Diskussionsleitfaden

Mit diesem Gesprächsleitfaden überstehen Sie jedes Weihnachtsessen

von NZZ.at / 24.12.2015

Weihnachten ist das Fest der Familie. Mit ihr wird getrunken, gegessen, in Erinnerungen geschwelgt – und zwangsläufig auch diskutiert. Die Themen wiederholen sich, die Argumente der lieben Verwandtschaft auch. Alle Jahre wieder. Doch heuer sind Sie dagegen gewappnet: ein Leitfaden durch die lästigsten wiederkehrenden Diskussionsthemen. 

Idee und Konzept: Elisabeth Gamperl

Eigentlich wollen wir zu Weihnachten unsere Ruhe, auf der Couch liegen, fernsehen, Pyjama tragen. Aber stattdessen sitzen wir im kratzigen Pullover mit unserer Familie am Esstisch.

Wenn Familienmitglieder auf engstem Raum zusammentreffen, verlangt es den Nerven einiges ab: Machtkämpfe beim Schmücken des Weihnachtsbaumes, überdrehte Kinder und beschwipste Verwandte. Auch die Diskussionen wiederholen sich ständig und verlaufen immer nach demselben Muster. Eltern, Geschwister, Onkel, Tanten – jeder hat nicht nur eine Meinung, sondern natürlich die einzig zulässige. Für den Fall, dass Sie mit Argumenten kontern wollen, haben wir für Sie ein paar typische Gesprächsthemen gesammelt und einen Survival-Guide zusammengestellt. Damit überleben Sie jedes Weihnachtsessen.

„Die Medien dürfen nicht schreiben, wie das mit den Flüchtlingen wirklich ist.“
„Die Grenzen gehören dichtgemacht.“
„Warum schaut man diesen Blödsinn Star Wars als gebildeter Mensch?“
„Es ist schon wieder viel zu warm für Weihnachten.“
„Beim Zielpunkt hat wieder so ein Turbokapitalist zugeschlagen.“
„Wieso sparen die schon wieder bei den Pensionen?“
„Das Rauchverbot schränkt unsere persönliche Freiheit ein!“
„Niemand geht mehr in die Kirche.“

Vorhang auf für das altbekannte Kammerspiel.

„Die Medien dürfen nicht schreiben, wie das mit den Flüchtlingen wirklich ist.“


Credits: Lilly Panholzer

Sie ist wie das Amen im Gebet: die Diskussion über die Medien, die nicht die Wahrheit schreiben. Diese Lügenpresse!

Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber … Die Nichte meiner Nachbarin hat es gesehen. Asylanten haben einen Supermarkt ausgeräumt. Die Verkäuferin durfte nichts sagen, der Chef hat es verboten. Die Polizei lügt! Journalisten sowieso! Prost!

Sie kennen das. Wie sollen Sie beweisen, dass die offizielle Version (Flüchtlinge müssen für Deos und Klopapier bezahlen wie alle anderen) plausibel ist? Hier und jetzt, am Weihnachtstisch, können Sie das vergessen.

Vergeuden Sie keine Zeit mit Argumenten. Die Situation erfordert offensives Handeln. Bestehen Sie unter Verweis auf die Schwere der Vorwürfe darauf, die mysteriöse Zeugin auf der Stelle vorzuladen. Immerhin muss eine mutmaßliche Staatsverschwörung aufgedeckt werden. Natürlich wird die Nachbarsnichte nicht erreichbar sein. Aber lassen Sie nicht locker, sonst geht das in einer halben Stunde wieder los. Stellen Sie Fragen: Wann genau ist das passiert? Wer war noch dabei? Wie heißt der Filialleiter? Wie haben die Flüchtlinge ausgesehen? Was haben sie gestohlen? Warum hat niemand Anzeige erstattet? Irgendwann wird Ihr Gesprächspartner darum betteln, das Thema zu wechseln. Dann aber sollten Sie Weihnachtsfrieden einkehren lassen, um die Situation nicht eskalieren zu lassen.

