Morgengrauen

Mein kleiner Morgenexorzismus

Gastkommentar / von Peter Strasser / 22.07.2016

Die Sirene des Rettungswagens macht die Fensterscheiben zittern. Dann noch eine und noch eine. Dahinter andere Sirenen, Polizei und Feuerwehr. Ich lasse den Kaffee durch die Filtermaschine rinnen, backe die Brötchen auf, stelle Butter und Marmelade zurecht. Irgendwo ist immer der Teufel los.

Der stille Glanz des Frühstückstisches versetzt mich in eine Stimmung, für die mir im Moment der rechte Name fehlt: welteinverständig – ja, das ist es. Aber gleich fällt mir wieder Max Horkheimer ein, der irgendwo in seinem einst berühmten Reflexionenbuch Dämmerung schrieb, dass, während wir vom Teufel schreiben, „der um unser Haus schleicht“, wir es selber seien. Wir tun ja nichts dagegen, dass draußen die Menschen elend zugrunde gehen, nicht nur an den üblichen domestizierten Todesursachen (wir haben Rettung, Polizei und Feuerwehr, Notärzte und Krankenhäuser); nein, an unzähligen Unmenschlichkeiten.

Irgendwo jenseits der Grenze meines Landes, niemals weit genug entfernt vom Glanz meines Frühstückstisches, harren hoffnungslos hunderttausende Flüchtlinge aus, in überhitzten oder durchnässten Notquartieren, mit Kind und Kegel. Inzwischen feiern die politischen Verbrecher Triumphe, akklamiert von einem lynchwütigen Mob. Dämonische Unruhe flackert rund um meine Morgenidylle. Und doch: Der Glanz ist da. Dagegen ist der Teufel machtlos, auch der Teufel in uns selbst. Mein kleiner Morgenexorzismus, Tag für Tag: „Pflege den Glanz, dann geh und tu, was du kannst, mehr hast du nicht!“

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).