Francisco Seco / AP

Interview

„Literatur ist Rebellion“

von Michael Sieberer / 07.07.2016

Die Utopie der Perfektion mache die Welt zur Hölle, sagt Mario Vargas LlosaDer gebürtige Peruaner Mario Vargas Llosa gehört zu den herausragenden Romanciers der Gegenwart. Zu seinen Büchern zählen unter anderen „Der Krieg amEnde der Welt“, „Der Fisch im Wasser“, „Das Fest des Ziegenbocks“ und „Der Traum des Kelten“. Auf Deutsch erscheint sein Werk bei Suhrkamp. 2010 wurde er für sein Schaffen mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt. Llosa ist aber nicht nur ein großer Erzähler, sondern auch ein liberaler Intellektueller, der 1990 sogar für das Präsidentenamt Perus kandidierte. Er ist bekannt dafür, das klare Wort nicht zu scheuen. Im Juni dieses Jahres wurde er in Heidelberg mit der Medaille der Friedrich-August-von-Hayek-Gesellschaft ausgezeichnet. Mario Vargas Llosa lebt in Madrid und Lima. . Für den 80-jährigen Nobelpreisträger ist Literatur ein Protest gegen das Leben. Gerade deshalb warnt er vor Heilslehren.

NZZ: Herr Vargas Llosa, Sie sind kürzlich achtzig geworden. Als Schriftsteller, Politiker und Aktivist zwischen zwei Kontinenten haben Sie in den letzten Dekaden viele Verschiebungen, Revolutionen und Kriege gesehen. Wie gut sind Sie im Vergessen?

(Lacht.) Ich glaube, es ist unmöglich, aktiv zu vergessen oder zu verdrängen. Keiner von uns hat die Kontrolle über seine Erinnerungen. Es ist eher andersherum: Die Erinnerungen kontrollieren Sie. Der Grund für kreatives Schaffen ist die Rebellion dagegen.

Auch „gegen das Alltägliche“, wie Sie in Ihren „Letters to a Young Novelist“ beschreiben?

Ja, denn jeder Alltag ist doch in der Regel profan, unfrei, langweilig. Im Vergleich zu all dem, was da auch noch sein könnte. Um sich das aber vorzustellen, brauchen Sie Imaginationen, ja Illusionen. Sie müssen sich der Tatsache bewusst sein, dass das Leben viel mehr zu bieten hat als den Alltag. Als 80-jähriger Schriftsteller weiß ich: Die Abenteuer, die Sie imaginieren, sind stets spannender als die, die Sie tatsächlich erleben, und glauben Sie mir, ich habe viele Abenteuer erlebt. Die bloße Existenz von Literatur ist also schon eine Manifestation von Rebellion. Warum sollten Sie auch versuchen, eine alternative Realität zu konstruieren, wenn Sie mit Ihrer eigenen Realität zufrieden sind?

Man könnte zufrieden sein, aber annehmen, dass es andere nicht sind – und deshalb schreiben.

Nein. Ob Sie das als Schriftsteller nun wissen oder nicht: Sie drücken eine Art Protest aus gegen das Leben, wie es ist. Sie konstruieren einen Gegenentwurf – und setzen diesen auch direkt künstlerisch um. Die entstehende Lücke zwischen Realität und Imagination treibt dabei zur Verbesserung des Bestehenden an, Kultur ist also ein Motor menschlichen Fortschritts.

Umgekehrt gilt aber auch: Dazu braucht es den Willen, etwas am Bestehenden zu ändern. Seit geraumer Zeit scheinen mir viele Gesellschaften Europas eher mit dem Erhalten und Absichern beschäftigt.

Durchaus. Europa steckt in einer Resignationsfalle, die wohl nicht besonders positiv auf die Kreativität vieler einwirkt. Momentan fehlt hier der Hunger auf Neues. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hat eine enorme politische und künstlerische Nivellierung und Sättigung stattgefunden. Aber das bedeutet nicht, dass es keine Probleme mehr gäbe! Europäische Schriftsteller haben schlicht kein Recht, gelangweilt zu sein: Ihr Kontinent kämpft mit enormen Problemen, mit völlig neuen Problemen – oder doch mit Problemen in neuen Dimensionen! Europäische Einigkeit! Immigration!

Als Peruaner, der schon lange auch in Spanien lebt: Wie sehen Sie den gegenwärtigen Aufstieg politischer Protestbewegungen in Europa?

