Peter Strasser

Morgengrauen

Mein Frühstückstor von Kiew

Gastkommentar / von Peter Strasser / 22.03.2016

Es soll ja Menschen geben, die morgens aus dem Bett springen, um – wie sage ich das am besten? – gegen den Tag anzustehen. Ich hingegen frage mich, wenn ich aus dem Bett krabble, wo meine Beine sind. Irgendwie scheinen sie nicht recht da zu sein, daher trete ich zart auf, man kann ja nie wissen, ob unter einem nicht der Boden wegrotiert. Schließlich rotiert die ganze Erdkugel, nicht wahr?

Deshalb schalte ich gleich das Radio ein, aber leise, leise, ich höre nur Klassik, zarte Barockmusik, das ist es, was ich jetzt dringend benötige. Und was passiert? Man wuchtet mir, dem Schwankendbeinigen, Mussorgskis Bilder einer Ausstellung in die Ohren, noch dazu Das große Tor von Kiew! Rawumm! Mir fällt der Torbogen regelrecht auf den Kopf, so, wie einem die Welt auf den Kopf fällt, wenn man sich nicht vorsichtig durch sie hindurchbewegt. Sofort schalte ich das Radio aus, stakse mit meinen tiefgefrorenen Frühstücksbrötchen, die ich soeben aus dem Kühlschrank holte, zum Fenster. Ich brauche frische Luft.

Draußen fällt der Regen sanft auf das Geäst der alten Bäume, die mir die Aussicht zur Unterführung der Ausfahrtsstraße gegenüber meinem Haus gnädig versperren. Diese Unterführung – denke ich mir jetzt – hat auch so ein „Tor“, ein Loch, das ist mein Großes Tor von Kiew. Darin verschwindet alles, um irgendwo weit hinten wieder rauszukommen, ohne dass ich mit ansehen müsste, wie alles wieder rauskommt. Super. Für heute bin ich – wie soll ich’s sagen? – frühstücksbrötchenaufbackbereit.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen. Dieser Tage erschien sein aktuelles Buch „Achtung, Achtsamkeit“ im Braumüller Verlag.