Testosteron als Politikum

Manneskraft, die alles schafft

von Andrea Roedig / 20.07.2016

Paul B. Preciados „Testo Junkie“ und Robin Harings „Die Männerlüge“ – zwei sehr verschiedene Bücher über Testosteron fächern das Problemspektrum eines zunehmend gefragten Hormons auf.

Testosteron ist ein Hormon und ein Mythos. 1935 wurde es zuerst von Ernst Laqueur aus Stierhoden gewonnen und im selben Jahr auch synthetisch durch Adolf Butenandt und Leopold Ruzicka hergestellt. Die Geschichte seiner Entdeckung ist reich an obskuren Experimenten, etwa die Transplantation von Hodengewebe in Hennen und kastrierte Ratten. Butenandt selbst zapfte literweise Urin in Berliner Polizeikasernen ab auf der Suche nach dem Hormon, und bisweilen sollen sich sogar pharmazeutische Labore in der Nähe von Schlachthöfen angesiedelt haben, um besser an Keimdrüsengewebe heranzukommen.

Zum grossen Markterfolg wurde Testosteron nicht bereits in den 1930er und 1940er Jahren, sondern erst mit der zunehmenden Medikalisierung des Alltagslebens und der steigenden Nachfrage nach Fitness-Mitteln und Anti-Aging-Therapeutika. Die weltweiten Verkaufszahlen für Testosteronpräparate seien im vergangenen Jahrzehnt um das Zwölffache gestiegen, sagt der Epidemiologe Robin Haring. Sein Buch „Die Männerlüge“ hat sich, wie der Titel unschwer vermuten lässt, die Entmystifizierung des Hormon-Hypes zum Ziel gesetzt, während Paul B. Preciados „Testo Junkie“ mit politischem Impetus das Problem der Medikalisierung angeht.

„Testo Junkie“ hat etwas von einem wilden Ritt entlang einiger Abgründe unserer Gegenwart. Das Buch skizziert eine Theorie des „postfordistischen Kapitalismus“, ist zugleich ein politisches Pamphlet, eine wütende Rebellion gegen Geschlechter-Regime und ein teils poetisch-romanhafter, teils pornografischer Bericht über eigene sexuelle Befindlichkeiten. Das Geschehen geht ins Jahr 2005 zurück. Unter dem Eindruck des Todes ihres Schriftsteller-Freundes Guillaume Dustan (im Buch: G.D.) und einer beginnenden Liebesbeziehung zu der Romanautorin und Filmemacherin Virginie Despentes (im Buch: V.D.) nimmt die Gender-Aktivistin und Theoretikerin Paul Beatriz Preciado – ohne medizinische Anleitung und ohne eine Umwandlung zum „Mann“ zu intendieren – Testosteron als Gel, das sie auf die Haut aufträgt.

Die erste Veränderung betrifft den Körpergeruch. Testosteron-Gel selbst ist farb- und geruchlos. Klar und rein, ziehe es sofort in die Haut ein, so beschreibt es Preciado: Es „penetriert ohne Spur“, aber der Schweiss am nächsten Tag habe „krank und süsslich-sauer“ gerochen, wie abgestandener Apfelschnaps.

Gemeinhin ist das Hormon mit ärztlicher Verschreibung erhältlich, da Preciado sich selbst aber weder als Frau noch als Mann und auch nicht als transsexuell identifiziert, wird Testosteron für sie oder ihn zur illegalen Droge. Beatriz Preciado, die sich unterdessen den Vornamen Paul gegeben hat, beschreibt ihren Selbstversuch als politisch-erotischen Akt einer Anverwandlung: schwul werden wie G.D., Drogen nehmen, Droge sein und – pardon – V.D. „ficken“. Eigentlicher Kern des ganzen Unternehmens aber ist eine Theorie, die unter anderem an Thesen Michel Foucaults über „Biomacht“ und Judith Butlers über „Performativität der Geschlechter“ anknüpft, aber schliesslich weit über die beiden Säulenheiligen postmodernen Denkens hinausgeht.

Preciado gemäss sind wir seit Mitte des 20. Jahrhunderts einem „pharmapornografischen Regime“ unterworfen, das die Körper durch und durch reguliere. Preciado widerspricht derzeit gängigen Analysen, die von „postmateriellem Kapitalismus“, von „immaterieller Arbeit“ oder auch von „Feminisierung der Arbeit“ sprechen. Alle diese Diagnosen, so meint Preciado, drückten sich um „den feuchten Kern“ der Wahrheit herum: Der „postfordistische“, also flexibilisierte Kapitalismus ziele wesentlich auf Produktivmachung und Ausbeutung unserer Genussfähigkeit, der „potentia gaudendi“.

Arbeit wäre demnach die Herstellung von Erregung, die allerdings der Logik der Sucht folge, also keine Befriedigung verschaffe, sondern einen endlosen Zyklus von „Erregung – Frustration – Erregung“ in Gang setze. „Pharmapornografisch“ nennt Preciado dieses System, weil pharmazeutisch-synthetische Stoffe und die intendierte Lustproduktion wie zwei Tentakel die Gesellschaft im Griff hätten. Im „Biokapitalismus“, der den Körper durchdringe, werde alles Leben zum Artefakt.

Teilweise lesen sich die Schilderungen Preciados wie paranoide Szenarien, teilweise sind sie erschreckend plausibel. Ausführlich kann man im Buch nachlesen, wie sich die Entdeckung und die synthetische Herstellung von Geschlechtshormonen abspielten. Beschrieben ist auch die Entwicklung der Antibabypille, die zunächst nicht an Amerikanerinnen, sondern an Frauen in Puerto Rico getestet wurde.