Wo immer Veränderungen anstehen, entsteht auch Verlustangst. Sir Karl Popper nannte diesen Affekt die Rückkehr zum „verlorenen Gruppengeist des Stammes“ – und genau das trifft die Lage im gegenwärtigen Europa. Man sehnt sich zur Kleingruppe zurück, die einem vermeintlich mehr Sicherheit bot, die dieselbe Sprache sprach, in dieselbe Kirche ging, das gleiche Bier trank. Dieses im Menschen angelegte Bedürfnis, eine Art evolutionäres Erbe aus der Zeit, in der man noch in Stämmen lebte, nicht in Wolkenkratzern, steckt hinter dem Aufstieg der nationalistischen politischen Strömungen unserer Zeit.

Die Vorstellung einer Rückkehr zu einer angeblich heilen Welt eint die auf den ersten Blick eher bunten Protestbewegungen verschiedener politischer Lager?

Menschen aus völlig unterschiedlichen politischen Lagern mit völlig unterschiedlicher Motivation stemmen sich gegen das Unüberschaubare, das Unberechenbare, gegen Globalisierung und Kapitalismus – und zwar buchstäblich mit den Ideen der Steinzeit. In einer Welt des permanenten Wandels können wir, so Popper, niemals zur „angeblichen Unschuld und Schönheit der geschlossenen Gesellschaft“ zurückkehren, ohne wieder jene zerstörerischen Wirkungen zu entfalten, die man in Europa bereits vergessen glaubte. In Südamerika können Sie sehen, wohin das führt.

Konkreter?

Venezuela hat sich vor fast zwanzig Jahren zunächst politisch vom Rest Südamerikas abgespaltet, indem Chávez ein System installierte, dessen Untauglichkeit sich historisch bereits zigfach erwiesen hatte: Sozialismus. Die nationale und internationale Linke applaudierte: „Zurück ins Kleine! Zurück zu nationaler Kontrolle über das Kapital! Weg vom runden Tisch der Korrupten!“ Kurz: Weg vom Weg, den der Rest Südamerikas eingeschlagen hatte. Es folgten Verstaatlichungen kompletter Wirtschafts- und Industriezweige, obskurer Nationalismus vergiftete das Klima mit den Nachbarn, völlige Isolation auch in der Außenpolitik – alles mit dem Segen des Volkes, das glaubte, sich auf diesem Wege vom Gang der Welt ausnehmen, zur überschaubaren, weil geschlossenen Gesellschaft zurückkehren zu können. Heute ist Venezuela korrupt, eines der ärmsten Länder der Welt, Caracas die Stadt mit der höchsten Kriminalitätsrate, Geld ist nichts mehr wert, die Menschen verhungern – und das, obwohl Venezuela eigentlich reich sein könnte.

Wieso hatten und haben Totalitarismen, mal mehr sozialistischer und mal mehr nationalistischer Spielart, eigentlich eine so enorme Anziehungskraft auf Intellektuelle – und auch auf Schriftsteller? Sie selbst haben in jungen Jahren die Revolution auf Kuba unterstützt.

Das war in den frühen 1960er Jahren – und ein großer Fehler. Ich glaube, es gibt für den intellektuellen Hang zu den großen Ideologien mehrere Gründe, am ehesten plausibel scheint mir aber folgender zu sein: Den Grad an Perfektion, den Sie im Schaffen von Literatur, Philosophie oder Kunst erreichen können, können Sie in einem demokratischen System nie erreichen. Hier entsteht stattdessen Mediokrität.

Und Künstler wie auch Philosophen mögen kein Mittelmaß?

Noch dramatischer: Sie lehnen die durchschnittliche Welt ab, ziehen die Perfektion vor. Deshalb denken viele von ihnen utopisch – einige handeln auch mit dem Sendungsbewusstsein des Utopisten, denn die Utopie macht die „Perfektion“ vorstellbar, etwa im Kommunismus oder im Gedankengebäude der Anarchie. Als Denkspiel ist das schön – wir wissen aber, zu welcher Hölle Utopisten die Welt gemacht haben, wenn es darum ging, die nicht perfekte Realität der Perfektion zuzuführen. Diese Höllen wurden dann zum Glück nicht von einer neuen Heilslehre, sondern von der Realität falsifiziert. Und zwar oft genug. Das sage ich als Advokat des Liberalismus.

Sie sprechen mit einem liberalen Medium: Ich bitte um eine angemessene Standpauke zur Lage der freiheitlichen Sache in Europa.

