PD

Hohe Erwartungen an Edition

„Mein Kampf“ – endgültig entmystifiziert?

von Peter Longerich / 25.02.2016

Schon lange vor ihrer Veröffentlichung wurde über die wissenschaftliche Edition von Adolf Hitlers „Mein Kampf“ kontrovers diskutiert. Nun liegt sie vor: Fast 2.000 Seiten und 3.700 Fußnoten warten darauf, gelesen zu werden. Peter LongerichProf. Dr. Peter Longerich ist Direktor des Research Centre for the Holocaust and Twentieth-Century History an der Universität London. Vor kurzem ist (bei Siedler) seine umfangreiche Biografie Adolf Hitlers erschienen. über zu hoch gesteckte Erwartungen. 

Die jahrzehntelange Tabuisierung des Textes, der erst jetzt, nach Ablauf des Urheberrechts des Verfassers, nachgedruckt werden durfte, hat um „Mein Kampf“ die Aura des Gefährlich-Geheimnisvollen und Verbotenen entstehen lassen. Die Frage, die nach dem Rückzug des Freistaats Bayern aus dem Projekt einer wissenschaftlichen Neuedition vor zwei Jahren noch einmal aufflammte: Ob man die Veröffentlichung eines solchen menschenverachtenden Machwerks überhaupt rechtfertigen kann, ist nach wie vor virulent, wie die vehemente Grundsatzkritik verdeutlicht, die Jeremy Adler Anfang Januar in der Süddeutschen Zeitung an dem Vorhaben geäußert hat. Neben Befürchtungen stößt die am Münchner Institut für Zeitgeschichte erarbeitete Edition aber vor allem auf ungewöhnlich große Erwartungen: Nach dem Ausverkauf der ersten Auflage von 4.000 Exemplaren warten mehr als 15.000 Subskribenten auf die Auslieferung des Werkes, und „Wucherforderungen“ von Internethändlern machen Schlagzeilen.

Aufwendige Aufbereitung

Die spektakuläre Vorgeschichte hat dazu geführt, dass es das Institut für Zeitgeschichte mit einer „normalen Edition“ nicht bewenden lassen wollte. Anstatt zum Beispiel einen Ergänzungsband an die in zwölf Bänden veröffentlichten Reden, Schriften, Anordnungen Hitlers aus den Jahren 1925 bis 1933 anzuhängen, sah man sich zu besonderen Anstrengungen bemüßigt: Ziel sei nichts Geringeres als die „Entmystifizierung“ des Buches, so der Instituts-Direktor Andreas Wirsching in seinem knappen Vorwort; eine Entmystifizierung mithilfe einer minuziösen Kommentierung, die dem Autor Hitler offen widerspricht und auch auf die Folgen des Buches eingeht. Es soll ein breites Publikum aufgeklärt werden, geht es doch nicht nur um eine zentrale Quelle des Nationalsozialismus, sondern eben um ein „Symbol“, wie die Herausgeber einleitend schreiben.

Ungewöhnlich ist schon die äußere Form: Man hat sich für ein aufwendiges Layout entschieden, als dessen Vorbilder ausdrücklich Drucke der hebräischen Bibel, der Schriften von Erasmus von Rotterdam oder die Frankfurter Hölderlin-Werkausgabe genannt werden. Die anspruchsvolle Gestaltung ließ den Herausgebern höchstmögliche Flexibilität bei der Kommentierung und ist zudem übersichtlich: Der exakt dem Original entsprechende Umbruch steht jeweils (mit der alten Paginierung) auf der rechten Buchseite, rechts daneben sind in einer Spalte abweichende Lesarten aus insgesamt sechs Ausgaben aus der Zeit bis 1944 aufgeführt, die untere rechte Buchseite sowie die linke Seite (bei Bedarf auch noch die nächste Doppelseite) nehmen die Anmerkungen auf.

Die Edition bietet mit ihren über 3.700 Fußnoten vor allem eine gute Synthese der bisherigen Forschungen zu „Mein Kampf“ und zu Hitlers Biografie bis zur Mitte der zwanziger Jahre, aber sie geht insgesamt auch nicht wesentlich darüber hinaus. Die Entschlüsselung der von Hitler geschaffenen Legende hat nicht zu umstürzenden neuen Erkenntnissen geführt. So identifizieren die Herausgeber Houston Steward Chamberlain, Heinrich Class (den Vorsitzenden des rechtsextremen Alldeutschen Verbandes), den Antisemiten Theodor Fritsch sowie Alfred Rosenberg als wichtigste Ideengeber Hitlers – was im Einzelnen gut belegt, im Ergebnis aber nicht überraschend ist.

Gut gelungen ist vor allem die Verknüpfung der Entstehungsgeschichte und der Themen der einzelnen Kapitel des Buches mit der Geschichte der NSDAP in den Jahren 1924 bis 1926. Hier zeigt sich, dass „Mein Kampf“ nicht nur geschönte Biografie und Programmschrift, sondern auch ein laufender Kommentar des Politikers Hitler zum politischen Tagesgeschehen ist. Mitherausgeber Othmar Plöckinger hat mit seinem 2006 erschienenen Buch zur Entstehungs- und Publikationsgeschichte von „Mein Kampf“ bereits wesentliche Vorarbeiten geleistet; gleichzeitig mit der Edition reicht er noch einen weiteren umfangreichen Materialband zu „Mein Kampf“ nach. Hingegen ist der Ansatz, immer auf die Zeit nach 1933 vorzugreifen, um die Diskrepanz zwischen Herrschaftsentwurf und späterer Praxis aufzuzeigen, nicht sehr überzeugend realisiert: Die Kommentare sind teilweise recht beliebig, der Vergleich entbehrt der Systematik.

