Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Mikropolitik: Jetzt, hier, amen!

Gastkommentar / von Peter Strasser / 11.02.2016

Während ich gutgelaunt den Filter in die Kaffeemaschine setze und mit einem Löffel munter Kaffee in den Filter schaufle, bricht hinter mir im Radio gerade die Börse zusammen. Es geht nach unten, es gibt kein Halten mehr, das muss mich etwas angehen!

Denn der Sprecher sagt, dass das – das! – uns alle etwas angehe, weil es uns alle in den Untergang reißen könnte. Wir hängen da irgendwie alle zusammen. Wenn ich also will, dass das Wasser in meiner Kaffeemaschine weiterhin durch den Filter läuft, dann muss es mich interessieren, dass gerade wieder einmal die Börse zusammenbricht, ja, die Börsen rund um den Globus, die alle irgendwie zusammenhängen.

Gleich wird meine Frau aus dem Badezimmer kommen und sich zum Frühstückstisch setzen, und dann soll es duftenden Filterkaffee geben und knusprige Brötchen. Also muss ich mich dafür interessieren, dass die Börsenwelt zusammenbricht, aber es interessiert mich nicht. Denn es geht mich nichts an.

Und das ist die Wahrheit, meine Wahrheit dieses Morgens, den ich friedlich beim Frühstück zusammen mit meiner Frau verbringen möchte. Radio aus! Brötchen aufbacken, einige Blicke hin zu meinen hellauf blühenden Orchideen, so, „als ob nichts wäre“: In den 1980ern hätte man, glaube ich, meine kleine häusliche Subversion, den globalen Tumult betreffend, „Mikropolitik“ genannt.

Mir soll’s recht sein. Noch ein cleveres Wort dafür, dass ich nichts tun kann gegen den morgendlichen Weltuntergang, außer passioniert Frühstück zu machen. Jetzt, hier, amen!

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.