Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Mein Hummelfigurenhumanismus

Gastkommentar / von Peter Strasser / 21.12.2015

Selber schuld, habe ich mir heute Morgen gedacht, als ich meine Leib-und-Magen-Mappe mit den Äußerungen meiner Lieblingsintellektuellen zur Lage Europas durchblätterte.

Ich bin selber schuld! Ich hätte ja nicht hineinschauen müssen, dann würde mir jetzt mein Frühstück schmecken wie einem Waldmenschen, der nicht weiter sieht als über seine Lieblingslichtung hinaus. Aber nein, der Untergang des Abendlandes, den, ich weiß nicht vor wie vielen Jahrzehnten, Oswald Spengler prophezeite (ein genialer Zähneknirscher, der von Robert Musil immerhin der „höheren“ Dummheit geziehen wurde) – dieser Untergang ist nun, so sagen meine Lieblingsdenkmenschen, entweder in vollem Gange oder schon vorbei.

Europa ist moralisch am Ende. Europa ist tot. Europa hat es verabsäumt, sich zu wehren.

Einer sagt klipp und klar, dass der dritte Weltkrieg bereits ausgebrochen sei, und ein anderer hat erst kürzlich verkündet, er sei der „letzte Deutsche“ (was mir, als Österreicher, ehrlich leidtut). Kaum auszudenken, wie meine Lieblingsschwarzseher urteilen würden, falls sie wüssten, dass, wenn ich nicht gerade an Gott glaube – eher selten, doch immer öfter! –, ich an die Menschlichkeit glaube.

Einige Menschen, die ich liebe, lieben sogar Hummelfiguren. Aber was soll’s? Da Europa ohnehin am Ende und praktisch untergegangen ist, kann mein Existenzialkitscherantentum, ja, mein Hummelfigurenhumanismus ohnehin keinem mehr schaden.

Und plötzlich schmeckt mir mein Frühstück wieder.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.