Medien-Roboter: Heinzelmännchen für Bildhungrige

Meinung / von Rainer Stadler / 23.07.2016

In den USA gibt es Roboter-Dienste, über die bisher noch kaum gesprochen wurde. Sie visualisieren Texte automatisch. Wer fürchtet sich davor?

Mancher mag noch müde lächeln, wenn er auf Roboter im Journalismus angesprochen wird. Tatsächlich ist das Modethema in jüngster Zeit ausgepresst worden. Medienberichte über automatisch hergestellte Texte wiederholten sich ätzend, der Neuigkeitswert war zumeist gering. Bis jetzt gelingt es erst, einfach gestrickte News über Wirtschaftsdaten und Sportresultate ohne Menschenhand herzustellen. Die Suche nach Lösungen für eine informatikgestützte Informationsproduktion wird indessen weitergehen. Die Medienbranche lechzt angesichts des Kostendrucks nach Hilfe.

Roboter können immer mehr journalistische Aufgaben übernehmen. (Bild: Imago)

In den USA gibt es Roboter-Dienste, über die bisher noch kaum gesprochen wurde. Die „New York Times“ hat kürzlich darauf aufmerksam gemacht. Sie zitierte den Vorsitzenden des Medienkonzerns Tronc, welcher unter anderem die „Chicago Tribune“ und die „Los Angeles Times“ herausgibt. Michael W. Ferro jr. sagte, er wolle den Output an Videos von derzeit ein paar hundert auf 2000 Stück pro Tag steigern. Eine derartige Produktionssteigerung ist gerade für Medienhäuser, die im textorientierten Geschäft gross geworden sind, eine Tortur. Entlastung versprechen nun Firmen wie Wochit und Wibbitz. Ihre Dienste, die bereits grosse Verlage wie Time Inc. und Hearst in Anspruch nehmen, visualisieren automatisch Textinformationen, sei es mit Fotos oder Videos. Die digitalen Heinzelmännchen von Wibbitz können dabei auf die umfangreichen Bildarchive von Getty und Reuters zugreifen. Innerhalb von Minuten sind sie offenbar in der Lage, die Texte auch in gesprochene Sprache zu übertragen. Eine Nachbearbeitung durch Menschen ist natürlich möglich.

Für Liebhaber der gepflegten Text- und Bildsprache mögen derlei Innovationen schauerlich anmuten. Wer sich Beispiele von halb- oder vollautomatisch hergestellten Bildberichten anschaut, wird jedoch nicht in eine kulturpessimistische Krise geraten. Die Videos gleichen einschlägigen Standardprodukten des News-Betriebs, wie sie soundso oft zu sehen sind. Der durchschnittliche Konsument wird kaum erkennen, wo eine menschliche Hand im Spiel gewesen war und wo nicht.

Einige Leser mögen sich wundern, warum Medienhäuser mit Pressetradition ins Geschäft mit laufenden Bildern drängen. Der Trieb hat nicht zuletzt wirtschaftliche Gründe. Auguren erkennen eine wachsende Nachfrage nach Videoangeboten. Zudem ist die Werbewirtschaft daran interessiert, ihre Botschaften im Umfeld von laufenden Bildern zu placieren. Das Reuters Institute, das Mitte Juni eine Analyse der Konsumtrends auf dem News-Markt publizierte, präsentierte allerdings Erkenntnisse, welche Video-Enthusiasten nachdenklich stimmen sollten. Demnach konsumiert nur eine Minderheit News-Videos. Nichtnutzer sagen, sie hielten sich mit Texten schneller und angenehmer auf dem Laufenden. Zudem seien die Werbespots vor den Videos störend.