Die werden Sie nicht erhalten. (Lacht.) Denn: Ich bin zum Liberalen geworden, weil ich es schätze, dass der Liberalismus keine abschließenden Wahrheiten postuliert, dass in der liberalen Tradition Philosophie und Ökonomie Hand in Hand gehen, gemeinsam Erkenntnis suchen – und zwar stets mit dem fest auf das Individuum und seine Möglichkeiten gerichteten Blick, nicht auf einen Idealzustand.

Hier liegt die Grenze zwischen liberaler Doktrin und liberaler Ideologie.

Genau so ist es. Es gibt ja unglaublich viele Arten des Liberalismus, einen liberalen Ideologen können Sie aber ziemlich gut daran erkennen, dass er eine der beiden Sphären zur allein gültigen erklärt. Ich glaube, wer behauptet, der Markt löse alle unsere Probleme, liefert eine unfreiwillige Karikatur des Liberalismus. Schon Adam Smith trieb diese Problematik um, er schrieb zuerst seine „Theory of Moral Sentiments“, bevor er sich dem „Wealth of Nations“ widmete. Ihm war die gewichtete Integration dieser Sphären ins Denken bewusst, weil er eine klassische Bildung genossen hatte, die der Welt der Moral und der Ästhetik denselben Rang beimaß wie der Welt des Wissens und der Preise.

Das ist die große Tradition des Liberalismus: beide Sphären im Blick haben, beide Sphären mitdenken, damit ideologischen Irrläufen vorbeugen. In letzter Zeit scheint diese geistesgeschichtlich sehr produktive Kombination an intellektueller Anziehungskraft zu verlieren.

Das sehe ich anders. Liberale Denker wie Raymond Aron oder Isaiah Berlin sind weiterhin sehr aktuell, weil sie sich auch mit der Welt der Ökonomie beschäftigten, aber niemals behauptet hätten, dass diese Welt allein Aufschluss darüber geben könnte, was gut und schlecht, was wertvoll und wertlos ist. Auch Friedrich August von Hayeks Werk hat nichts von seiner intellektuellen Anziehungskraft eingebüßt: Sein „Weg zur Knechtschaft“ ist ein sehr leicht zu lesendes, aber gleichzeitig enorm aufschlussreiches Schlüsselwerk des modernen Liberalismus. Die zentrale Erkenntnis aus der Lektüre dieses Buches für mich war, dass Faschismus und Kommunismus ähnlich funktionieren, dass sie eben nicht zwei konträre Ideologien sind – sondern in ihrem Kollektivismus und Etatismus dasselbe hervorbringen: Gesellschaften, in denen das Individuelle verschwindet, in denen der Einzelne wertlos wird. Hayek verstand es, diesen Kollektivismus anschaulich herauszuschälen und seine vernichtenden Wirkungen auf die Freiheit des Einzelnen aufzuzeigen.

Ihr jüngeres, essayistisches Werk zur Lage der Hochkultur schlägt nun eher pessimistische Töne an, Ihre letzte Essaysammlung trägt den Titel „Notes on the Death of Culture“. Ihre Romane hingegen stimmen nicht selten versöhnlich, enden auch einmal komisch oder augenzwinkernd-optimistisch. Wie erklären Sie sich diese Differenz?

Sie sind der Erste, der mir das sagt – aber ja, Sie haben recht, und das gefällt mir. (Lacht.) Natürlich bin ich vom Naturell her eher ein Optimist als ein Pessimist. Und diese grundsätzliche positive Stimmungslage muss sich auch eher in meinen Erzählungen manifestieren; denn sie speisen sich – anders als etwa Abhandlungen über das spezifische Phänomen einer untergehenden Hochkultur – ja aus mir und sonst nirgendwoher.

Ein Pessimist wäre wohl auch schlecht beraten, sich als „Advokat“ des Liberalismus – und des ihm eigenen, humanistischen Fortschrittsversprechens – auszugeben, oder?

Der liberalen Idee Verpflichtete sehen die Zukunft weit offen und prinzipiell begrüßenswert. Und wenn die Zukunft schlechter ist als das Heute, wovon der Pessimist ausgeht, so ergibt diese Haltung einfach keinen Sinn. Liberalismus und Pessimismus sind also inkompatibel. Ich bin überzeugt: Es ist nie zu spät, die Zukunft zu schreiben, sie zu verbessern. Für jeden von uns.