Morgengrauen

Meine prinzipielle Nacht

Gastkommentar / von Peter Strasser / 06.06.2016

Neulich erst beim Urologen zur Jahreskontrolluntersuchung. Heute eine „prinzipielle“ Nacht hinter mich gebracht. Ich nenne eine Nacht prinzipiell, wenn ich wachliege, weil ich mir „prinzipiell“ keine Sorgen zu machen brauche. Dass ich mir „prinzipiell“ keine Sorgen zu machen brauche, versicherte mir erst gestern mein Urologe, nachdem er alle meine Laborwerte mit freundlichem Blick studiert hatte, so, als ob er auf alte Bekannte träfe.

Allerdings schien sich da ein ungebetener Gast eingeschlichen zu haben, denn mein Urologe zog plötzlich die Augenbrauen hoch (ich verfiel sofort in eine Art Erwartungsstarre). Dann schaute er mich aufmunternd an und sagte, er werde mir jetzt eine Überweisung schreiben – ich glaube, es fiel das Wort „Feinnadelbiopsie“ –, obwohl ich mir „prinzipiell“ keine Sorgen zu machen brauchte. Seither mache ich mir prinzipiell keine Sorgen, trotz des Umstandes, dass mein Urologe auf meine erwartungsvolle Abschiedserkundigung: „Also dann, bis zum nächsten Jahr?“, freundlich den Kopf schüttelte: Das werde leider nicht möglich sein (mir wurde gleich schwarz vor Augen), denn er gehe nächste Woche in Pension.

Seither lebe ich im Zustand eines „prinzipiell“ Sorglosen, der das erste Mal richtig verstanden zu haben glaubt, was Martin Heidegger meinte, als er den Menschen als ein Sein zur Sorge bestimmte. Es ist nämlich die tägliche Sorge, die uns jener „prinzipiellen“ Sorglosigkeit enthebt, welche keine rechte Lebendigkeit aufkommen lässt. Mein Vorsatz für den Tag: Mir Sorgen machen, aber so richtig!

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).