Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Meine identitäre Morgenverstopfung

Gastkommentar / von Peter Strasser / 24.01.2016

Wenn’s nach ihm ginge, sagt der identitärste Politiker unseres Landes im Morgenradio, würde er alle Politiker abschaffen, die nicht unsere Heimat abdichten gegen das an unseren Grenzen heimatlos wimmelnde Gelichter.

Das ist zu viel für einen wie mich, der an einer existenziellen Verstopfung aufgrund des unvermeidbaren Konsums identitärer Dichtmasse leidet. Ich komme mir vor wie ein Schwarzes Loch, ich weiß, das klingt verquer. Es ist ja nicht so, dass ich etwas an mich ziehen, geschweige denn in mich hineinziehen könnte, wie es das Schwarze Superloch da draußen tut, irgendwo inmitten unserer Galaxie. Trotzdem komme ich mir vor, als hätte ich eine unendliche Masse. Nichts kommt mehr aus mir heraus – außer, höchstens, ein dumpfes Stöhnen über die geradezu kosmische Abdichtungsintelligenz des identitärsten Politikers unseres Landes.

„Jetzt“, deklamiert er, „machen wir alles dicht, ein Staatsverräter, wer noch etwas durchlässt!“ Und was bleibt? Das reine Strahlen des identitärsten Politikers unseres Landes. Identitäre Hobbytheologen sprechen von einer nahezu göttlichen Aura. Doch Gottes Aura, da bin ich mir tausendprozentig sicher, strahlt nach außen hin ab, damit die Welt werde, die ganze wunderbare, wunderbar vielfältige Welt! Gott ist der vollkommenste identitäre Nichtidentitäre.

Ich nehme eine Dreifachdosis Dulcolax Forte, um die in mir steckende Indentitärdichtmasse des identitärsten Politikers unseres Landes zu entsorgen: Diarrhöische damnatio memoriae. Sehr zu empfehlen!

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.