Christophe Boisvieux/laif

Geopolitische Perspektiven

Malthus auf den Kopf gestellt

von Urs Schoettli / 22.06.2016

Japan und China schrumpfen und altern gleichermaßen. Sie reagieren jedoch unterschiedlich auf die demografische Herausforderung. China aspiriert weiter auf den Platz an der Sonne – mit Folgen.

Chinas Streitkräfte, die größten der Welt, zählen noch 2,3 Millionen Mann. Chinas Führung hat realisiert, dass bei der modernen Kriegsführung Qualität vor Quantität kommt. Einzig der Jungdiktator in Pjöngjang mag dies noch nicht erkannt haben, weshalb die nordkoreanische Hungernation bei 25 Millionen Einwohnern einen militärischen Mannschaftsbestand von ganzen 1,2 Millionen aufweist. Japan, nach den USA und China immerhin die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt, hält demgegenüber weniger als 250.000 Mann unter Waffen.

Die Streitkräfte schrumpfen also. Auch wenn der Weltfriede noch immer nicht ausgebrochen ist, wird heute die Stärke eines Landes aber natürlich nicht mehr anhand der Menschenkohorten berechnet, die es auf dem Schlachtfeld zum Einsatz bringen kann. Wichtiger ist die Zahl der Konsumenten und Arbeitskräfte, die sich mobilisieren lassen – heute, morgen und übermorgen. Als essenziell für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung eines Landes erweist sich deshalb die Zusammensetzung der Bevölkerung.

Die Nachrichten über die demografische Entwicklung Japans sind durchaus alarmierend. Die Bevölkerung altert und schrumpft zugleich mit rasch wachsender Geschwindigkeit. Ministerpräsident Shinzō Abe gibt zwar zu verstehen, dass er die demografischen Herausforderungen, mit denen sich Japan in den kommenden Jahrzehnten konfrontiert sieht, erkannt hat. Doch sind Zweifel angebracht, ob seine Regierung den nötigen Mut und die erforderliche Weitsicht zu fundamentalen bevölkerungs- und sozialpolitischen Reformen aufbringen wird.

Chinas Führung hat derweil realisiert, dass eine rigide Ein-Kind-Politik das Land ins demografische Desaster führt. Inzwischen werden chinesische Bevölkerungsexperten nicht mehr von malthusianischen Albträumen über eine in der Hungersnot endende Vermehrung des chinesischen Volks geplagt. Was sie vielmehr umtreibt, ist die Sorge über eine zunehmend verquere chinesische Alterspyramide.

China: die Fakten

Realistischerweise besteht die Aussicht, dass Indien spätestens im Jahre 2022 China als volkreichstes Land der Welt überrunden wird. Dessen ungeachtet halten heute manche chinesische Demografen die Altersstruktur der indischen Bevölkerung für gesünder. Von welchen Erschütterungen wird die Gesellschaft der Volksrepublik heimgesucht?

So fragen sich dieselben Demografen, wenn die von der Ein-Kind-Politik seit den späten 1970er Jahren in die Bahnen geleiteten demografischen Veränderungen wirklich greifen. Was, wenn – relativ gesehen – immer mehr Ältere auf die arbeitsfähigen Jüngeren treffen, die in breiten Teilen zudem kaum über eigenen Wohlstand verfügen? Die Dämmerungsphase der Politik hat begonnen.

Mit der Furcht vor der angeblichen „gelben Gefahr“ im Hinterkopf galt vielen asiatischen Staaten das Reich der Mitte lange als das malthusianische Schreckgespenst schlechthin. Als am 31. Juli 1980 die Bevölkerung der Volksrepublik China offiziell die Marke von einer Milliarde Menschen erreicht hatte, wer hätte gedacht, dass bloß eine halbe Generation später das Land mit einem gravierenden Überalterungsproblem konfrontiert sein würde?

Nachdem sich die Bevölkerung seit der Ausrufung der Volksrepublik im Jahr 1949 in bloß drei Dekaden beinahe verdoppelt hatte, zog die chinesische Führung Ende der 1970er Jahre mit dem Erlass der Ein-Kind-Politik die Notbremse. Der neue Kurs, zusammen mit einer rasch voranschreitenden Urbanisierung, führte dazu, dass Chinas Bevölkerungswachstum bereits 1990 unter jenes der USA fiel.

Die Gesamtfertilitätsrate liegt mittlerweile bei 1,6 Geburten pro Frau, mithin markant unter der für die Erhaltung des Bevölkerungsstandes nötigen Marke. Zu den großen Erfolgen von Chinas Modernisierung gehört die substanzielle Erhöhung der allgemeinen Lebenserwartung. Bei Maos Tod im Jahre 1976 konnte ein Durchschnittschinese mit einer Lebensspanne von 63 Jahren rechnen. Heute sind es bereits 75 Jahre. Zusammen mit dem Rückgang der Geburten bedeutet dies eine bald spürbare Veränderung der Bevölkerungspyramide.

Heute sind 18 Prozent der Chinesen unter 15 Jahre alt, während Menschen von über 65 Jahren 11 Prozent ausmachen. Dieses Verhältnis wird sich in den kommenden Jahren und Jahrzehnten kräftig verschieben, wobei die Bevölkerung bis 2030 noch auf 1,4 Milliarden wachsen und danach zurückgehen wird, um 2050 mit 1,35 Milliarden kleiner zu sein als im Jahre 2016. Bereits heute zeichnen sich Engpässe auf dem Arbeitsmarkt ab, und in der Zukunft wird sich der Anteil der Erwerbstätigen an der Bevölkerung weiter stark vermindern.

