Morgengrauen

Meine Narziss-Übung

Gastkommentar / von Peter Strasser / 03.08.2016

Heute habe ich mich, gleich nach dem Aufstehen, im Badezimmerspiegel gründlich angeschaut, unterm grellen Halogen-Licht. Von Angesicht zu Angesicht mit mir selber. Normalerweise achte ich ja penibel darauf, dass ich im Halbdunkel beim Vorzimmerspiegel vorbeihusche – ohne Augenkontakt. Bloß nicht hinschauen! Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?

So ein Blödsinn! Morgens will ich weder das eine noch andere wissen, denn ich bin weder ich noch bin ich viele. Ich bin bloß einer, der so richtig noch keiner ist. Der sich nicht recht mag. Der – wie man so sagt – beim guten Wind davonkommen möchte. Aber heute war es wieder einmal so weit: Ich postierte mich vor dem Badezimmerspiegel, riss meine Augen auf und starrte mich an. Ich nenne das „meine Narziss-Übung“. Denn angeblich mangelt es mir an narzisstischem Potenzial. Jedenfalls ist dies die fachliche Meinung meines Lebenskunsttrainers, mit dessen Assistentin ich ab und zu telefoniere, um vereinbarte Termine wieder abzusagen. Ich habe beschlossen, mir die Lebenskunst auf eigene Faust beizubringen.

Mein Gesicht starrte mir also aus dem Badezimmerspiegel entgegen. Nun musste ich mich nur noch in mich selbst verlieben. Ich darf sagen, es ging heute schon besser. Zwar verliebte ich mich nicht ich mich selbst, doch an Selbstmord dachte ich auch nicht mehr. Der da im Spiegel kam mir stattdessen vor wie einer, der sich schleunigst rasieren, waschen und die Haare kämmen sollte. Na bitte, geht doch!

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).