(Illustration: Peter Gut)

Von digitaler Freiheit und digitaler Abhängigkeit

Mehr Hirn, bitte!

Gastkommentar / von Gerald Hüther / 10.05.2016

Die digitale Technik hat unser Leben schneller, effizienter, bequemer gemacht. Unser Hirn lässt sich ihre Denkhilfe gern gefallen. Nur: Es lässt Bereiche verkümmern, die es nicht regelmäßig nutzt. Die Folgen sind kaum bedacht. Ein Gastkommentar von Gerald HütherGerald Hüther ist Professor für Neurobiologe an der Universität Göttingen und Vorstand der Akademie für Potenzialentfaltung. Er befasst sich im Rahmen verschiedener Initiativen und Projekte mit neurobiologischer Präventionsforschung. .

Hinter der inneren Organisation und der Arbeitsweise unseres Denkorgans verbirgt sich ein äußerst einfaches, aber hocheffizientes Prinzip: Es geht im Gehirn immer um die Aufrechterhaltung seiner inneren Ordnung mit dem geringstmöglichen Aufwand an Energie.

Selbst dann, wenn dort oben alles einigermaßen gut zusammenpasst, im sogenannten „Ruhezustand“ also, wenn wir uns glücklich und zufrieden zurücklehnen oder ins Bett legen, verbraucht das Gehirn immer noch etwa 20 Prozent der vom Körper bereitgestellten und über den Kreislauf verteilten Energie, primär in Form von Glucose. Jede Form von Irritation oder Verunsicherung, jedes Problem, das uns zu schaffen macht, treibt diesen ohnehin schon beträchtlichen Ruhe-Energiebedarf sofort in die Höhe und uns entsprechend schnell aus dem Sessel oder aus dem Bett. Mit unterschiedlichen Strategien versuchen wir dann, wieder Ordnung ins Hirn zu bringen – die entstandene Inkohärenz wieder in einen etwas kohärenteren Zustand zu verwandeln und es unserem Gehirn so zu ermöglichen, seinen Energiebedarf wieder zu verringern. Bisweilen nutzen wir dazu auch unsere Fähigkeit, ein Problem durch eigenes Nachdenken zu lösen, aber das ist enorm energieaufwendig.

Energie sparen, wo’s nur geht

Deshalb greifen die meisten Menschen lieber auf bequemere und bereits bewährte Reaktionsmuster zurück. Die dazu aktivierten Nervenbahnen sind durch ihre vorangegangene häufige Nutzung inzwischen so gut eingefahren, dass sie fast automatisch funktionieren, ohne Nachdenken, eben extrem energiesparend. Wer sich noch an seine ersten Fahrstunden erinnert, an die damals noch notwendige enorme Konzentrationsleistung mit entsprechender nachfolgender Erschöpfung, und diesen Zustand mit dem vergleicht, den sie oder er heute auf einer normalen Autofahrt erlebt, weiß die Herausbildung energiesparender Autobahnen in seinem Hirn sicher zu schätzen.

Ungünstig ist nur, dass wir den eigenen Anpassungsprozess oft erst dann bemerken, wenn er bereits sehr weit fortgeschritten ist.

Was liegt also näher als die Erwartung, in einem selbstfahrenden, digital gesteuerten Auto könne auch noch dieser Rest-Energieaufwand eingespart werden? Das Hirn hätte jedenfalls nichts dagegen, im Gegenteil.

Damit sind wir beim Thema: Menschen erfinden und nutzen technische Geräte mit dem unbewussten Ziel, den Energieaufwand in Form eigener Anstrengungen zu verringern, um also etwas, was sie tun, künftig noch leichter, bequemer, effizienter tun zu können. Bei den im vorigen Jahrhundert noch vorherrschenden „Kraftmaschinen“ ging es zunächst noch um mehr Bequemlichkeit und das Erzielen größerer Leistungen mit immer geringerem körperlichem Kraft-(Energie-)Aufwand. In diesem Bestreben haben wir es ziemlich weit gebracht. Für fast alle Tätigkeiten gibt es inzwischen arbeitserleichternde Geräte und Maschinen. Beim Vormarsch der heutigen digitalen, durch Algorithmen gesteuerten „Kombinationsmaschinen“ geht es nun, im zweiten Schritt, um mehr Bequemlichkeit und Effizienzsteigerung im Gehirn, also um die Verringerung des eigenen geistigen Denk-(Energie-)Aufwandes.