Japan: die Zahlen

Und Japan? Die Alterskohorte der Japaner über 65 Jahre beziffert sich auf 27 Prozent und liegt damit mehr als doppelt so hoch wie die Gruppe der Menschen im Alter von unter 15 Jahren. Von Japans 47 Präfekturen verfügen noch 6, darunter dank Zuwanderung Tokio und die benachbarte Präfektur Kanagawa mit Japans zweitgrößter Stadt Yokohama, über eine wachsende Bevölkerung. In vielen Gegenden beschleunigt sich die Landflucht; das Durchschnittsalter der japanischen Bauern beträgt heute 67 Jahre. Mit 1,43 lag die Gesamtfertilitätsrate im letzten Jahr wieder etwas höher als auch schon, doch führte der seit 1975 deutlich unter der Marke von zwei liegende Wert mit der stark geschrumpften Zahl von Frauen im gebärfähigen Alter dazu, dass 2015 mit knapp einer Million Geburten ein neuer Tiefststand erreicht wurde.

Und die Nachbarländer?

Berechnungen zeigen, dass zwar dank fortlaufender Erhöhung der Lebenserwartung bis anhin die Rückbildung der japanischen Bevölkerung, die im Oktober 2010 mit 128 Millionen ihren Zenit überschritten hat, nicht zu drastisch ausgefallen ist. Das Bild wird sich in den kommenden Jahren freilich verändern. 2025 wird Japan voraussichtlich noch 124 Millionen Einwohner haben, und im Jahre 2050 werden es bloß noch 109 Millionen sein, wovon 40 Prozent 65 Jahre alt oder älter sein werden.

Während Japans und Chinas Bevölkerungen schrumpfen und der Anteil der älteren Generationen mit beschleunigter Geschwindigkeit zunimmt, ragen in der weiteren Nachbarschaft vier Länder – Indonesien, Bangladesch, Indien und Pakistan – mit rasant wachsenden Populationen heraus. Heute haben diese vier Staaten insgesamt 1,9 Milliarden Menschen, 2030 werden es voraussichtlich 2,2 Milliarden und 2050 gar 2,5 Milliarden sein, von denen rund die Hälfte Muslime sein werden. Japan und China streiten sich um Einfluss in diesen Ländern, die sie nicht nur als wichtige Absatzmärkte und Investitionsdestinationen, sondern auch als geostrategische Partner umwerben.

Geopolitische Perspektiven

Während der Globalisierungseuphorie der letzten Jahre wurde geopolitischen Risiken wenig Beachtung geschenkt. Nach dem Ende des Kalten Kriegs schienen die liberale Demokratie und die Marktwirtschaft endgültige Siege errungen zu haben. Doch der Schein trog. Mit der „Pivot to Asia“-Politik – der Schwergewichtverlagerung nach Asien – der Obama-Administration und mit den intensivierten Bemühungen Chinas, seinen angestammten Status als asiatischer Hegemon und als Weltmacht zurückzugewinnen, ist in jüngster Zeit das Bewusstsein für die Schlüsselrolle geopolitischer Positionierung in der Weltwirtschaft gewachsen. Nicht nur aus US-Sicht lohnt es sich deshalb, einen Blick auf die sicherheitspolitische und weltwirtschaftliche Relevanz der demographischen Entwicklungen in Ostasien zu werfen.

Als 2011 die Volksrepublik China Japan als zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt ablöste, kam dies für die Japaner einem Schock gleich. Dieser wurde durch den Bedeutungsverlust der supranationalen Vereinigungen der sieben bzw. acht führenden Industrieländer (G-7 bzw. G-8), in denen Japan als einzige asiatische Macht vertreten war, zusätzlich akzentuiert.

Inzwischen scheint man sich mehr oder weniger komfortabel in einer marginaleren Position eingerichtet zu haben. Manche Beobachter meinen gar eine Hinwendung zur Resignation zu erkennen, welcher Ministerpräsident Shinzō Abe mit einer schärferen Markierung der japanischen Verteidigungsinteressen gegenzusteuern sucht. Eine alternde Gesellschaft mit einer rasch schrumpfenden Population, die bewusst keine substanzielle Zuwanderung will, neigt naturgemäß zu Konservatismus und Pessimismus. Zwar lässt sich zum Trost darauf verweisen, dass auch China und Südkorea alternde und schrumpfende Bevölkerungen haben. Doch ist insbesondere beim Vergleich mit China den völlig unterschiedlichen Ausgangspositionen Rechnung zu tragen.

Der Platz an der Sonne

Anfang des siebten nachchristlichen Jahrhunderts erhob der japanische Prinzregent Shōtoku mit der Botschaft „der Himmelssohn aus dem Land der aufgehenden Sonne grüßt den Himmelssohn aus dem Land der untergehenden Sonne“ Anspruch auf Gleichstellung der japanischen und der chinesischen Kaiser. Auch wenn in den Sternen geschrieben steht, ob die jüngst verfügte Lockerung der Ein-Kind-Politik wirklich die erwünschte demografische Erholung bewirken wird, so fehlt in China die resignierte Hinnahme des demografischen Niedergangs. Ganz im Gegenteil, die Herrscher in Peking arbeiten gezielt und an allen Fronten darauf hin, dass sich das Reich der Mitte auf weite Zukunft hinaus seinen ihm zustehenden Platz an der Sonne sichern kann. Für die Welt ist es in diesem Kontext denn auch nicht unerheblich, wie China die mentale Verfassung Japans einschätzt.