Morgen, wenn alle wieder nüchtern sind, können Sie es immer noch mit Argumenten versuchen.
Zum Beispiel mit diesen: Das Märchen von den Plünderungen in der Südoststeiermark

(Wolfgang Rössler)

„Die Grenzen gehören dichtgemacht.“


Credits: Lilly Panholzer

Nachdem die Frage mit der Lügenpresse vertagt wurde, erhebt sich eine Stimme: Aber das ganze Flüchtlingsproblem hätten wir ja gar nicht, wenn unsere Grenzen ordentlich gesichert wären!

Auch wenn Sie nicht zustimmen, dass die Zahl der Asylanträge in Österreich reduziert werden sollte, müssen Sie Ihrem Gegenüber wohl bei ein paar grundlegenden Fakten entgegenkommen: Ja, Grenzzäune würden die Zahl der Flüchtlinge in Österreich wohl reduzieren. Und ja, es ist technisch möglich, Österreich einzuzäunen.

Sie sollten aber die Frage stellen: Ist das auch vernünftig? Wer Österreich „abdichten“ will, sollte dem Finanzminister gute Argumente liefern. Die österreichische Staatsgrenze zu Italien und Slowenien hat eine Länge von 760 Kilometern. Ein Kilometer des Grenzzauns der Marke Spielfeld kostet laut Profil 100.000 Euro, also wären das insgesamt 76 Millionen Euro.

Hinzu kommen die Personalkosten für den Bundesheereinsatz, der gleichzeitig stattfinden müsste. Und erst die Enteignungen der Grundstückbesitzer an der Grenze! Fragen Sie Ihren Gesprächspartner doch, ob ihm oder ihr es das wirklich wert ist.

Falls ja, gibt es noch das rechtliche Problem. Österreich ist laut EU-Recht verpflichtet, Asylanträge entgegenzunehmen und zu bearbeiten. Da vor einem Grenzzaun in der Regel noch ein Streifen Bundesgebiet bleibt, reicht es in der Theorie aus, durch den Zaun hindurch „Asyl!“ zu rufen. Das heißt, dass trotzdem Flüchtlinge kommen und aufgenommen werden würden. Ganz nebenbei dürfte das Errichten von durchgehenden Zäunen an Binnengrenzen gegen den Schengen-Kodex verstoßen.
Lesetipp: Das Märchen von den dichten Grenzen

(Moritz Gottsauner)

„Warum schaut man diesen Blödsinn Star Wars als gebildeter Mensch?“

Irgendwann hat ein Teil der Familie genug von der Diskussion über Flüchtlinge und Grenzen und wendet sich einem anderen Thema zu: Star Wars. Und erntet dafür Ablehnung von einem verwandten Teilzeit-Intellektuellen, der meint, dieses Thema sei gebildeter Menschen nicht würdig.


Credits: Lilly Panholzer

Die erste Antwort sollte eigentlich entwaffnend genug sein: Eben weil man ein gebildeter Mensch ist, schaut man Star Wars.

Ohne Bildung kann man es nämlich gar nicht begreifen. Und deswegen – diesen Zusatz könnte man anbringen, wenn man über die Weihnachtsfeiertage etwas Action ins Familienleben bringen will, indem man seinen Geschwistern noch was zum Nachdenken in den unruhigen Weihnachtsbratenschlaf mitgibt – ist es wirklich eine gute Idee von euch, auf Star Wars zu verzichten. Es wäre vergeudete Zeit, euch fehlt die Bildung, ihr würdet einfach nichts kapieren. Ihr würdet weder in Anakin Skywalker Luzifer erkennen, den schönsten Engel des Herrn, der sich auf die dunkle Seite der Macht schlägt, noch würdet ihr die Parallelen zu Homers Odyssee identifizieren, ihr würdet außer Spacecowboys, Mensch-Tier-Wesen und Schrottraumschiffen nichts sehen, obwohl alles da ist.

