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Malbücher für Erwachsene: Alles so schön bunt hier

von Joachim Güntner / 20.09.2016

„Adult coloring“ ist zu einem Massenphänomen geworden. Was reizt Erwachsene, sich stundenlang in Malbücher zu vertiefen, um darin vorgegebene Muster auszumalen?

Was hilft beim Einschlafen besser als Schäfchen zählen? Schäfchen malen, genauer: ausmalen. Es können auch die Konturen von Elefanten und Vögeln, Blättern und Blüten sein, die sich der Schlaflose vornimmt, um sie zu kolorieren. Fliessende Formen sind unter den Käufern von Malbüchern für Erwachsene besonders beliebt. Was auch immer sich über das zum Massenphänomen gewordene „adult coloring“ sagen lässt: Sein Entspannungseffekt ist unstrittig. Abends stundenlang mit dem Buntstift fein ziselierte Vorlagen zu füllen, leert den Kopf und sediert die Amygdala, das emotionale Zentrum unseres Gehirns.

Mein Pech: Ich kann gut einschlafen, habe daher nie von den Wonnen gekostet, die das „adult coloring“ verspricht, und den ganzen Trend glatt verpennt. Derweil besagen Nachrichten aus dem Buchhandel, dass nicht aufhört, was 2013 mit Johanna Basfords Malbuch „Secret Garden“ begann. Die „coloring books for grown-ups“ haben sich als eigenes Genre mit Millionen von Käufern etabliert. Auch im deutschsprachigen Buchhandel wächst die Zahl der gemeldeten Titel rasant: 2014 erschienen lediglich zwölf Ausmalbücher für Erwachsene, 2015 zehnmal mehr. 2016 könnte sich diese Menge verdoppeln.

Längst ist der Boom zu einem Fall für Zeitdiagnostiker geworden. Berichten Hobby-Koloristen von einer Rückkehr in die Kindheit, welche ihnen „schon der typische Geruch der Farbe beim Abrieb auf dem Papier“ beschert, wittern Kulturkritiker blanken Konformismus. Zeigt sich nicht im Ausmalen ein Geist, der Grenzüberschreitungen fürchtet?

Dem Koloristen sind die Dessins vorgegeben, er passt sich den Formen an, hütet sich vor Übermalungen, beweist „Linientreue“. Er erscheint als Angepasster, der, wenn er zum Buntstift greift, jene Farbe aufs Papier bringt, die seinem farblosen Leben fehlt. Sein meditatives Versinken in Mandalas, floralen und Tiermotiven tut, als komme da ein Mensch beim Ausmalen ganz zu sich. Endlich einmal hat er das Smartphone beiseitegelegt und den Laptop zugeklappt, hat sich aus der digitalen Vernetzung ausgeklinkt, hat sinnliche statt virtuelle Erlebnisse, macht „eine Art Entgiftungskur vom Digitalen“ (Basford). Zugleich jedoch bedient seine Nachfrage nach Do-it-yourself-Entspannung eine „Achtsamkeits“-Ökonomie, die sich in den USA und teilweise auch bei uns zu einem prosperierenden industriellen Komplex entwickelt hat.

Kunsttherapeuten weisen darauf hin, dass das Kolorieren vorgegebener Muster weder künstlerisch wertvoll noch achtsam sei noch eine Therapie ersetzen könne. Das würde ich an ihrer Stelle auch sagen, schon um mir nicht das Geschäft verderben zu lassen. Selbstgemalte Mandalas hingegen lassen sie als heilsam gelten, denn immerhin hat C.G. Jung, der Begründer der analytischen Psychologie, auch welche kreiert und Mandalas als Manifestationen unbewusster Zustände gewürdigt.

Das Attraktive am „adult coloring“ ist seine Zwischenstellung. Es lenkt den Fokus der Aufmerksamkeit weg von trüben Grübeleien, fordert aber weniger Anstrengung als Yoga; es wirkt kreativ, ohne Kunst zu sein; es hat therapeutischen Nutzen, kommt aber ohne Therapeuten aus. Wie Malbücher für Schimpfwörter, Genitalien, Pornos, Politiker- und Starporträts zeigen, lassen sich seine Themen beliebig ausweiten. Es ist Malen für Nichtskönner, und dennoch kann man mit den bunten Ergebnissen in den Social Networks punkten. Um es mit der Publizistin Thu-Huong Ha zu sagen: „You can do it stoned, or you can do it drunk, and at the end, you still have something pretty to put on Instagram.“ Kein Wunder, dass es boomt.