Morgengrauen

Mein 21. Jahrhundert

Gastkommentar / von Peter Strasser / 21.08.2016

Wie bin ich bloß ins 21. Jahrhundert gelangt? Wilhelm Busch hätte natürlich auch darauf eine Antwort: Es eilt die Zeit, wir eilen mit. Doch der unsterbliche Schöpfer der Knopp-Trilogie hat nicht recht, jedenfalls nicht, was mich betrifft. Die Zeit mag eilen, wie sie will, ich sehe mich außerstande, da mitzueilen.

Jeden Morgen fühle ich, wie ich ein Stück weiter hinten bleibe: begriffsstutzig, geistesabwesend. Mein Computer macht ding-dong, um mir News zu liefern, mein Handy bläst mir den Bugle-Call, um mir News zu liefern, und draußen vor meiner Tür klatscht es auch schon: Meine beiden Zeitungen, deren Redaktionsschluss praktisch mit ihrem Auslieferungstermin zusammenfällt, sind mit druckfrischen News angeliefert worden. Das ist nicht mein Jahrhundert: Ding-dongs, Bugle-Calls, News-Geklatsche. Was tun?

Ich lege mich wieder zu meiner Frau ins Bett, die intelligent genug ist, nicht bereits zu nachtschlafender Zeit mit der Zeit eilen zu wollen. Da liege ich nun, die Bettdecke über der Nase, und warte darauf, dass die Zeit vergeht. Und siehe: Sie vergeht, und mir soll’s recht sein. Ich lausche dem ruhigen, mich beruhigenden Atmen neben mir. Und so wird das 21. Jahrhundert doch noch zu meinem Jahrhundert, in dem ich aufstehen und den Frühstückstisch decken werde, während die Orchideen auf dem Fensterbrett der Frühstücksecke ihre spätsommerlichen Rispen austreiben, wie sie es schon immer getan haben.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).