Wie in jeder guten Verschwörungstheorie hängt in der These vom disziplinierenden „somapolitischen Dispositiv“ (oder auch „Porno-Narko-Gefängniskomplex“) alles mit allem zusammen. Preciado arbeitet mit Analogien, deren hübscheste ist, dass sie im Design einer Verpackung für Antibabypillen aus den sechziger Jahren, das einer Telefonwählscheibe nachempfunden ist, das Benthamsche Panoptikum wiedererkennt. Sah Michel Foucault in Jeremy Benthams Panoptikum eine paradigmatische Architektur der Disziplinierung, die sich als „soziale Orthopädie“ des Körpers bemächtige, so sieht Preciado die Pille als vergleichbares Disziplinierungsmittel. – In jeder Paranoia steckt auch Hellsicht, und tatsächlich können einige Passagen des Buches gruselig einsichtig machen, wie getaktete Tabletteneinnahme und Unterwerfung unter einen Arbeitsrhythmus zusammenspielen.

Den Testosteron-Selbsttest versteht Preciado geradezu als politisches Programm. Da es ein „Zurück zur Natur“ nicht geben könne, müsse der Körper zum Experimentierlabor werden, bewusste Selbstvergiftung inklusive – denn Widerstand gegen „das System“ sei nur möglich, indem man sich die pharmazeutischen und pornografischen Mittel subversiv aneigne und sie selber verwalte. Dem liberalen oder auch dem „Verbotsfeminismus“ wirft Preciado Kollaboration mit dem „pharmapornografischen Regime“ vor – und nennt einfallsreich einige Alternativen zur Antibabypille, etwa Sexstreiks, Abbinden der Eileiter, Infantizid oder eben: eine monatliche Mikrodosis Testosteron.

Gegen diese Visionen nimmt sich „Die Männerlüge“ wie ein Feenmärchen aus. Robin Harings Buch ist die populärwissenschaftliche Fassung seiner Habilitation; und die Kapitel tragen bemüht lustige Überschriften wie „Wer hat, der kann“ oder „Nix für Turnbeutelvergesser“ oder „Die Wechseljahre – jetzt auch für den Mann“. Auf der Basis etlicher naturwissenschaftlicher Studien versucht der Epidemiologe, die Luft aus dem symbolisch zur Manneskraft aufgeblasenen Testosteron zu lassen. Auch hier kann man einiges über die Geschichte der Hormon-Entdeckung lesen, aber auch gut Verständliches über den Einfluss von Testosteron auf die Entwicklung des Fötus im Mutterleib und Ernüchterndes über die Wirkung des Hormons als vermeintliches Haarwuchsmittel. Die Testosteronkonzentration im Blut sage nichts über die Wirksamkeit aus, weil der eigentliche Faktor die Fähigkeit der Rezeptoren, das Hormon aufzunehmen, sei. Haring hält die Mitte. Er spricht sich nicht direkt für die radikale Theorie der sozialen Konstruktion des Geschlechts aus, legt aber nahe, dass das meiste am Geschlechtscharakter gesellschaftlich bestimmt sei, und weist auch darauf hin, dass, wie im „Kreisverkehr“, soziale Einflüsse sich wiederum auch auf den Hormonhaushalt auswirkten. So könne in Konfliktsituationen der Testosteronspiegel ansteigen, bei frischgebackenen Vätern dagegen sei er ziemlich niedrig. Als Fazit liesse sich festhalten, dass das Androgen – physisch zwar nicht wirkungslos, aber doch bei weitem überschätzt – vor allem als wunderbares Placebo tauge.

Zwischen der Skylla des populären Sachbuchs und der Charybdis erheblichen Theorie-Geraunes hindurchgetaucht, muss die Rezensentin „Testo Junkie“ den Preis für das anregendere Buch zuerkennen. Der Text ist anstrengend und verstörend, aber auch ungemein vielfältig und inspirierend, vor allem was die Wahrnehmung von Körperbildern angeht und Vorstellungen alternativer Geschlechterordnungen.

Im Zeitalter des genetic engineering werde sich das Modell „natürlicher“ Heterosexualität sowieso bald erübrigen, meint Preciado. Was aber die Entmythologisierung von Testosteron betrifft, so hat Robin Haring gewonnen. Denn die erotisch-dämonisierende Eloge des Pharmakons in „Testo Junkie“ zeichnet sich nicht gerade durch eine nüchterne Einschätzung aus. Gegen solche Aufbauschung bietet die schlichte „Männerlüge“ ein gutes Antidot.

Paul B. Preciado: Testo Junkie. Sex, Drogen und Biopolitik in
der Ära der Pharmapornografie. Aus dem Französischen von Stephan Geene. B-Books,
Berlin 2016. 453 S., Fr. 22.90. Robin Haring: Die Männerlüge. Wie viel
Testosteron braucht der Mann? Braumüller, Wien 2016. 191 S., Fr. 30.90.

Andrea Roedig ist Mitherausgeberin der österreichischen
Literatur- und Essay-Zeitschrift „Wespennest“, deren neuestes Heft (Nr. 170) dem
Schwerpunkt Testosteron gewidmet ist. Mit Texten u. a. von Michael Kumpfmüller,
Peter Rehberg, Jan Koneffke und Klaus Theweleit.