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Michel Houellebecqs paradoxe Zeitdiagnostik: Spiel mit dem Feuer

Gastkommentar / von Barbara Vinken / 01.10.2016

Europa stehe vor dem Selbstmord, prognostiziert der französische Schriftsteller Michel Houellebecq in virtuoser satirischer Manier. Allerdings spielt er mit dem Feuer, wenn er meint, er könne nicht ernst genommen werden.

In Michel Houellebecqs Dankesrede für den Schirrmacher-Preis kommen nur zweifach Frauen vor: als Allegorie, Mutter Staat, welche die Männer ihrer Männlichkeit beraubt, und als Prostituierte, die zu besuchen Mutter Staat unter Strafe stellt. Womit Mutter Staat, so der Text, die Grundlage des Vaterlandes zerstört, denn ohne Prostitution gäbe es keine Institution der Ehe, in der Kinder als Garanten des Fortbestandes eines Volkes gelten, kurz: Selbstmord des Westens. Ein Schriftsteller macht sich zum Sprachrohr einer völlig erotikfreien, spiessbürgerlich-kapitalistisch-verdinglichenden Doppelmoral von Sex als nacktem Geschäft und Sex als Kinderzeugen – und das in einem Land, das nach wie vor beansprucht, sich wie kein anderes auf die hohe Liebeskunst zu verstehen, von der die Literatur singt.

Tyrannei des Wahlfahrtsstaates

Mit Mutter Staat sind die modernen Wohlfahrtsstaaten gemeint, die Houellebecq mit Tocqueville für De-facto-Tyranneien hält. Nach römischem Vorbild lullen sie die Bürger mit Brot und Spielen ein. Aber Brot und Spiele reichen nicht, das Evangelium der Republik erweist sich als ein potenteres Opium fürs Volk, als es die Religion je war. Hier kommen bei Mutter Staat die Männer ins Spiel, so Houellebecq. Deren hohe Werte – liberté, égalité, laïcité – werden von der Kaste der privilegierten Linksintellektuellen unters Volk gebracht. Humanistische Fortschrittsapostel ziehen Profit daraus, dem Volke einzureden, in der besten aller Welten zu leben, die ständig besser, „freier“, weil marktförmiger wird.

Gegen alle, die diese neoliberale Doxa nicht teilen, die Doktrin einer Gesellschaft nicht schlucken, in der alle zu längst vereinsamten, liebesunfähigen Monaden geworden sind und „der Mensch“ dabei ist, durch ein profitableres Modell ersetzt zu werden – gegen alle diese, gegen das Fähnlein Houellebecq und seine verstorbenen Kameraden, wird eine erbarmungslose Hexenjagd veranstaltet. „D’outre-tombe“ spricht er, fast schon aus dem Grabe – als Halbtoter. Michel Houellebecq wird neben Mutter Staat und ihren verbotenen Prostituierten zur dritten Frau: der Dichter als Hexe.

Die Doxa der Linksintellektuellen beruht auf den Kirchenvätern Marx, Freud, Nietzsche. Der letztgenannte überrascht, denn wie kein anderer hat Nietzsche die Restauration ganzer Männlichkeit aus dem Geiste der Antike gegen die christliche Dekadenz des Mitleids gepredigt. Wie dem auch sei, es gilt die drei Säulenheiligen der linksrepublikanischen Werte – und mit ihnen die medienbeherrschenden Linksintellektuellen – vom Sockel zu stossen, ein veritabler Vatermord. Eine Häresie gegen das Evangelium der Republik. Und sie gibt sich als heroischer Akt des Heils: Denn die Priesterkaste des kastrierenden Mutterstaates treibt Europa in den Selbstmord.

Der Wahnsinn der Gewalt

Sieht man vom Fähnlein der Aufrechten ab, so gibt es noch eine andere Gruppierung, die nicht mit den Waffen des Intellektes, sondern mit richtigen Waffen gegen die westliche Dekadenz vorgeht: die Jihadisten, „ganze“ Männer. Aber – jetzt gehen wir ad fontes – die Jihadisten sind bei aller unerhörten Grausamkeit noch Engel gegen die, die im blutigen Terror der Revolution das Fundament der Republik gelegt und ihre Werte hervorgebracht haben. Hier erzählt Houellebecq mit der Verstümmelung des Leichnams der Princesse de Lamballe, der ein Revolutionär die Schamlippen abschnitt und sich als Schnurrbart ins Gesicht klebte, die grässlichste Geschichte aus dem Horrorkabinett der Revolution. Damit man es ja nicht vergesse, woher man kommt, wenn man verteidigt, wie weit man es gebracht hat!

Die blutrünstige Gewalt der einen wie der anderen, des Jihad wie der Revolution, verdankt sich, denkt Houellebecq mit Pascal, nicht irgendwelchen Überzeugungen, irgendwelchen Religionen, sondern ist schlicht ein Wahnsinn, der hin und wieder über die Menschen, nein, die Männer, kommt, um dann, wie eine Kinderkrankheit, wie die Masern, nach geschehener Verwüstung vorübergeht und die supermännliche Grundlage des kastrierenden Mutterstaates legt: ohne Revolution keine Republik. Eine Gewalt, die unter Berufung auf welche Religion oder Ideologie auch immer jederzeit ausbrechen kann: in den verweichlichten Westmännern, wenn Islamisten drohen, ihnen die Prostituierten wegzunehmen. Wie die Überlegenheit des Westens den Jihadisten gegenüber denn auch auf derselben rohen Männlichkeit beruht: Wir siegen nicht durch die schöneren Werte, wir haben schlicht mehr und bessere Waffen. Seltsam, dass es diesem sterilen Mutterstaat nicht gelingen will, Kinder in die Welt zu setzen. Alles wendet sich in der Logik der Bürgerkriege selbstmörderisch gegen das eigene Selbst.

So spielt der Dichter mit dem Feuer, es fehlt nur der Funke ins Pulverfass

Houellebecq analysiert die Gesellschaft mit dem Instrumentarium, das es ohne Marx und Freud nicht gäbe: Verdinglichung, Warenförmigkeit, Kastrationsangst, Vatermord. Genauer besehen, analysiert er nicht; er inszeniert, und zwar sich selbst als einen, der den Vater mordet; der, von Kastrationsangst gelähmt, Sex allein im Fetisch der Verdinglichung begreift; der sich selbst als, was Honorare angeht, alle Rekorde brechender Autor zur Ware macht.

Diese Dynamik in virtuoser satirischer Manier vor Augen zu führen, könnte nützlich sein, erhellend, wären unsere Gesellschaften nicht soeben dabei, diesen verstümmelten Hassgesang beim Wort zu nehmen. So spielt der Dichter mit dem Feuer, es fehlt nur der Funke ins Pulverfass.

Barbara Vinken lehrt allgemeine Literaturwissenschaft und romanische Philologie an der Universität München.