Lilly Panholzer

Mit dem Gesetzbuch alleine kommt man Hasspostern nicht bei – mit Zivilcourage schon

von Wolfgang Rössler / 03.07.2016

Männer können nicht nachempfinden, wie sich Journalistinnen fühlen, die Zielscheibe sexualisierter Attacken im Internet werden. Müssen sie auch nicht. Sie sollten dennoch widersprechen, wenn jemand versucht, Frauen mit unlauteren Mitteln zum Schweigen zu bringen.

Manchmal, sagt Frederika Ferková, fühle sie sich wie eine Verräterin gegenüber anderen Frauen. Weil sie sich von wild gewordenen Männern nicht beängstigen lässt. Ferková ist Redakteurin beim Online-Magazin Vice. Für die junge Leserschaft lotet sie die fröhlicheren Seiten des Lebens aus: Musik-Festivals, lockere Beziehungen oder die Frage, wie Harry Potter die emotionale Entwicklung heutiger Mittzwanziger beeinflusst hat. Wenn sie über ein Thema schreibt, dann aus der Ich-Perspektive: Sie erzählt immer viel von sich selbst. Das bringt unbekannte Verehrer auf seltsame Gedanken.

„Manche fahren extra nach Wien und rufen mich dann an. Ob ich mit ihnen etwas trinken gehen möchte“, sagt Ferková. Neulich habe einer dreimal in Serie geklingelt. „Viele träumen davon, dass ich sie im Bett versklave und kneble. Ein anderer wollte, dass ich ihn finanziell ausnehme. Das war sein Fetisch.“

Ferková findet das ziemlich amüsant. „Hilarious“, sagt sie. Meist nimmt sie sich Zeit für die liebestollen Fans, um herauszufinden, was sie antreibt. „Ich mache das wie eine Soziologin und rede mit den Leuten.“ Auf die Idee, ihre Telefonnummer aus dem Adressverzeichnis zu löschen oder Stalker auf Facebook zu blockieren, kommt sie nicht. Und das, obwohl es nicht immer bei tollpatschigen Angeboten bleibe: „Es ist mir egal, wenn mich jemand Fotze oder Arschloch nennt. Diese Menschen nehmen sich die Ernsthaftigkeit ohnehin selbst.“ Ihr fehle wohl, meint Ferková, die Angst vor den Männern: „Das ist es ja, was sie bezwecken wollen. Dass man sich klein fühlt.“

Frederika Ferková
Frederika Ferková

Credits: Privat

Die Vice-Redakteurin ist 1,84 Meter groß und Wettkampfschwimmerin. Ferková wüsste sich zu wehren. Sie sagt aber auch, dass ihr Umgang mit potenziell bedrohlichen Männern kein Vorbild für andere Frauen sei. Mit ihrer Bürokollegin Hanna Herbst, die gemeinsam mit der früheren NZZ.at-Redakteurin Barbara Kaufmann und anderen Journalistinnen im Falter ein zorniges Pamphlet gegen sexistische und sexualisierte Hasspostings veröffentlicht hat, erklärt sich Ferková solidarisch. „Es ist wichtig, dass es das gibt. Ich kann nicht von mir auf andere schließen.“

Männer sollen nicht darüber befinden, was Frauen auszuhalten haben

Nicht alle reflektieren den eigenen Standpunkt so gründlich wie Ferková. Vor allem Männern fällt es schwer, sich in Frauen hineinzuversetzen, die Zielscheibe derber sexueller Anspielungen oder gar Vergewaltigungs-Drohungen werden, weil sie etwas publiziert haben, das einigen missfällt. Das müssten sie aushalten, ist zu hören. Solche Attacken seien zwar widerlich, aber nicht schlimmer als andere Beleidigungen, mit denen auch Männer konfrontiert seien. „If you can’t stand the heat, get out of the kitchen“, heißt es. Wem es zu heiß wird, der möge die Küche verlassen. Also aufhören, Dinge zu schreiben, die andere verärgern könnten.

Wer so argumentiert, will sich mit dem Problem nicht ernsthaft auseinandersetzen. Die Anwendung oder Androhung sexueller Gewalt ist eine der ältesten und infamsten Waffen von Männern, um Frauen zum Schweigen zu bringen. Es ist kein Zufall, dass es in nahezu jedem Krieg zu Massenvergewaltigungen kam und kommt. Das hat weniger mit der aufgestauten Sexualität der Soldaten zu tun. Der erzwungene Sex dient der Unterdrückung. Frauen sollen gebrochen werden.

Männer können Frauen vergewaltigen. Frauen Männer nicht.