In der sanfteren Variante empfiehlt es sich, darauf zu verweisen, dass Star Wars einer jener Filme ist, die man mag, wenn man an Filmen interessiert ist, die der religiösen Musikalität der Zuseher auf die Sprünge helfen. In „Herr der Ringe“ zum Beispiel die doppelte Besetzung der Erlöserfigur durch den Hobbit Frodo und den wiederkehrenden König Aragorn, in „Matrix“ sehr klassisch Neo, den neuen Menschensohn. Kommt dann eher drauf an, ob man es eher mit High-Tech-Martial-Arts hat oder mit der Erdigkeit des mittelalterlichen Schwertkämpfers.

Oder man zitiert den wunderbaren Satz, den André Heller in seiner Kindheitserzählung dem Vater in den Mund legt: „Wir wollen ehrlich zueinander sein. Lasst uns schweigen.“
Alles zum Thema Star Wars auf NZZ.at

(Michael Fleischhacker)

„Es ist schon wieder viel zu warm für Weihnachten“

Oma hat sich beim Thema Star Wars zurückgehalten, aber jetzt meldet sie sich zu Wort: „Als ich jung war, sind wir am 24. Dezember die sanften Hügel bis ins Tal hinuntergerodelt, um die Mitternachtsmette zu besuchen. In den vergangenen Jahren konnte man schon fast meinen, man hört Grillen zirpen.“ 


Credits: Lilly Panholzer

Lassen wir einmal beiseite, dass Großmutter womöglich ein verklärtes Bild von der Vergangenheit hat und vielleicht auch einen Hörfehler. Ansonsten hat sie recht: Es bleibt heuer zu Weihnachten grün. 2015 war in Österreich überhaupt das zweitwärmste Jahr seit Beginn der Messungen 1768. Und das genau in jenem Jahr, als weltweit zum ersten Mal Klimaziele definiert wurden. Die Erderwärmung solle nicht über 1,5 Grad steigen – so wurde es bei der Klimakonferenz in Paris beschlossen.

Während ganze Regionen der USA in den vergangenen Jahren untypischerweise im Dezember in Schneemassen versanken, sind weiße Weihnachten im österreichischen Flachland mittlerweile Seltenheit geworden. In Wien gab es im Jahr 2002 das letzte Mal Schnee am Heiligen Abend. Das ist jetzt nun fast 15 Jahre her.

Die wärmsten Weihnachten wurden 2012 in Vorarlberg gemessen: wohlige 18,2 Grad. Das Lied „Leise rieselt der Schnee“ sollte man dort am besten von der Hitliste streichen.
Lesetipp: Alle Länder beim Klima gefordert

(Elisabeth Gamperl)

„Beim Zielpunkt hat schon wieder ein Turbokapitalist zugeschlagen.“

Die Weihnachtsgans, die gerade aufgetischt wird, wurde bei Zielpunkt gekauft. Eine perfekte Überleitung zum nächsten Thema.

Wenn ein Unternehmen in Österreich pleitegeht, dann braucht es einen Schuldigen. Bei Zielpunkt, der größten Pleite des Jahres, waren das die aktuellen Eigentümer, die oberösterreichische Pfeiffer-Gruppe. Vermeintlich undurchsichtige Immobiliendeals sollen Zielpunkt den Todesstoß versetzt haben, werden Sie hören. Dass die Eigentümer sich damit aus dem Staub gemacht hätten.


Credits: Lilly Panholzer

Das ist aber extrem verkürzt, denn es sind gerade die Eigentümer, die bei der Pleite große Gläubiger ihrer ehemaligen Tochter sind – und damit auch viel zu verlieren haben. Genau genommen sind es 34 Millionen Euro. Und fragen Sie jeden, der sich über vermeintlich problematische Immobiliendeals der Eigner aufregt, wann er oder sie das letzte Mal beim Zielpunkt war oder wie regelmäßig dort eingekauft wurde. Wer dann einwendet, die Eigner hätten einfach ein bisschen mehr Geld investieren müssen, muss auf die Wettbewerbssituation im Einzelhandel hingewiesen werden. Rewe, Spar und Hofer haben die Marktmacht (wo bleiben da die Kartellwächter?) und wer gegen sie antreten will, braucht viel Cash.

