Morgengrauen

Mein Keuschheitsredeverschluss

Gastkommentar / von Peter Strasser / 05.05.2016

„Man kann über alles reden“, sagte sie, ich kannte sie überhaupt nicht, hatte sie gerade erst im Supermarkt getroffen. Unsere Einkaufswagerln waren zusammengestoßen, akkurat beim Manövrieren um ein Eck, an dem eine Pyramide aus Gewürzgurkengläsern, Aktion: 30 % ab, aufgebaut war.

Na, jedenfalls mochte ich ihr, die sich mir als „Kollegin“ bekannt machte, unter dieser Gewürzgurkenglaspyramide nicht widersprechen, auch wenn ich mich irgendwie unbehaglich fühlte angesichts der mir in Aussicht gestellten Möglichkeit, über alles reden zu können. Warum sollte ich unter den verbilligten Gewürzgurkengläsern, die zu einer Pyramide aufragten, über alles reden wollen? Ich bekam einen Keuschheitsredeverschluss. Nichtsdestoweniger überreichte mir meine „Kollegin“ ihre Visitenkarte, was mich dazu veranlasste, meine eigene herauszufingern, bloß um die ihre dezent verschwinden zu lassen, alles mit einer Hand! Denn mit der anderen war ich, auch wenn man über alles sprechen konnte, peinlich darauf bedacht, unsere Einkaufswagerln sich nicht verkeilen zu lassen. Das war’s.

Die „Kollegin“ enteilte, doch nachts hatte ich einen Albtraum, der unter lauter Gewürzgurkenglaspyramiden zwischen lauter Unbekannten spielte, die alle meiner „Kollegin“ ähnelten und mir intimierten, dass man über alles reden könne. Alles! Ich wachte schreiend neben meiner Frau auf, die, während sie sich auf die andere Seite drehte, murmelte: „Darüber willst du erst gar nicht reden.“ Was für eine Erleichterung …

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).