Fraglich erscheint der Anspruch, nicht nur eine wissenschaftliche Dienstleistung zu erbringen, sondern auch und zugleich eine breite Öffentlichkeit aufzuklären: Kann ein nach allgemeiner Ansicht redundantes, mangelhaft strukturiertes und daher fast unlesbares Buch mit einem den Text an Umfang weit übertreffenden Fußnotenapparat wirklich zugänglich gemacht werden?

Mit Standpunkt?

Zwar haben sich die Herausgeber nach eigenem Bekunden für eine „Edition mit Standpunkt“ entschieden, doch diese Positionierung macht sich vor allem in dem Meer von Fußnoten geltend. Die weniger als fünfzig Seiten umfassenden inhaltlichen Kommentare in der „Vorbemerkung“ und die kurzen Kapiteleinleitungen können demgegenüber nur in einem beschränkten Umfang die Informationsfülle der Anmerkungen zusammenführen. Den Rahmen einer konventionellen Edition zu sprengen und dem Werk eine ausführlichere Interpretation voranzustellen, dazu haben sich die Herausgeber nicht entschließen können. Dementsprechend bleiben die Möglichkeiten, den Text inhaltlich aufzuschlüsseln, auch begrenzt.

Nehmen wir zum Beispiel das zehnte Kapitel: Dem Autor Hitler ist es hier darum zu tun, auf insgesamt 63 Seiten nachzuweisen, dass der „deutsche Zusammenbruch“ des Jahres 1918 nicht in der militärischen Niederlage wurzele, seine Ursachen vielmehr auf tiefgreifende „Verfallserscheinungen“ zurückzuführen seien. Die werden nun in aller Ausführlichkeit ausgebreitet, wobei es in erster Linie offenkundig darum geht, „die Juden“ für alles und jedes verantwortlich zu machen.

Der Kommentar arbeitet die Herausforderung des „uneinheitlichen, verworrenen Kapitels“, wie es einleitend heißt, mit insgesamt 288 Anmerkungen ab. Die Erläuterungen befassen sich mit der von Hitler für so schädlich gehaltenen Industrialisierung (einschließlich der Rolle von jüdischen Bankhäusern und der Börse), gehen auf seine Kritik am Untertanengeist des Kaiserreichs ein und auf sein Urteil über die liberale Presse („Totengräberarbeit am deutschen Volke“). Alleine zehn Anmerkungen befassen sich mit der von Hitler (auf vierzehn Seiten!) zu einem zentralen Problem der Vorkriegszeit erhobenen Syphilis, zahlreiche weitere mit seiner Kritik am Verfall von Kultur und Städtebau (wobei unter anderem auch die Stichwörter Akropolis, Pantheon und Gotik abgehakt werden); und schließlich erfährt man, dass Hitlers abschätzige Beurteilung von Stärke und Artilleriebewaffnung der kaiserlichen Flotte nicht ausreichend fundiert ist.

Das Beispiel verdeutlicht: Eine ausführliche Kommentierung in Form von Fußnoten muss sich notwendigerweise in den Schlepptau des Textes begeben, jede auch noch so absurde Wendung des Autors nachvollziehen und den blühenden Blödsinn des Originals auf skrupulöse Weise kommentieren. Eine Analyse der Position Hitlers, die deutlich macht, wie er sich mit seinem ungebremsten Mitteilungsdrang den Zugang zu einer Erklärung der Ursachen der Niederlage von 1918 selbst verstellt, kann so nicht geleistet werden.

Hitler versuchte, seine Ablehnung durch die Wiener Kunstakademie im Jahre 1907 schönzuschreiben, indem er die ihm attestierte Nichteignung in puncto Malerei zur einmaligen Chance umdeutete, seine wahre künstlerische Berufung zu erkennen, und er den heroischen Entschluss gefasst habe, „Baumeister“ zu werden. Der wissenschaftliche Apparat der Edition begleitet getreulich diese Schilderung (Anmerkung I 2, 17): „Die Baukunst blieb Hitlers Leidenschaft …“

Erwartungen redimensionieren

Nicht kommentiert wird jedoch die Tatsache, dass Hitler die zweite, schon bei der Vorauswahl abgelehnte Bewerbung an der Kunstakademie im folgenden Jahr vollkommen verschweigt; dass er sich wiederum in der Malereiklasse beworben hatte, charakterisiert den „Entschluss“ zur Baumeister-Karriere als die nachträgliche Erfindung einer Lebenslüge und mag seine spätere monumentale Bauwut als kompensatorischen Ehrgeiz erklären. Tatsächlich ist seine tiefe Enttäuschung über die endgültige Zerstörung seiner Phantasiekarriere als gefeierter Maler ein wichtiger biografischer Wendepunkt: Nun folgt der jähe gesellschaftliche Absturz, das jahrelange Sich-treiben-Lassen im Wiener Männerheim-Milieu. Doch darüber geht „Mein Kampf“ mit langen Tiraden über die unhaltbaren Zustände in der Donaumetropole hinweg – und die am Text orientierten Fußnoten der Edition können diese Lücke in der Biografie auch nicht schließen.

Als Fazit bleibt festzuhalten, dass die gewählte Methode, den Text mit einer Armee von Fußnoten einzukreisen, die eine Art von Wächterrolle gegenüber dem skandalösen Inhalt einnehmen sollen, an sich gangbar und achtbar ist, jedoch die „Entmystifizierung“ von „Mein Kampf“ und seinem Autor nur begrenzt leisten kann. Insofern sollte man die hochgesteckten Erwartungen an die Edition wieder auf ein Normalmaß reduzieren.