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Menschsein kann heute auch heißen, sich in die Luft zu jagen

von Felix Hasler / 20.03.2016

Anthropologen, Soziologen und Psychologen untersuchen, warum Menschen in den Dschihad ziehen. Sie betreiben eine neue Art von Forschung und suchen den Kontakt zu IS-Kämpfern. Gefährlich wird es dann, wenn sie falsche Fragen stellen.

Was ist der Mensch? Die Untersuchung dieser Frage ist das Kerngeschäft der Anthropologie. Früher reisten die Sozialforscher dafür in entlegene Urwaldregionen oder sprachen mit Aidskranken in Sterbehospizen. Im Jahr 2016 kann Mensch sein auch heißen, sich mit einer Sprengstoffweste in die Luft zu jagen und unzählige Menschen mit in den Tod zu reißen. Und dabei zutiefst überzeugt sein, das Gerechte zu tun, sich selbstlos zu opfern für Allah und die vermeintlich unterdrückten Glaubensbrüder.

Naheliegend, dass Dschihadisten und die Entstehungsbedingungen islamistischer Gewalt auch Gegenstand intensiver Forschung innerhalb der Anthropologie geworden sind. Was bis dahin unter dem allgemeinen Begriff „Konfliktforschung“ lief, formierte sich nach den 9/11-Anschlägen in New York zum umfassenden Feld der „Terrorismusstudien“. Ausgestattet mit beträchtlichen Forschungsmitteln, nicht zuletzt vom Pentagon, untersuchen heute Anthropologen, aber auch Psychologen, Soziologen und Politologen, was Menschen in den Dschihad treibt oder zu Selbstmordattentätern werden lässt.

„Man muss mit den Leuten essen“

Hammad Sheikh ist einer dieser Terrorismusforscher. Der Sozialpsychologe mit deutsch-pakistanischen Wurzeln ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der New School for Social Research in New York und am Centre for the Resolution of Intractable Conflict an der University of Oxford. Er entwickelt Fragebögen, die seine Kollegen in Syrien, im Irak oder in Afghanistan für ihre Feldforschung verwenden. Nächstens will Hammad Sheikh selbst ins Kurdengebiet im Irak fahren. Und versuchen, von dort aus Kontakte zu IS-Kämpfern herzustellen. Eine Alternative zur Feldforschung in Krisengebieten gebe es nicht: „Man muss mit den Leuten essen und trinken und in denselben Häusern schlafen. Nur so kann man die Verhältnisse begreifen.“

Verhältnisse, die in der Realität kompliziert und wechselhaft sind. So ist die Mehrheit der Leute, die der Islamische Staat unter Abu Bakr al-Baghdadi getötet hat, sunnitische Araber. Also eigentlich die Leute, die der IS behauptet zu vertreten. Der Grund liegt darin, dass der IS sehr leicht erklärt, jemand sei vom Glauben abgefallen – worauf die Todesstrafe steht. Auch viele Al-Nusra-Kämpfer – also al-Kaida in Syrien – kämpfen gegen den Islamischen Staat. Je nachdem, wie gerade die Lage ist, verbünden oder bekämpfen sich die islamistischen Terrororganisationen untereinander. Die Anthropologen nennen das „fission and fusion“.

Dschihadisten seien durchaus daran interessiert, mit Forschern zu reden, erklärt Hammad Sheikh: „Es gibt nicht nur Kommunikation durch Anschlag. Viele Propagandisten aus dem Umfeld des Terrorismus wollen mit uns reden.“ Will man nicht nur mit Dschihad-Propagandisten per Skype telefonieren, sondern IS-Kämpfer vor Ort treffen, sei das Wichtigste die Vorbereitung der Feldforschung. Man müsse schließlich auch die eigene Sicherheit im Blick haben, denn „keiner von uns möchte in einem orangefarbenen Overall auf Youtube landen“. Dazu muss erst einmal Vertrauen aufgebaut werden. Selbst in Kriegsgebieten geschieht dies heute per Internet: „Wir rufen, sagen wir, den Führer eines sunnitischen Stammes an und sagen: ,Wir sind Forscher, bitte google uns.‘ Wir möchten, dass die Leute wissen, was wir schreiben. Wir sind auch nicht dazu da, sie schlecht dastehen zu lassen oder um für die Amerikaner herauszufinden, wo man am besten bomben kann.“