Menschen sind enorm anpassungsfähige Lebewesen, und unser zeitlebens lernfähiges Gehirn ist das anpassungsfähigste Organ, das wir besitzen. Ungünstig ist nur, dass wir den eigenen Anpassungsprozess oft erst dann bemerken, wenn er bereits sehr weit fortgeschritten ist. Wir können mit unserem Körper oft jahrelang Auto fahren, den ganzen Tag in bequemen Sesseln hocken und uns kaum noch bewegen, bis die Folgen der Nutzung dieser komfortablen Fortbewegungs- oder Sitzmöglichkeiten endlich als lästige Rücken- oder Gelenkschmerzen spürbar werden. Die meisten von uns schaffen es sogar, diese Signale aus ihrem eigenen Körper so lange zu überhören, bis sie beim Arzt landen. Das ist dann nicht mehr so bequem und energiesparend und kann dazu führen, dass wir nun doch lieber bewusst die Treppe benutzen anstelle eines Fahrstuhls, also den kurzzeitigen eigenen Energieaufwand in Kauf nehmen und uns wieder selbst bewegen, statt von einem Gerät bewegt zu werden. Offenbar sind Menschen also bereit, ihr Gehirn zumindest gelegentlich wieder einzuschalten, um allzu weitreichende Anpassungsprozesse auf körperlicher Ebene zu vermeiden, indem sie ihren Körper wieder selbst entdecken und reaktivieren.

Völlig schmerzlos

Inzwischen nutzen wir aber nicht nur diese arbeitserleichternden Maschinen und Geräte, sondern zunehmend solche, die uns das eigene Denken erleichtern. Auch das hat Folgen, die auch wieder nicht sofort, aber dafür – wenn sich unser Gehirn erst einmal hinreichend gut an diese energiesparenden Erleichterungen angepasst hat – umso fataler zutage treten.

Weil sie völlig schmerzlos sind, bemerken wir sie erst sehr spät. Los geht es meist damit, dass man sich keine Telefonnummern mehr merken kann. Die sind ja im Handy oder im Smartphone gespeichert. Adressen und Namen auch. Wer irgendwohin will, nutzt sein GPS, und wenn das jemand lange genug so gemacht hat, können die Neurobiologen dann eine Schrumpfung des dorsalen Hippocampus in seinem Gehirn beobachten, also derjenigen Hirnregion, die für den räumlichen Orientierungssinn zuständig ist. Nutzungsabhängige Plastizität nennen das die Hirnforscher. Was nicht mehr regelmäßig im Hirn genutzt wird, schrumpelt eben allmählich weg. Manche Vernetzungen werden bei intensiver Nutzung digitaler Medien auch intensiver beansprucht und deshalb entsprechend stärker ausgebaut. Etwa diejenigen, die bei der Bedienung eines Handys für die Regulation der Daumenbewegungen zuständig sind, oder die für die Hand-Augen-Koordination, wenn jemand viel mit seiner Computermaus arbeitet. Sinnvoll sind diese Anpassungen allemal, sie erleichtern dem Hirn die Arbeit, und so wird dort oben Energie gespart.

Was nicht mehr regelmäßig im Hirn genutzt wird, schrumpelt weg.

Und sehr zweckmäßig ist es auch, dass diese „nutzungsabhängige Plastizität“ des Gehirns während der Phase der Hirnentwicklung, also bei Kindern und Jugendlichen, besonders stark ausgeprägt ist. Je jünger also die Personen sind, die ihr Hirn mithilfe dieser das eigene Nachdenken und Erinnern erleichternden Geräte entlasten, desto stärker passt sich die innere Organisation ihres Gehirns an diese Art der Nutzung an.

Angesichts der vielfältigen und faszinierenden Möglichkeiten, die digitale Medien in unserer heutigen Welt bieten, dürfte ein etwas geschrumpfter Hippocampus oder eine etwas ausgeprägtere Daumenrepräsentanz im sensomotorischen Cortex von der Mehrzahl der Nutzer mit einem Schulterzucken in Kauf genommen werden. Wozu sollten wir unser Hirn mit dem Auswendiglernen von Telefonnummern, Ortskenntnissen oder Terminplanungen belasten? Wozu Schreibschrift üben oder Rechtschreibung und Grammatik? Wozu sich Vokabeln, Geschichtsdaten oder was sonst noch alles ins Hirn pauken? Für so ziemlich alles, was man denken und sich merken kann, gibt es inzwischen geeignete Apps, und das Smartphone oder das Tablet hat heutzutage jeder genauso sicher dabei wie sein für so vieles nun gar nicht mehr benötigtes Gehirn. Wozu also noch Bargeld mit sich herumschleppen, wenn es digitale Bezahlsysteme gibt? Wozu noch irgendwo in der Stadt nach einem Partner suchen, wenn das elektronisch über Parship viel müheloser und sogar mit deutlich besserer Passgenauigkeit geht?

Bequem, schnell, effektiv

Das und noch viel mehr geht inzwischen alles mithilfe digitaler Medien viel bequemer, viel schneller, viel effektiver – und ist so auch viel energiesparender für das Gehirn. Wie sehr sich dabei die Herausbildung und die Aufrechterhaltung der für all diese Hirnleistungen verantwortlichen neuronalen Vernetzungen an diese neuen Arten ihrer Nutzung – oder besser Nichtnutzung – angepasst haben, merken wir erst dann, wenn diese smarten digitalen Dienstleister aus irgendwelchen Gründen ihren Geist aufgeben. Dann treten die bis dahin unbemerkt gebliebenen Auswirkungen der digitalen Entlastung unseres Denkorgans plötzlich zutage: Wir finden uns nicht mehr zurecht und können all das nicht mehr, was diese Geräte bis dahin so schnell, so effizient und so energiesparend für unser Gehirn übernommen haben. Statt – wie wir geglaubt hatten – mit ihrer Hilfe frei zu werden, sind wir von ihnen abhängig geworden.

