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Matt, Hartmann, Husslein: Eine neue Form der Gerechtigkeit

Meinung / von Michael Fleischhacker / 04.08.2016

Die Karriere von Agnes Husslein als Museumsdirektorin wird spätestens mit Jahresende vorbei sein. Eher früher. Genau genommen ist sie bereits vorbei. Warum? Weil die Direktorin des Belvedere, deren Vertrag der neue Kulturminister Thomas Drozda schon so gut wie verlängert hatte, plötzlich ein Compliance-Problem hatte, wie man so sagt. Man warf ihr vor, dass sie die Ressourcen der öffentlichen Institution für private Zwecke eingesetzt und das Personal des Museums für persönliche Dienstleistungen herangezogen habe. Und nett, heißt es, ist sie auch nicht wirklich.

Frau Husslein hat dieser Tage den Freunden des Museums einen persönlichen Brief geschrieben, in dem sie die Angelegenheit noch einmal aus ihrer Sicht darstellt. Der Brief bietet wenig Neues, denn dass Agnes Husslein nach ihrem Verständnis 365 Tage lang im Dienst ist, und zwar nicht nur je 8 Stunden, und dass deshalb die Infrastruktur des Museums jederzeit für sie zur Verfügung zu stehen hat, hatte sie bereits mehrfach erwähnt. Und zwar zu Recht. 

Den Strick gedreht

Allerdings wurde dieses Verständnis offensichtlich nie mit jemandem, der dazu autorisiert gewesen wäre, abgestimmt, sodass man daraus eine gültige Vereinbarung hätte ableiten können, die dann in die mehrmals geänderten Compliance-Regeln hätte Eingang finden können. Und so kam es eben, wie es kommen musste: Die enttäuschte Prokuristin und der unfähige, aber politisch gut vernetzte Kuratoriumsvorsitzende drehten der „Museums-Gräfin“ den Strick, an dem ihre glanzvolle Karriere nun zum Gaudium der Öffentlichkeit und der journalistischen Handlanger des linksliberalen Kulturspießertums baumelt.

Interessant am jüngsten Brief der Direktorin ist, dass sie erklärt, sie sei vom Kuratoriumsvorsitzenden Wehsely „gezwungen“ worden, Reisespesen, die zwischen Wien und dem Wörthersee angefallen und von der Prokuristin abgezeichnet worden waren, als „Verfehlungen“ einzugestehen. Die Gegenleistung für das Eingeständnis einer Verfehlung, die weder nach dem Verständnis der Direktorin noch nach dem buchhalterischen Procedere eine war, lag in der Zusicherung, bis Jahresende im Amt zu bleiben.

Der Aufseher ist dann mal weg

Abgesehen davon, dass es traurig ist, wenn starke Menschen, die sich zu Recht und trotzig gegen herkömmliche Vorstellungen stellen, sich für die Aussicht auf ein paar Monate Verbleib im Job von mediokren Figuren den Schneid abkaufen lassen: War der Kuratoriumsvorsitzende Wehsely zu diesem Kuhhandel eigentlich autorisiert? Und überhaupt: Ist es schon wieder einmal damit getan, dass der Oberaufseher einer öffentlichen Institution, in der es unter seiner Aufsicht angeblich oder tatsächlich zu Unregelmäßigkeiten gekommen ist, dann einfach mal weg ist, zurücktritt, und das war’s dann?

Man kann über die „Fälle“ Matt (Kunsthalle Wien), Hartmann (Burgtheater) und Husslein natürlich unterschiedlicher Ansicht sein. Mit etwas Abstand scheinen aber zwei Dinge ziemlich klar:

Erstens wurden alle drei Opfer jenes Kulturspießertums, das glaubt, seine kleine politische Moral als große Geste der Kunst verkaufen zu können. Seine Repräsentanten sind bereit, zur Durchsetzung dieser kleinen Spießermoral jeden, der aus ästhetischen, habituellen oder politischen Gründen nicht ins flache Österreich-Bild passt, sondern darüber hinausragt, durch Denunziation, Eingemeindung oder brutale Intervention kleinzumachen.

Zweitens zeigen sie, dass Aufsichtsgremien im Bereich der öffentlichen Institutionen und der staatsnahen Unternehmen in Österreich eine reine Farce sind.

Der Kontrollor als Lakai

Zwischen dem Burgtheater und seinem ehemaligen Direktor werden Prozesse geführt, die Aufsichtsräte des Theaters und der für die Kontrolle verantwortlichen Bundestheater-Holding tun aber mit Billigung der Politik, die sie wohl decken müssen, noch immer so, als seien sie besondere Freunde der Kunst, obwohl sie unfähige Lakaien der politischen Parteien sind, die sie entsandt haben. Wären sie es nicht, hätten sie den angeblichen Skandal entweder verhindert oder sofort bei seinem Sichtbarwerden zur Aufklärung beigetragen. Sie sind aber alle nur traurig und bedauern das Geschehene, und sie hätten gern, dass alles wieder gut wird.

Ähnliches gilt für Gerald Matt und seine Entfernung aus der Kunsthalle durch die Neid-Energie des gescheiterten Künstlers, aber erfolgreichen Kunstspießers Wolfgang Zinggl in Tateinheit mit der Feigheit des zuständigen Kulturstadtrats.

Zerstörerische Feigheit

Es brauchen nur ein paar Medien auf einen Zug aufspringen, den solche Figuren in Bewegung setzen, schon verstecken sich Aufsichtsgremien und Politiker so lange, bis alles vorbei ist. Dass ihre Feigheit aktiv dazu beiträgt, erfolgreiche Berufsbiografien zu zerstören, kümmert sie nicht. Sie halten ja auch ihr eigenes Hochgeschwemmtwerden aus dem Parteisumpf für eine erfolgreiche Berufsbiografie. Und auch die könnte ja jederzeit zu Ende sein, wenn’s blöd läuft.

Dass das auch Menschen, die wirklich etwas können, passieren kann, hält man in diesen Kreisen wohl für eine besonders avancierte Form der Gerechtigkeit.