Jochen Schlenker / Robertharding / Laif

Identität

Loyalität zu Deutschland: Die andere Heimat

von Inna Hartwich / 22.09.2016

Bin ich Halbrussin, Halbdeutsche, Irgendwie-Deutsche? Über die Frage der Loyalität zum Staat im Einwanderungsland.

Ein beiger Bus, Zwölfsitzer. Ich presse die Nase gegen die Fensterscheibe, sie fühlt sich fettig an. Draussen weinen alle, die Tanten, die Onkel, der Cousin, die Grossmutter, die Nachbarn. Ich verstehe nicht, warum. Wir würden doch wiederkommen, so denke ich. Hierher in die Steppe. Ganz bald. Wir würden zwar nach Deutschland fliegen, das hatte Vater gesagt. Er hatte auch „für immer“ hinzugefügt. Doch „immer“ begriff ich genauso wenig wie die Tatsache, dass die Sowjetunion, die wir gerade dabei waren zu verlassen, gar keine Sowjetunion mehr war. Ich war ein Kind, zwölf Jahre alt.

Ein Kind aus der sowjetischen Provinz, das nun – nach dem Zerfall der Sowjetunion war die Ausreise fast problemlos erlaubt – mit Vater, Mutter, Bruder in dieses unbekannte Deutschland zog, aus dem „unsere Vorfahren“ kamen. Von Vater hatte ich gelernt, dass einst Zarin Katharina deutsche Siedler – auch einen unserer Verwandten also – in die Weiten des Russischen Reiches eingeladen hatte. Wie sich diese an der Wolga niederliessen oder auch im Kaukasus, dort Schulen und Betriebe gründeten. Wie der Diktator Josef Stalin im Zweiten Weltkrieg alle Deutschen in der Sowjetunion der Kollaboration mit Nazi-Schergen bezichtigte und sie in Viehwaggons vertreiben liess, wie sie ins Arbeitslager kamen, in unwirtliche Gebiete hoch im Norden oder weit in Zentralasien, wie sie dort unter Aufsicht schufteten und zu strammen Sowjetbürgern erzogen werden sollten. Den Grosseltern, die erst „heim ins Deutsche Reich“ geholt worden waren und nach dem Krieg im sowjetischen Lager in der Taiga der Komi-Republik landeten – einem „Ort Nummer 3“, der als Geburtsort ihrer Töchter und Söhne im Pass prangt – , war es verboten, Deutsch mit ihren Kindern zu sprechen, obwohl in ihren Pässen „deutsch“ als Nationalität stand. Wie auch im Pass meines Vaters. Und auch in meiner grünen sowjetischen Geburtsurkunde, die bald nichtig werden würde.

Das alles begriff ich, ich war mit diesen Familiengeschichten aufgewachsen. Ich begriff aber nicht, dass ich all die Tanten, die Onkel, den Cousin, die Grossmutter, die Nachbarn erst Jahre später wiedersehen würde. Als junge Frau bereits, als ich mich aufmachte, meine Geburtsstadt am Ural zu besuchen. Meine Heimat, wie andere sagten. Meine Heimat, wie ich früher gedacht hatte.

Eine Heimat, die keine mehr war. Weil es eine neue Heimat gab. Oder so etwas wie. Ein Land, in dem ich so viel Milch trinken konnte, wie ich nur wollte, kein Schlangestehen mehr im Reich des Sozialismus. In dem ich kein rotes Halstuch mehr bügeln musste, nur weil es zur Schuluniform dazugehörte, weil man ordentlich aussehen müsse, wie die Lehrerin sagte, die eines Tages deswegen gar meine Eltern in die Schule zitiert hatte. Das zunächst unbekannte Deutschland war mir nach und nach vertraut geworden, weil ich hier erwachsen wurde, weil ich von hier aus die Welt entdeckte, weil ich hier verstand, was das eigentlich ist: Freiheit und Demokratie, freie Meinung, freie Presse, freies Leben.

