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Literaturnobelpreis für Bob Dylan: Die Akademie stösst die Türe auf

Meinung / von Angela Schader / 14.10.2016

Mit der Vergabe des Preises an einen Songwriter betritt die Schwedische Akademie Neuland. Der mutige Schritt bedeutet allerdings, dass wichtige US-Autoren nun definitiv aus dem Feld geschlagen sind.

Hässliche Töne sind aus Amerika zu uns gedrungen in den letzten Tagen und Wochen. Aussagen, Polemiken, die eine Präsidentschaftswahl von enormer Tragweite zunehmend zur miesen Farce verkommen liessen. Nun verschafft die Vergabe des Literaturnobelpreises an Bob Dylan einer anderen Stimme Nachhall. Einer Stimme, die weltweit trägt, auch wenn sie das Laute, Penetrante meidet. Einer Stimme, die viele von uns fast ein Leben lang begleitet hat.

Der Entscheid der Schwedischen Akademie für einen Songwriter und Musiker ist ungewöhnlich und innovativ. Das dürfte rückblickend erklären, warum die Jury heuer länger tagte als in anderen Jahren. Auch ungewöhnlich populär ist die Wahl des Preisträgers – aber was spräche dagegen? Sicher liegen die Parameter der Beurteilung im Falle Dylans etwas anders, als wenn es um rein literarisch-ästhetische Kriterien gegangen wäre; aber die oft als eher verschroben geltende Akademie hat ihre Tür weit geöffnet, frischen Wind und ein grösseres Publikum eingelassen. Und diesem Publikum wiederum wird die Würdigung das Gehör für Dylans Lyrics – und vielleicht sogar für die literarischen Allusionen in seinen Texten – schärfen.

Dreiundzwanzig Jahre hat es gedauert, bis – nach Toni Morrison – wieder ein amerikanischer Kandidat die höchste literarische Weihe erhielt. Das heisst allerdings, dass der 1933 geborene Philip Roth und Don DeLillo, der dieses Jahr achtzig wird, kaum mehr mit dem Preis rechnen dürfen. So berechtigt die Freude über die Ehrung Bob Dylans ist, so sehr schmerzt der Abschied von diesen Kandidaten. Roth ist, zusammen mit dem syrisch-libanesischen Dichter Adonis, wohl der Dienstälteste unter den «ewigen Anwärtern» – eine Kränkung, die keiner der beiden verdient. Der Romancier, der die Brüche amerikanisch-jüdischer Existenz ebenso kunst- wie lustvoll in Szene zu setzen wusste, hat die literarische Bühne mittlerweile allerdings verlassen: 2012 verkündete Roth, für mindestens zehn Jahre oder vielleicht auch ganz mit dem Schreiben aufhören zu wollen.

Don DeLillo dagegen ist präsent wie eh und je; und er ist der Amerikaner, dem man den Nobelpreis besonders gegönnt hätte. Hier wäre ein Schriftsteller zu ehren gewesen, der in seinen Fiktionen stets auf der Höhe der Gegenwart oder sogar der Zeit voraus ist, nie aber im lediglich Faktischen verhaftet bleibt; der Meister einer kargen, wie gemeisselten Prosa, die dennoch bildliche Strahl- und dialogische Spannkraft entfaltet. Wenn wir die neueste Dylan-CD einschieben und das Glas auf den Nobelpreisträger erheben – dann wird dem Wein dieser eine bittere Tropfen beigemischt sein.