Wichtig seien Pilotstudien vor Ort. Mit Einheimischen, die den Forschern freundlich gesinnt sind, zum Beispiel den kurdischen Peschmerga, werden Vorgehen und Interviews ausgetestet. Nicht zuletzt gelte es dabei herauszufinden, ob eine Frage als Gotteslästerung ausgelegt werden könnte. Das müsse zwingend vermieden werden, sonst stehe gleich das Leben der Forscher auf dem Spiel. Und natürlich müsse man die lokalen Sitten und Gesetze sehr genau kennen, betont Terrorismusexperte Sheikh: „In Pakistan zum Beispiel kann man die Frage nicht stellen: ,Glaubst du an Gott?‘. Das wird zwar von Journalisten gemacht, aber das Problem ist, wenn die interviewte Person ,Nein‘ sagt, hat sie schon ein pakistanisches Gesetz verletzt. Und die Strafe für das Brechen dieses Gesetzes ist die Todesstrafe. Deshalb stellen wir diese Frage gar nicht.“

Wie gefährlich es trotz aller Vorsicht werden kann, berichtet der erfahrene Feldforscher Scott Atran in seinem Buch „Talking to the Enemy“. Der amerikanische Anthropologe hat auf Sulawesi einen einheimischen Terroristenführer interviewt. Während des Gesprächs zeigte sich, dass dieser ein radikaler Antisemit ist. Durch eine unbedachte Bemerkung des Übersetzers wurde klar, dass Atran selbst jüdischer Herkunft ist, die Stimmung im Raum kippte. Eine brenzlige Lage, denn der Anthropologe war umgeben von bewaffneten Bodyguards des Anführers.

Atran erfand einen Vorwand, um den Raum zu verlassen und brachte sich mit einem Sprung aus dem Toilettenfenster in Sicherheit. Zur Entschärfung einer gefährlichen Interviewsituation empfiehlt er auch eine Methode, die er selbst schon erfolgreich angewendet hat: abrupter Themenwechsel – und über Fußball reden. Außer vielleicht in den USA sei es weltweit die einzige Sache, für die sich alle interessierten, ob man Barcelona- oder Manchester-United-Fan ist. Dabei komme es dann zu einer Debatte über die Vorzüge und Schwächen dieser beiden Teams, und die Lage beruhige sich.

Nicht alle wissen den lebensgefährlichen Einsatz der Terrorismus-Forscher zu schätzen. Nach den November-Anschlägen in Paris ließ der französische Premierminister Manuel Valls in Interviews verlauten, er halte nichts von der „Kultur des Entschuldigens“, die besonders unter den französischen Intellektuellen herrsche. Und auch nichts von der sozialwissenschaftlichen Erforschung des Terrorismus, denn „den Dschihadismus erklären bedeutet schon ein wenig, ihn zu entschuldigen.“ Man brauche nicht nach Entschuldigungen zu suchen, weder nach sozialen noch soziologischen oder kulturellen.

Erklären heißt nicht entschuldigen

Man fühlt sich zurückversetzt in Zeiten der Regierung von George W. Bush, als man im Rahmen des „Enduring Freedom“-Einsatzes in Afghanistan erst 2007 – sechs Jahre nach Beginn der Militäroperation – überhaupt auf die Idee kam, Ethnologen und Soziologen einzubeziehen, die den Militärs vor Ort erklären sollten, wie das mit dem Stammes-System funktioniert. Auch Terrorismusforscher Hammad Sheikh kennt den Einwand des französischen Premiers: „Das Argument kommt vor allem aus der anthropologischen Forschung zum Holocaust. In der Wissenschaft ist das längst kein Thema mehr, in der Politik aber schon. Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen Empathie und Sympathie. Und genauso zwischen erklären und entschuldigen.“

Dass die Terroranschläge letzten November in Paris und nicht anderswo in Europa stattgefunden hätten, sei kein Zufall: „Die IS-Kämpfer sind extrem wütend auf die Franzosen, deren Kampfflugzeuge sie einfach nur ,die Vögel‘ nennen. Sie sind sich bewusst, dass die Franzosen zurzeit die Einzigen sind, die sie effektiv aufhalten können.“ Nur die Franzosen hätten einen direkten Draht zu den kurdischen Peschmerga, die von der französischen Luftwaffe taktische Luftschläge anfordern, beispielsweise wenn gerade ein Hummer-Konvoi mit IS-Kämpfern auf dem Weg zu ihnen ist.

Auf die Frage, was seine wichtigste Erkenntnis aus der Extremismus-Forschung sei, fällt Hammad Sheikhs Antwort ernüchternd aus: „Ich glaube, das Töten an sich ist so normal. Je mehr ich in meiner Forschung in den menschlichen Geist schaue, umso mehr merke ich, wie einfach es eigentlich ist zu töten.“ Es gebe Forscher, die sagten, im Krieg müsse man die Tötungshemmung überwinden. Das stimme auch für Leute, die aus dem Westen kämen, um in Syrien in den Dschihad zu gehen. „Man wird ja erzogen, dass man eben nicht tötet. Das Töten gehört auch nicht zur normalen Erfahrungswelt. Aber für Leute in Krisengebieten ist das völlig anders.“ Und dass das Töten etwas Ungewöhnliches sei, stimme auch nicht für den Großteil der Menschheitsgeschichte.