Roland Schlager / APA

Burka

Mehr als ein Stück Stoff

Meinung / von Brigitta Hauser-Schäublin / 02.09.2016

Burkaträgerinnen verweigern – wie alle Vermummten – die direkte und individualisierte Kommunikation.

In liberalen Gesellschaften ist der öffentliche Raum – Strassen, Plätze, öffentliche Anlässe – ein Begegnungsort, wo verschiedenste Menschen aufeinandertreffen und miteinander kommunizieren. Dazu braucht es nicht einmal die Sprache. Es ist der Körper, mit dem kommuniziert wird: Kleidung, Haltung, Bewegung, Gesten und Mimik „sprechen“ für sich und werden von anderen Menschen entsprechend „gelesen“ und interpretiert. Man könnte dies im Sinne des amerikanischen Soziologen Erving Goffman als „verkörperte Informationen“ bezeichnen, die jeder Mann und jede Frau in der Öffentlichkeit aussendet und entsprechend verstanden haben möchte.

Burkaträgerinnen stehen für Abschottung

Aber dies ist kein einseitiger Prozess: Jeder Sender übermittelt Informationen, ist jedoch gleichzeitig auch Empfänger, der die Zeichen, die andere aussenden, registriert und gemäss seinen eigenen Wertvorstellungen deutet. Diese Kommunikation in öffentlichen Räumen ist nicht zufällig oder beliebig. Vielmehr steht sie in einem direkten Zusammenhang mit gesellschaftlichen Werten und Regelungen, die in einer rechtsstaatlichen Demokratie auf einem Konsens der Bevölkerungsmehrheit beruhen.

Das Miteinander darf nicht ersetzt werden durch ein Nebeneinander oder, treffender noch, ein Aneinander-vorbei. Letzteres führt zu Parallelgesellschaften.

Burkaträgerinnen – wie alle Vermummten – verweigern die direkte und individualisierte Kommunikation, wie sie in liberalen, säkularen Gesellschaften Grundlage des Miteinanders und des Austausches in der Öffentlichkeit ist. Sie ziehen sich in die anonymisierte Kategorie phantomhafter Frauen ihrer Herkunftsgesellschaft bzw. ihrer Glaubensgemeinschaft zurück und verweigern, jenseits der abstrahierten Gattung Frau, jegliche Kommunikation; sie stehen für Abschottung.

Frauen mit Burkas im öffentlichen Raum – und dies gilt auch für vom Hals bis zu den Füssen verhüllte Kopftuchträgerinnen, sofern sie ihre Kleidung als Ausdruck der damit verbundenen Wertvorstellungen verstehen und dies auch so verstanden haben möchten – muss man im Zusammenhang mit den Präsentationsformen der Männer aus deren eigenen Gesellschaften sehen.

Letztere inszenieren sich mit ihrer oft üppig zur Schau gestellten Behaarung und ihrer meist informell westlich-modern wirkenden Kleidung völlig anders als das versteckte weibliche Individuum. Sie verkörpern gefeierte Männlichkeit und Individualität; sie kommunizieren beides selbstbewusst. Das Verstörende an den Burkaträgerinnen und ihren Männern, die diese Verhüllung entweder verlangen oder unterstützen, ist nicht die Kleidung an sich. Vielmehr ist es die indirekte Kommunikation darüber, welches Verhalten und welche Rollen sie von anderen Frauen erwarten (das gilt für die Burkaträgerinnen wie auch für ihre Männer), und schlimmer noch: was sie von Frauen halten, die ihren Konformitätsvorstellungen nicht entsprechen. Aus dieser Perspektive sind Frauen, die an öffentlichen Orten mittels individualisierter Kleidung, Aufmachung, Mimik und Gestik selbstbestimmt mit anderen Menschen kommunizieren, ehrlose Flittchen.

Sexuelle Übergriffe sind eine Folge dieser Frauenbilder.

Sexuelle Übergriffe (auch eine Form der Kommunikation) auf solche „Flittchen“, wie jene in der Silvesternacht in Köln, sind eine Folge dieser Frauenbilder. Oder aus der Sicht eines Kölner Imams: Die Frauen sind „selber schuld, wenn sie halbnackt herumlaufen“.

Die Form und Art und Weise des Miteinanderseins und Sichbegegnens – und damit auch die Kommunikation im öffentlichen Raum darüber, wer wir sind – unterliegt gesellschaftsspezifischen Konventionen. Eine dieser gesellschaftlichen Regelungen stellt in der Schweiz – gemäss der Bundesverfassung – die Rechtsgleichheit der Geschlechter dar. Die Burka im öffentlichen Raum ist eine Provokation, denn sie propagiert eine andere Form des gesellschaftlichen Umgangs miteinander, gerade bezüglich des Verhältnisses zwischen Männern und Frauen.

Zelebrieren von archaischen Werten

Das Miteinander darf nicht ersetzt werden durch ein Nebeneinander oder, treffender noch, ein Aneinander-vorbei. Letzteres führt zu Parallelgesellschaften: Das Zelebrieren von archaischen Werten und Lebensstilen und das Ausscheren aus einer konsensorientierten Gesellschaft sind das Gegenteil von Integration; dies bedeutet deren Verweigerung.

Ein Burkaverbot kann ein Zeichen setzen; ob und wie es verstanden wird, ist eine andere Frage. Aber ein solches allein reicht nicht. Was es braucht, ist, dass all die Zugewanderten, die in der Schweiz leben und in den Genuss von deren sozialen Einrichtungen gelangen wollen, sich zu den in der Bundesverfassung festgelegten Werten bekennen und sie als Verpflichtung akzeptieren. Die Burka (und andere Verhüllungen) ist weit mehr als ein Stück Stoff.

Brigitta Hauser-Schäublin ist Professorin am Institut für Ethnologie der Universität Göttingen.