Und doch, jedes Mal, wenn ich den Boden meines Geburtslandes betrete, das nun Russische Föderation heisst, so autoritär und repressiv es war und ist, fühle ich mich wohl. Zu Hause. Irgendwie. Die Gerüche, die Geräusche, die Verhaltensweisen, ich kenne all das von Kindesbeinen an, ich habe all das nicht vergessen. Ich sehe die Tanten und Onkel, ich erzähle, lache, werde nachdenklich und will schon bald – nach Hause. In dieses andere Land. Das eigene Land. Deutschland.

Kann es zwei „Heimaten“ geben? Es gibt keinen Plural für dieses Wort. Zwei Pässe kann es aber geben. Zwei Staatsbürgerschaften. Zwei Loyalitäten? Nein, sagen einige Politiker in Deutschland und fordern das, was vor einigen Jahren noch als grosse Errungenschaft einer multiethnischen Gesellschaft gefeiert wurde – eben die doppelte Staatsbürgerschaft –, wieder rückgängig zu machen. Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel verlangt „ein hohes Mass an Loyalität zu unserem Land“ und wendet sich dabei vor allem an die Türkischstämmigen. In erster Linie an solche, die vor wenigen Wochen nach Köln pilgerten, um dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ganz euphorisch zuzujubeln. Schon bricht sich im bundespolitischen Berlin eine aufgeregte Debatte Bahn, die einmal mehr „die Türken“ im Blickfeld hat. Sie müssten sich entscheiden, sagt auch der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, Jens Spahn. Denn solche Menschen hätten eine „gespaltene Loyalität“. „Doppelt hält schlechter“, kommentierte er kürzlich in der „Zeit“. Kinder von Nichtdeutschen sollten keine zwei Staatsbürgerschaften haben dürfen. Vor allem die Unionspolitiker können nicht nachvollziehen, warum die Entscheidung für nur einen Pass zu viel verlangt sei. Viele Bürger pflichten ihnen bei, man könne schliesslich auch nicht protestantisch und katholisch zugleich sein, sagt da so mancher. Ein schiefer Vergleich, durch den sie offenbaren, wie wenig sie überhaupt von Menschen mit komplizierter Herkunft begreifen und wie verkrampft der Umgang mit vermeintlich Fremden im Land immer noch ist. Wobei die meisten von ihnen in Deutschland zur Welt gekommen und in Deutschland zu Hause sind. Ein von der Politik gefordertes Loyalitätsbekenntnis ist ein lebensfremdes Verständnis einer Gesellschaft, die seit langem eine Einwanderungsgesellschaft ist, allerdings immer noch von vielen nicht als solche begriffen wird.

Wer will messen, und wie soll überhaupt gemessen werden, wie loyal sich die vermeintlich Fremden denn geben, die längst eingesessene Bürger des Landes sind? Und was, wenn sie es nicht genug sind? Droht die Ausbürgerung? Ist denn jemand illoyal zu einem Land, nur weil er das andere Land (auch) liebt? Allerdings erklären jene, die Treue zum Staat fordern, nicht, was sie darunter verstehen. Ist es das Bekenntnis zum Grundgesetz, das Besitzen eines einzigen Passes, das Beherrschen und Sprechen des Deutsch in den eigenen vier Wänden und ausserhalb dieser, das Kennen deutscher Märchen und deutscher Feiertage? Es bleibt stets vage und läuft doch auf eine Art Gesinnungstest hinaus. Das aber kann kein Politiker wollen.

Ja, „der Türke“, „der Russe“, „der Araber“ kann durchaus nur einen Pass besitzen, doch ist er dann sogleich loyal? Ist jeder sogenannte „Biodeutsche“ (gewiss mit nur einem Pass) loyal zum Staat? Auch dann, wenn er auf der einen oder anderen Demonstration im Land stolz die russische Fahne trägt und „Putin, hilf!“ ruft? Wenn er offen bekennt, „ein Führer“ wie Putin, Erdogan oder Xi täte auch Deutschland gut? Die Frage lautet doch vielmehr: Wie stehen wir – ob nun „Türken“, „Deutsche“, „Polen“ – zu autoritären Herrschern, zur Achtung von Bürgerrechten, zur freiheitlich-liberalen Gesellschaftsordnung? Diese Frage hat nichts mit einem, zwei oder drei Pässen zu tun.