Männer können Frauen vergewaltigen. Umgekehrt geht das kaum. Das ist ein unauflösbarer Unterschied zwischen den Geschlechtern. Das führt zu einem faktischen Machtgefälle. Auch sehr selbstbewusste Frauen sind über ihre Sexualität angreifbar und müssen damit zurandekommen. Männer haben dieses Problem nicht. Es steht ihnen nicht zu, darüber zu befinden, wie Frauen darauf zu reagieren haben. Bis zu welchem Grad sie Anzüglichkeiten in der Straßenbahn oder im Internet zu ertragen haben. Wenn sich Ferková über sexuelle Anspielungen lustig macht, ist das allein ihre Sache. Wenn Kaufmann das öffentlich zum Thema macht und lautstark beklagt, hat sie jedes Recht dazu.

Barbara Kaufmann
Barbara Kaufmann

Credits: Privat

Kaufmann erzählt in ihrem Falter-Text von Erfahrungen, die sie im Vorjahr gemacht hat. Damals publizierte sie auf NZZ.at einen Text über Frauenhass in der Populärkultur, mit dem manche nicht einverstanden waren. Doch es blieb nicht bei inhaltlicher Kritik an ihrer Argumentation. Man sollte die Journalistin „totficken“, kommentierten Hip-Hop-Fans auf Facebook. Der Männerrechtsaktivist und Blogger Oliver Hoffmann veröffentlichte eine derbe Polemik gegen sie als Person, gespickt mit obszönen Anspielungen.

Ich habe Oliver Hoffmann getroffen und wollte wissen, warum

Die Hip-Hop-Fans wären ein Fall für den Staatsanwalt gewesen. Hoffmanns Polemik hingegen verletzt kein Gesetz. Mit guten Argumenten wehrt sich der Blogger gegen die Bezeichnung „Hassposter“: Das beschreibt einen Straftatbestand, den sein Elaborat nicht erfüllt. Kaufmann hätte den Blogger allenfalls zivilrechtlich wegen Kreditschädigung klagen können – mit ungewissem Ausgang. Sie hat darauf verzichtet, weil sie sich mit den bewusst verletzenden Attacken eines ihr Unbekannten nicht über viele Monate auseinandersetzen wollte. Auch das ist eine Machtdemonstration: Wer Frauen sexistisch angreift, kann damit kalkulieren, dass sie sich nicht juristisch wehren, weil das bloß noch mehr Schwierigkeiten verursacht.

Die Erfahrung hat auch Maria S., eine Werbetexterin, gemacht. Vor sieben Jahren beendete sie die Kurzzeit-Affäre mit einem Mann, der sich Hoffnungen auf mehr gemacht hatte. Der Verschmähte rächte sich, indem er sie in Onlineforen mit Klarnamen an den Pranger stellte und intime Details bösartig verzerrt der Öffentlichkeit preisgab. Auch sie hätte sich einen Rechtsanwalt nehmen können. „Aber wer mit solchen Angriffen konfrontiert ist, befindet sich in einer Ausnahmesituation. Ich war paralysiert. Heute würde ich zivilrechtlich gegen ihn vorgehen.“

Neue Paragrafen lösen das Problem nicht

Das Gesetzbuch alleine hilft betroffenen Frauen nicht. Auch strengere Paragrafen werden das Problem kaum lösen. Egal, wie engmaschig das Verbots-Netz gestrickt ist: Wer will, wird immer Beschimpfungen und Drohungen finden, die sanktionslos bleiben.

Was hilft, ist Zivilcourage. So wie man in der Öffentlichkeit nicht wegsehen darf, wenn anderen offensichtlich Unrecht geschieht, sollte man auch im Internet widersprechen, wenn Frauen auf einer rein sexualisierten Ebene angegriffen werden. Unabhängig davon, was der Grund für die Attacke war.

Man muss Barbara Kaufmanns Argumenten nicht zustimmen, um die Stimme zu erheben, wenn jemand versucht, sie mit unlauteren Methoden einschüchtern. Es ist ihr Recht, zu schreiben, was sie für richtig hält. Man muss auch nicht wissen, warum Maria S. vor sieben Jahren eine Romanze beendet hat. Es war ihr Recht – und kein Liebeskummer der Welt rechtfertigt einen persönlichen Rachefeldzug im Internet. Sie habe sich, erzählt sie, damals doppelt gekränkt gefühlt. Einerseits durch die Diffamierung. Andererseits, weil keiner der anderen Forum-Teilnehmer diese Demütigung verurteilt habe.

Die Vice-Redakteurin Ferková unterscheidet auch in diesem Aspekt zwischen sich und anderen Frauen. Sie selbst amüsiert sich über Anzüglichkeiten fremder Männer. Sind andere Frauen betroffen, ergreift sie Partei. „Da hat aber jemand einen ganz großen“, kommentierte sie neulich bissig, als eine andere Frau im Netz sexistisch attackiert wurde. Man kann diese Reaktion gut finden oder nicht. Aber es ist besser, als nichts zu tun.