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Mansplaining: Gnade für den Erklärbären!

Meinung / von Milosz Matuschek / 08.10.2016

Männer wären gerne ganz anders, sie kommen nur so selten dazu.

Sprechen wir über ein Rätsel männlicher Attraktivität. Sprechen wir über Günther Jauch. Genau, der Talkmaster, Showmaster, Quizmaster Jauch, der unter anderem bei „Wer wird Millionär?“ die Fragen abliest und alle Antworten weiss. Der Halbgott in Grau mit dem Charme einer Büroklammer ist in Umfragen regelmässig unter den beliebtesten Deutschen zu finden, er ist der Bundespräsident der Herzen, und laut einer Umfrage einer deutschen Boulevardzeitung konnten sich einst 18 Prozent der befragten Damen (zwischen 16 und 65) am ehesten mit ihm einen Seitensprung vorstellen – damit rangiert er vor George Clooney.

Das überrascht, denn es wird derzeit intensiv über das „Mansplaining“ gejammert, die angeblich epidemisch verbreitete Marotte des Mannes, andere (meist Frauen) etwas onkelhaft darüber zu belehren, „wie der Hase läuft“. Der Mann im Mittelpunkt des Geschehens, der Besserwisser, steht auf der Abschussliste. Jauch ist der König der freundlichen Besserwisser, der Erklärbär mit der höchsten Einschaltquote, der Mansplainer par excellence.

(Bild: imago stock&people )

Dabei kann „der Mann“ gar nicht viel anders, denn es zahlt sich für ihn in der Währung der Attraktivität aus. Die verhaltensökonomische Erklärung dafür lautet etwas verunfallt „fundamentaler Attributionsfehler“. Dieser steht für die Tendenz des Menschen, in übertriebenem Masse vom Verhalten auf die Persönlichkeit zu schliessen und situative Faktoren auszublenden. Psychologen rund um Lee Ross haben 1977 in einem Experiment festgestellt, dass Probanden in einer zugelosten Quizmaster-Rolle für intelligenter gehalten wurden als solche in der Kandidaten-Rolle, und zwar selbst dann, wenn den Befragten bewusst war, dass sich der Proband in der Quizmaster-Rolle die Fragen selbst ausdenken durfte, also im Vorteil war. Die Rolle prägt die Einschätzung stärker als die Umstände. Das scheinen viele Männer gut verinnerlicht zu haben, weshalb sie sich in Rollen drängen, in denen sie das Sagen haben und im Mittelpunkt stehen.

Der Mann kann nicht anders, er ist zur Verhaltensauffälligkeit verdammt, sei es als Gockel, allwissender Erzähler, Erklärbär oder durch Statussymbole wie Uhr, Auto oder teuren Anzug.

Eine Studie bestätigt, dass Männer, die gut Geschichten erzählen können, als attraktiver gelten. Der Mann strebt in Positionen, in denen er sichtbar ist, nur deshalb will er vermutlich Chef sein, will dozieren, rezitieren oder Bühnen füllen. Und wohl auch deshalb wird die letzte Abschiedstournee von Howard Carpendale auch diesmal wieder nicht die letzte gewesen sein. Die Lösung des Rätsels männlicher Attraktivität lautet: Männer sind umso attraktiver, je mehr sie es verstanden haben, Frauen über sich in die Irre zu führen.

Die Kehrseite: Der Mann kann nicht anders, er ist zur Verhaltensauffälligkeit verdammt, sei es als Gockel, allwissender Erzähler, Erklärbär oder durch Statussymbole wie Uhr, Auto oder teuren Anzug. Würden Frauen die subtileren Zeichen erkennen (und belohnen), wären wir weniger Angeber. Der kleine Prinz fand, man sehe nur mit dem Herzen gut. Der Verhaltensökonom Kahneman weiss, dass der Mensch sichtbare Informationen überbewertet und denkt, mehr gebe es gar nicht zu sehen.

Trotz aller Emanzipation ist der Kollege im Team eben immer noch nur „voll nett“ (lies: unsichtbar), den Chef (offiziell: „dieses Arschloch“) findet die Damenwelt dagegen tendenziell „hot“. Die Gesetze der amourösen Vertikalspannung sind in Kraft, ebenso wie die Beteuerung der modernen Frau, das stimme ja gar nicht. Solange dieser Streit nicht endgültig geklärt ist, haben Erklärbären eine Gnadenfrist verdient.