dem Fahrrad von einem Fest bei meinem Verleger nach Hause fuhr.

Ich war am Boden zerstört. So wurde ich auf La Oculta zurückgeworfen, dessen Idee – ein Roman über ein Haus – ich zuerst als altmodisch verworfen hatte. Als ich dann aber die Idee hatte, die Geschichte drei geschwisterlichen Erzählern in den Mund zu legen, fing es an zu laufen, und ich verliebte mich in La Oculta.

Die drei in Bezug auf das Leben ganz anders gelagerten Figuren, denen der Tod der Mutter die Zunge löst, Antonio, Pilar und Eva: Sind das Alter Egos von Ihnen?

Ich bin in einer Weise sehr gespalten. Ich stamme aus einer Familie mit vielen Frauen, einer Mutter und fünf Schwestern, also sechs Müttern (lacht) – darum sind die weiblichen Stimmen sehr präsent in meinem Hirn. Mein Vater war Atheist und Sozialist, meine Mutter war sehr gläubig und eine Kapitalistin, die an den Sinn und den Wert harter Arbeit glaubte, die Geld verdiente und den Haushalt zusammenhielt. Mein Vater war Arzt und Professor an der Universität, was keineswegs hieß, dass er gut verdiente, er ging sehr großzügig mit Geld um. Er engagierte sich für die Armen und ihre Rechte, wofür er 1987 von Paramilitär-Soldaten auf offener Straße umgebracht wurde. Mein Vater sagte mir etwa: „Du kannst von mir aus schon mit deiner Mutter zur heiligen Messe gehen, das macht sie glücklich, doch glaub nicht an die Religion – das ist alles Quatsch.“

Ich liebte beide, und sie sind für mich ein leuchtendes Beispiel von Toleranz: Da taten sich eine Gläubige und ein Ungläubiger in Liebe und Respekt zusammen. Ich aber lernte beide Positionen zu hinterfragen und wurde zum Skeptiker, der ich heute bin – in Bezug auf Politik, Religion, Ökonomie und alle hehren Weltentwürfe. Ich halte es eher mit Realismus und Pragmatismus. Über allem steht die Notwendigkeit, das Leid der Menschen zu vermindern, und am Anfang aller Moral steht das Bemühen, dem anderen nicht zu schaden.

Lateinamerikas magischer Realismus ist heute eine total ausgemolkene Kuh.

So sind die drei divergenten Stimmen in meinem Roman denn in der Tat Ausdruck meiner Zweifel, welches der beste Weg zum Glück ist. Jede Figur müht sich nach bestem Wissen und Gewissen, und jede hat auf ihre Weise recht. Ich hege tiefe Sympathie für alle drei, weil ich versucht habe, jede von ihnen zu sein. Ich bin nicht schwul wie Antonio, aber ich könnte schwul sein – warum nicht. Und ich bin keine Frau, könnte aber so rebellisch sein wie Eva. Oder auch so konservativ wie Pilar, das wäre möglich.

Weitverzweigter Archipel

Sie sind Schriftsteller und Journalist, das hat in Lateinamerika eine große Tradition – siehe Gabriel García Márquez, für dessen Zeitschrift Cambio Sie ja auch eine Weile geschrieben haben. Wie geht das zusammen?

Journalismus ist für viele zunächst ein Broterwerb, nur von der Schriftstellerei kann keiner leben. Ich begann mit allem gleichzeitig – mit Short Storys, Rezensionen, Reportagen, Romanen, Zeitungsartikeln. Meine Welt war die Welt der Bücher; ich besaß sogar einmal ein Antiquariat in Medellín. Sodann arbeitete ich in Verlagen als Lektor, Korrektor und Herausgeber. Heute könnte ich wohl von meinen Büchern leben, doch ich schreibe wöchentlich eine Kolumne für El Espectador, eine liberale Zeitung, die ich liebe, weil sie so viel gelitten hat (auch García Márquez schrieb für sie). Sie wurde 1989 von einem Bombenattentat getroffen, und 1986 wurde ihr Direktor ermordet, als Pablo Escobar und das Medellín-Kartell die Stadt im Würgegriff hielten.

War García Márquez ein Vorbild von Ihnen? Und stellte er als Literaturnobelpreisträger nicht eine übermächtige Größe für den jungen Schriftsteller dar?

Das war eine Generation vor mir – ich musste mich an ihm nicht mehr abarbeiten. Ich bewunderte und bewundere sein literarisches Werk, halte aber seine Parteinahme für Fidel Castro und seinen Sozialismus für einen großen und tragischen Irrtum. Zum Glück aber hat die Politik bei ihm die Poesie nicht verdorben. Sein magischer Realismus war etwas aufregend Neues, doch später, als er in weniger begabte Hände geriet, wurde er zum Klischee. Der magische Realismus ist heute eine total ausgemolkene Kuh.

Der Autor, den ich über alles liebe, ist Joseph Roth. So wie er über die verlorenen kleinen Städtchen im tiefen Osteuropa schrieb, wollte ich über unsere traurigen Dörfer in Antiochia schreiben, so wie in La Oculta. Übrigens war der Arbeitstitel von Hundert Jahre Einsamkeit „Das Haus“.

Gibt es ein gemeinsames lateinamerikanisches Bewusstsein? Und wo steht der lateinamerikanische Roman?

Was uns zusammenhält, ist die Sprache; sie schafft einen gemeinsamen Denk- und Echoraum. Wir Schriftsteller treffen uns regelmäßig, aber es ist nur ein loses Netzwerk. Ich denke, dass die Zeiten, in denen man im Rahmen einer Gruppe eine gemeinsame Ästhetik pflegte und gemeinsame Projekte verfolgte (wie einen Roman über einen Diktator zu schreiben), vorbei sind. Heute sind Lateinamerikas Autoren als Individuen unterwegs, und ihr literarischer Zugriff auf die Welt ist multiperspektivisch geworden. Wir sind Inseln in einem weitverzweigten Archipel. So ist es auch mit den vielen begabten kolumbianischen Autoren – es lohnt sich, bei jedem einzelnen genau hinzublicken.

Héctor Abad: Skeptisch, klug und brillant

Der 1958 in Medellín geborene Schriftsteller Héctor Abad ist ein „homo poeticus“ und „homo politcus“ von einer Brillanz und Klugheit, wie man ihr zumal in Lateinamerika selten begegnet. Mit Blick auf das Zeitgeschehen und zugleich aus einem profunden historischen Wissen heraus schreibt er Romane, Essays und Kolumnen. In der NZZ ist er mit mehreren luziden Essays hervorgetreten. International berühmt wurde er mit seinem Buch über seinen ermordeten Vater, Brief an einen Schatten, dt. 2008). Eben ist auf Deutsch sein herausragender Roman über die Finca seiner Familie erschienen: La Oculta (2014).