Besonders schnell und nachhaltig entwickeln sich solche Abhängigkeiten immer dann, wenn digitale Medien für etwas eingesetzt werden, wozu keines der im Verlauf der Menschheitsgeschichte erfundenen Geräte bisher geeignet war: zur Affektregulation. Jedes Gefühl und jedes seelische Bedürfnis, das aus irgendwelchen Gründen in einem Menschen wach wird, lässt sich inzwischen digital und virtuell ohne große Anstrengung ausleben und stillen. Nicht nur Wissensdurst und Entdeckerfreude oder das Bedürfnis nach Kontakt und Verbundenheit. Auch zur Überwindung von Langeweile, zum virtuellen Ausagieren von Wut und Frust und nicht zuletzt zur sexuellen Erregung und Befriedigung lassen sich digitale Medien sehr bequem einsetzen.

Absehbar ist, dass jede menschliche Leistung, die sich in Form digitaler Algorithmen darstellen und gerätetechnisch umsetzen lässt, künftig von diesen Apparaten übernommen werden wird.

Dem Gehirn ist das recht. Denn der Energieaufwand für so komplexe Leistungen wie das Lösen zwischenmenschlicher Probleme und die Regulation von Affekten ist exorbitant. Wozu also all der Aufwand, wenn es vor dem Monitor genauso gut oder sogar noch besser funktioniert als im realen Leben?

Aber an diese Art der Nutzung passt sich die innere Organisation des Gehirns besonders effizient an, indem die für diese Leistungen zuständigen Vernetzungen nur noch entsprechend notdürftig ausgebildet und stabilisiert werden. Und je ausgeprägter das geschieht, desto weniger gelingen dann draußen, im realen Leben, die Regulation eigener Bedürfnisse und die Gestaltung sozialer Beziehungen. Dann muss noch nicht einmal mehr das Gerät ausfallen, damit man bemerkt, welches Ausmaß an Abhängigkeit aufgrund mangelnder psychosozialer und psychoemotionaler Kompetenzen diese Art der Nutzung digitaler Medien bei vielen Erwachsenen, aber vor allem bei Kindern und Jugendlichen bereits erzeugt hat.

Was bleibt von uns?

Durch Verbote oder Nutzungsrestriktionen wird sich der Siegeszug der digitalen Medien nicht aufhalten lassen. Er hat längst alle Bereiche unserer Lebenswelt erfasst. Absehbar ist, dass jede menschliche Leistung, die sich in Form digitaler Algorithmen darstellen und gerätetechnisch umsetzen lässt, künftig von diesen Apparaten übernommen werden wird. Angesichts dieser Entwicklungen wird nicht weniger als unser eigenes, bisheriges Selbstverständnis infrage gestellt. Was bleibt vom Menschen, wenn all das, was er bisher gemacht hat, künftig von Automaten und Robotern übernommen wird? Was ist das Herausstellungsmerkmal, das uns von diesen digitalen Apparaten unterscheidet?

Es ist zum einen die Fähigkeit, etwas wollen zu können. Und es ist zum anderen unsere Fähigkeit, kreative Lösungen zu finden, um das, was wir wollen, auch zu erreichen. Und weil die kreativsten und am besten umsetzbaren Lösungen nur im Austausch mit anderen gefunden werden können, ist es die Befähigung zur Co-Kreativität, die uns von allen von uns gebauten Apparaten unterscheidet. Die Entfaltung dieser Co-Kreativität ist jedoch nur dann möglich, wenn Menschen mit unterschiedlichem Wissen und Können und einer Fülle verschiedenartiger Erfahrungen einander vorbehaltlos, vorurteilsfrei, offen und ohne Angst als freie und gestaltungsfähige Subjekte begegnen.

Was den Menschen ausmacht, ist die Fähigkeit, etwas wollen zu können.

Unser gegenwärtiges Zusammenleben ist jedoch dadurch gekennzeichnet, dass wir einander als Objekte benutzen, uns gegenseitig zu Objekten unserer Vorstellungen und Absichten, unserer Erwartungen und Bewertungen, unserer Maßnahmen und Belehrungen machen. Die Erfahrungen dieser Objektbeziehungen haben uns von Kindesbeinen an, über die Schule, die Ausbildungsstätten, die Universitäten so stark geprägt, dass uns nun kaum noch auffällt, wie sehr wir uns selbst inzwischen zu willfährigen Objekten der von Computerspezialisten programmierten digitalen Medien machen.

Unser Gehirn hat damit kein Problem. Aber in einer Gemeinschaft selbstbestimmter Subjekte könnten wir es nutzen, um in einem co-kreativen Prozess nach Lösungen für die von uns selbst geschaffenen und durch die Digitalisierung lediglich rascher zutage geförderten Probleme zu suchen. Auf diese Weise ließe sich sehr viel der in unserem gegenwärtigen Zusammenleben verbrauchten Energie einsparen.