Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Mein verhausschweinter innerer Schweinehund

Gastkommentar / von Peter Strasser / 01.02.2016

Schon wieder, lese ich in der Morgenzeitung, ist ein berühmter Liebhaber der Weisheit gestorben.

Meine erste Reaktion würde mich beschämen, könnte ich mich vor mir selbst nicht damit rechtfertigen, dass es erst 6 Uhr ist – die Zeit, in der mein Unterbewusstes, vulgo innerer Schweinehund, noch zögert, in seinen Seelenzwinger zurückzukriechen. Ich denke mir also: „Das hat er jetzt davon; er ist tot und ich lebe, ha!“

Natürlich nimmt mein Unterbewusstsein dem „Kollegen“ übel, dass er berühmt war und ich, falls überhaupt, bloß lokale Bekanntheit genieße. Hinzu kommt, dass ich bereits jenes Alter erreicht habe, in dem die widerlichste aller menschlichen Untugenden immer öfter von mir Besitz ergreift: der Triumph des Überlebenden.

Mein Unterbewusstes ist eben ein innerer Schweinehund. Und so zwingt es mich, jetzt gleich das Trostloseste zu denken, was sich ein Philosoph denken mag: Warum widmete ich mein ganzes Leben der philosophia, wenn nicht deshalb, um mich meiner Unsterblichkeit zu versichern …? Doch die Philosophie macht nicht unsterblich.

Das ist nun zugleich der Moment – es ist 6 Uhr 15 –, wo mein Unterbewusstes in seinen Zwinger zurückkriecht. Denn weil ich durch meine Liebe zur Weisheit – philosophia forever – offenbar weise geworden bin, ist mein innerer Schweinehund zuinnerst verhausschweint: Er bellt grunzend, ferkelt kläffend, aber er beißt nicht. Meistens.

Verhausschweinung, immerhin auch eine Tugend – dies gegen Konrad Lorenz gesprochen –, und gar keine geringe!

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.