Glück durch den Glauben

„Man kann den Tod nicht wegdenken“

von Yvonne Widler / 20.02.2016

Die meisten alten Menschen haben Angst vor dem Tod und möchten auch nur ungern in ein Pflegewohnhaus ziehen. Margarete Urbancic hingehen sieht es als Geschenk, dass sie das noch erleben darf. Ein tiefer Glaube und die feste Überzeugung, dass die 80 Jahre auf Erden nur der Anfang sind, machen sie zur glücklichsten Bewohnerin im Altersheim. 

Margarete Urbancic wurde vor 85 Jahren geboren. Ihre blauen Augen strahlen in kurzen Momenten noch immer genau so, wie jene der 30-jährigen Frau, die sie einmal war. Die junge Frau, die früher in einem Milchgeschäft gearbeitet hat. Die Haare sind jetzt weiß und kurz, sie hört sehr schlecht, zum Gehen stützt sie sich auf einen Rollator und der künstliche Darmausgang, über den redet sie nicht sehr gerne.

Worüber sie aber sehr gerne redet, ist ihre Familie. Und „ihre Kirche“. Nur darum ginge es im Leben schließlich. An der Türe hängt ein Foto von Margarete Urbancic und ihrer Enkelin. Daneben steht „Zimmer Nr. 12”.

Vor einiger Zeit musste Frau Urbancic ihre Wohnung verlassen und in ein Pflegeheim ziehen. Was für die meisten alten Menschen der schlimmste und schwierigste Schritt in ihrem Leben ist, was viele in einen Schockzustand versetzt, war für sie ganz einfach. Ja sogar ein Geschenk. „Ich hab eine wunderschöne Wohnung gehabt, natürlich, ich musste plötzlich alles liegen und stehen lassen und gehen. Aber es war nicht schwierig.“ Frau Urbancic hätte sich nicht mehr selbst pflegen können. Ihr Enkelsohn ist immer wieder mitten in der Nacht gekommen, weil es ihr so schlecht gegangen ist. Doch das wollte sie auf Dauer nicht verlangen. In einer solchen Nacht musste sie ins Spital gebracht werden, nicht wissend, dass dies die letzte Nacht in ihrem eigenen Bett sein sollte. Später ist sie im Pflegewohnhaus Leopoldstadt eingezogen. Sie erinnert sich an diese Zeit noch sehr gut.

Margarete Urbancic ist zutiefst gläubig. Eine gute Christin, wie sie sagt. Sitzt man ihr gegenüber, kann man spüren, wie sehr sie daran glaubt, dass dieses Erdenleben hier nur der Vorbote für das Große und Schöne ist, das danach noch folgt. Dass sie alle wieder sehen wird, an einem besseren Ort. „Wenn man weiß, wo es hingeht, kann man sich doch nur freuen. Das hält mich glücklich und am Leben.“ Ihr Gebet und ihre Kirche waren immer ihr Anker. „Ich glaube fest daran. Ich kann nicht traurig sein. Warum sollte ich?“

Der Tod schwebt über dem Altenheim wie eine dunkle Wolke. Auch wenn hier alles bunt und neu ist. Für die Bewohner ist das hier die letzte Station, sie werden hier sterben. Die meisten, sagt Margarete Urbancic, verdrängen diese Gedanken, schieben sie weg.

Frau Urbancic wird meist jünger geschätzt. „Nein, mein Kindi, nein“, sagt sie und lacht. „Es kommt immer auf den Geist an, der Körper vergeht, aber der Geist wird besser im Alter.“ Sie ist geistig noch sehr fit, würde gerne mehr mit den anderen Bewohnern unternehmen oder plaudern, doch damit ist sie eine Ausnahme auf ihrer Station.

Fast täglich bekommt Frau Urbancic Besuch von ihrer Familie. Sie ist davon überzeugt, wenn man sein Leben lang für andere Menschen da ist, dann kommt das im Alter als Dank zurück. „Ich musste auf sehr viel verzichten, weil ich den Kindern immer geholfen habe, da ist kein Geld übrig geblieben. Ich habe nichts von der Welt gesehen, war nirgends. Außer ab und zu am Land. Ein einziges Mal hat Frau Urbancic Österreich verlassen. Sie war schon in Pension und fuhr mit ihrer Tochter zu dem Pilgerort Međugorje. „Das würde ich jedem Menschen empfehlen, der ein bisschen Geld übrig hat. Traumhaft. Die ganze Atmosphäre. Man kann das nicht erklären, das muß man spüren.“

Ihr Mann ist mit 76 Jahren verstorben. Ein Schlaganfall. Zum Schluss wurde er in einem Heim gepflegt. Zu der Zeit ging es Margarete Urbancic gesundheitlich auch sehr schlecht. Sie hatte eine Niere verloren, musste sehr starke Medikamente nehmen, die sie fast blind gemacht haben. „Trotzdem bin ich ihn jeden Tag besuchen gefahren und habe zwei Jahre lang für ihn gebetet“. Jeden Tag hätte er sterben können. Er wurde künstlich ernährt. Zu Pfingsten ist er dann eingeschlafen. „Das war ein Zeichen für mich“. Ein Zeichen dafür, dass es mehr gibt als das Erdenleben. Die Freude und das diesseitige Glück liegen für Margarete Urbancic in der Nächstenliebe. Sie sei doch der einzige Weg, der gute Weg. Und das Schönste am Altsein? „Das Zurückblicken auf die guten Dinge, die man getan hat.“

Wenn sie sich im Altersheim beschäftigen möchte, dann strickt Frau Urbancic Pullover, Westen oder Jacken für die Schwestern und Pfleger hier. „Das bereitet mir viel Freude.“ Sie hat eine eigene Mappe mit den abfotografierten Modellen, die sie angefertigt hat. Stolz blättert sie die Seiten langsam um und erzählt zu jeder eine Geschichte.

Dann legt sie die Mappe weg. „Wissen Sie, das ist das letzte Stück, das ich noch zu gehen habe, ich gehe es gerne.“ Margarete Urbancic sagt, sie hatte ein erfülltes Leben, aber ohne Gott wäre es nicht gegangen. Ihr starker Glaube hat es ihr leichter gemacht, davon ist sie überzeugt. „Glauben Sie mir, die 80 oder 90 Jahre hier, die vergehen wie im Flug. Aber dann, danach kommt die Ewigkeit, auf die freue ich mich.“

Frau Urbancic wird nun etwas müde, aber kramt noch aus einer Lade einen handgeschriebenen Brief hervor. Ein Pfleger, der sich sehr intensiv um sie gekümmert hat, hat ihn ihr geschenkt.

Er habe Demütigkeit von Frau Urbancic gelernt. Dass man das Leben und die Dinge, die passieren, geduldig annehmen soll. Denn nur so sei man glücklicher.