Morgengrauen

Meine kleinraumpolitische Freude

Gastkommentar / von Peter Strasser / 11.12.2015

Dass die Dinge, die sich unsereins denkt, nicht nur letzten Endes, sondern überhaupt – ab ovo, sozusagen – bedeutungslos sind, kann einem schon auf den Magen, die Seele und sonst wohin schlagen.

Daran musste ich heute, beim Aufbacken meiner Frühstücksbrötchen, denken, nachdem mir mein starrsinnig gewordener Intellektuellenfreund nicht aus dem Kopf gehen wollte. Er war in seiner Jugend ein glühender Roter gewesen, dann immerhin noch ein bürokratischer Roter in hohem Ministerialamt, um schließlich – wohl, weil keiner derer, die wirklich Macht hatten, seinen scharfsinnigen Ausführungen über die Verkommenheit der Welt länger als fünf Minuten andächtig lauschen mochte – in eine Art geistiger Trotzstarre zu verfallen.

Fortan dachte mein Freund nur noch großraumpolitisch: Weil wir Europäer uns gegen die Fremden nicht wehrten, stünden uns geopolitische Großraumverschiebungen ins Haus, die das Ideentortenbäckertum unserer „breimäuligen Talk-Show-Kultur“ hinwegschmelzen würden wie die globale Erderwärmung das Packeis an den Polen. So etwas sagt er und schreibt er, aber keiner, außer dem Trüppchen altlinker Neurechter, hört auf sein brillantes Zähneknirschen.

Ich eigentlich auch nicht. Und gewiss, meine kleinraumpolitische Freude darüber, dass die Frühstücksbrötchen so geworden sind, wie sie sein sollen, nämlich goldbraun und knusprig, muss großraumpolitisch als Ausdruck meiner verkitschten Frühstücksbrötchenaufbäckermentalität abstoßen. Aber freuen tut es mich trotzdem.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.