Morgengrauen

Meine kleine Morgenmagie

Gastkommentar / von Peter Strasser / 13.05.2016

Als Kind war ich morgens ein unleidliches Geschöpf, etwas, was man hierzulande einen „Grantscherm“ nennt. Diesen Umstand kommentierte meine elterliche Umgebung gerne – und wie ich fand, reichlich herzlos – mit dem geflügelten Wort: „Er ist halt wieder einmal mit dem falschen Fuß aufgestanden.“

Ich bin morgens immer noch ein Grantscherm – ein Umstand, mit dem es eine zugegeben ziemlich kindische Bewandtnis hat: Jeden Morgen versuche ich, nicht mit dem falschen Fuß aufzustehen, das ist zwanghaft oder, je nach Einstellung zum Weltganzen, magisch. Wie steht man mit dem richtigen Fuß auf? Die Antwort scheint leicht, allzu leicht: Indem man peinlich genau vermeidet, mit dem falschen Fuß aufzustehen. Und während ich, im Bett schon mit beiden Füßen ruckelnd und bereit, die magische Handlung zu vollziehen, mir noch überlege, welches heute der richtige Fuß sein könnte, spüre ich bereits, wie in mir der Grant hochsteigt: Ich habe nicht die geringste Ahnung! Mit welchem Fuß auch immer ich aufstehen werde, es wird der falsche Fuß gewesen sein.

Damit lässt sich – vorausgesetzt, man verfügt noch über Spuren dessen, was man früher eine althumanistische Bildung nannte – nur das griechische Schicksal vergleichen. Und so wurzle ich mit meinen beiden Morgenfüßen unversehens in der Tiefe meiner abendländischen Herkunft – ein erhebendes Gefühl, das mir mein Los, wieder einmal mit dem falschen Fuß aufgestanden zu sein, dann doch als ein gutes Omen des anbrechenden Tages erscheinen lässt.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).