Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Meine Frühstücksreifegestalt

Gastkommentar / von Peter Strasser / 27.12.2015

Ich habe einen Freund, der erfindet sich jeden Sonntag neu. Sonntag, sagt mein Freund, sei sein Selbstneuerfindungstag. Dabei beruft er sich auf die Anthropotechnik des postmodernen Menschen, der, wie es in den Selbstneuerfindungskursen heißt, sich selbst finde, indem er sich selbst neu erfinde, aber achtsam, immer schön achtsam.

Die Achtsamkeit sei ja die andere große Anthropotechnik unserer Epoche des dritten Weltkriegs auf Raten, nicht wahr? Als mein Freund letzten Sonntag kurz innehielt, um Luft zu holen, fragte ich ihn, als wer oder was er sich gerade selbst neu erfinde.

Eine Frage, keine Antwort. Zugegeben eine dumme, begriffsstutzige Frage – die Frage eines Philosophen der alten Schule, welche an das tiefinnerliche Wesen des Individuums glaubte, an die entelecheia, die „Reifegestalt“ des Aristoteles.

Und heute ist schon wieder Sonntag, schon wieder Selbstneuerfindungstag. Ich indessen sitze vor meinem duftenden Morgenkaffee und fühle mich rundum ganz. Ganz und gar ganz. Kein Zweifel, hier sitzend, am Frühstückstisch zusammen mit meiner zeitungslesenden Frau (der heutige Aufmacher: „Dritter Weltkrieg in Raten“) – das ist meine Reifegestalt.

Während mein Freund vermutlich gerade dabei ist, sich wieder einmal achtsam selbst neu zu erfinden, fühle mich bei dem Gedanken, meine Frühstücksgestalt sei meine Reifegestalt, regelrecht geborgen. Oder um es mit neoaristotelischen (oder austrobuddhistischen?) Worten zu sagen: „Immer wieder dasselbe und am besten nichts Neues!“

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.