Die Gesellschaft muss sich vielmehr damit auseinandersetzen, warum zum Beispiel so viele in Köln Erdogan zujubelten. Warum auch einige Russlanddeutsche, fürs Demonstrieren gewöhnlich nicht zu begeistern, vor einigen Monaten mit Plakaten und Transparenten vors Kanzleramt zogen, um für eine 13-Jährige Partei zu ergreifen, die mit ihrer erfundenen Geschichte einer Vergewaltigung durch eingewanderte Araber vor allem in russischen Medien Gehör fand und die Russlands Aussenminister „unser Mädchen“ nannte. Die Frage ist, warum sich einige Migranten und ihre Nachkommen so schnell von der Regierung der Länder instrumentalisieren lassen, in denen sie längst nicht mehr leben oder noch nie gelebt haben. Einige fühlen sich von diesen Regierungen offensichtlich ernster genommen als von der deutschen Politik. Weil die Gesellschaft in Deutschland ihnen zu oft vermittelt hat, nicht dazuzugehören?

Wenn eine Regionalzeitung nach der Wahl von Muhterem Aras zur Landtagspräsidentin in Baden-Württemberg titelt „Von Anatolien bis an die Spitze des Parlaments“, zeigt dies, wie stark die Aufteilung in „Wir“ und „Die“ immer noch ist. Völlig egal, dass Aras 38 ihrer 50 Jahre in Deutschland verbracht hat, hier zur Schule gegangen ist, hier studiert und ein Unternehmen gegründet hat und hier in die Politik eingestiegen ist – sie bleibt „die aus Anatolien“. Fremd. Ist das ihr gegenüber loyal?

Warum müssen sich Kinder aus der dritten Generation von Eingewanderten immer noch dafür rechtfertigen, dass sie „doch, ja!“ Deutsche sind, auch wenn ihre Eltern das womöglich nicht sind? Sie basteln sich ihre Identitäten, je nach Gesprächspartner, je nach Situation. Auch ich tue das. Meinen Geburtsort verstecken, mich verstecken. Nichts erklären müssen und es manchmal doch tun wollen. Einfach erzählen, wie es war, als Kind in den drei Monate langen Sommerferien in Flipflops die Knaben aus unserer Strasse zu fangen, wie langweilig ich es im Pionierlager fand, wie grossartig dagegen die Zugfahrten zu den Eiskunstlauf-Wettkämpfen quer durch das riesige Land. Erklären, wie Steppenwind sich anfühlt, dass Winter bei minus 30 Grad nichts Grässliches sind.

Das aber hiesse, sich preiszugeben. Sich zu „entblössen“. Dafür ist die Angst oft zu gross. Angst, nach solchen Erzählungen als Fremdkörper wahrgenommen zu werden. Der Satz meines zweiten Deutschlehrers wirkt immer noch nach: „Ich sehe, du bemühst dich, aber du wirst nie richtig dazugehören.“ Doch genau das wollte ich, will ich: dazugehören. Ohne Bedenken, in eine Schublade gesteckt zu werden: „Ah, die Russin.“ Ein Zwiespalt tut sich stets auf. Ist man denn wirklich Russin? Halbrussin? Halbdeutsche? Irgendwie-Deutsche? Die Lösung ist – zu verschweigen, einen Teil der Biografie fallenzulassen und auf die vermeintlich einfache Frage „Woher kommst du?“ schnell „aus Nordhessen“ zu nuscheln.

Es ist eine Illusion, zu glauben, es gebe nur eine einzige, eine eindeutige Identität. Deutschland ist viel grenzüberschreitender, als viele meinen, es gibt die Libanesen-Chinesen-Deutschen, die Türken-Bulgaren-Deutschen, die Briten-Palästinenser-Deutschen, die Deutsch-Ukrainer, die Deutsch-Mongolen. Sie alle sind auch Deutsche. Auch meine Tochter ist das. Genauso, wie sie Schweizerin ist, weil ihr Vater Schweizer ist. Sie ist eine Doppelbürgerin, die darüber hinaus mit Russisch aufwächst, diesem Erbe, meinem Erbe, und von Anfang an eine gebrochene Familiengeschichte lebt. Sie kann nichts dafür. Muss sie Deutschland eines Tages ihre Loyalität beweisen?