Wer so wie die Pfeiffer-Gruppe aber nicht über grenzenlose Reserven verfügt und bereits 55 Millionen Euro erfolglos investiert hat, muss die Reißleine ziehen, ehe schlechtem Geld gutes nachgeschmissen wird. Wer mit dem Vorwurf der „Turbokapitalisten“ die Strategie von so manchem Finanzinvestor meint, gesunde Unternehmen mit Schulden zu überfrachten, um die Profitabilität zu erhöhen, begeht bei der Pfeiffer-Zielpunkt-Konstellation überhaupt eine Themenverfehlung, so ganz ohne Private-Equity- oder Hedge-Fonds.
Lesetipp: Zum Schweigen der Wirtschaftskammer im Fall Zielpunkt

(Lukas Sustala)

„Wieso sparen die schon wieder bei den Pensionen?“

Die Tischgesellschaft bleibt beim Thema Geld: die Pensionen. Die Fronten sind dank mehrerer versammelter Generationen klar verteilt – auch wenn sich meist ein Alibi-Babyboomer auf die Seite der Jugend wirft.


Credits: Lilly Panholzer

Die Diskussionsstrategie, um den vermeintlich skandalösen Pensionskürzungen zu begegnen, ist klar: Eine realpolitische Einordnung nimmt den Empörten die allzu menschliche Urangst vor der Enteignung und bereitet die Basis für den rationalen zweiten Schlag mit dem mathematischen Argument.

1. Kein Politiker würde es wagen

In Österreich von Pensionskürzungen zu sprechen, wäre politischer Selbstmord. In bestehende Pensionen einzugreifen, käme einer Rücktrittserklärung der Regierung gleich. Der Senat würde Karl Blecha zum Diktator auf ein Jahr bestimmen, danach würde man weitersehen.

Daher passiert es auch nicht. Was derzeit lediglich im geistigen Flüsterton für den Pensionsgipfel im Februar angedacht wird, ist eine Eindämmung der steigenden Ausgaben für die Pensionen, die niemanden auch nur streifen, der bereits im Ruhestand ist, oder kurz davor steht.

2. Der Skandal ist, nichts zu tun

Das hiesige Umlageverfahren stößt nämlich an die Grenzen der Mathematik. Immer weniger Junge, die kürzer arbeiten, finanzieren immer mehr Pensionisten, die länger leben.

Im Jahr 2060 wird fast jeder dritte Österreicher über 65 Jahre alt sein – also nach heutiger Usance bereits seit fünf Jahren in Pension.

Mitte der sechziger Jahre kamen auf zehn Erwerbstätige rund vier Pensionisten (10:4). Heute sind es immerhin schon sechs (10:6). Bis Mitte des Jahrhunderts werden es je nach Schätzung knapp unter oder sogar über zehn Pensionisten sein (10:10). Dann muss ein Erwerbstätiger von seinem Lohn einen Pensionisten mitfinanzieren.

Damit nicht genug. Vor fünfzig Jahren dauerte die durchschnittliche Ausbildungszeit rund 17 Jahre und der Ruhestand nur acht Jahre. Dazwischen lagen 45 Jahre Erwerbsleben samt umgelegter Abgaben. Heute ist die durchschnittliche Erwerbsdauer durch die längeren Ausbildungszeiten auf unter 40 Jahre geschrumpft. Die höhere Lebenserwartung hat die Pension im gleichen Zeitraum auf 22 Jahre ausgedehnt.

Die exakte Wissenschaft zeigt: Das kann sich nicht ganz ausgehen.
Lesetipp: Hier zahlt der Staat bei den Pensionen drauf – hier könnte er kürzen

(Leopold Stefan)

„Rauchverbote sind ein Eingriff in unsere persönliche Freiheit!“

Die Gastgeber bestehen darauf, in ihrer Wohnung zu rauchen, wenn sie es schon in so vielen Lokalen nicht mehr dürfen. Das empfinden sie natürlich als skandalös und als Eingriff in ihre persönliche Freiheit.


Credits: Lilly Panholzer

Ja, natürlich sind Rauchverbote ein Eingriff in Ihre persönliche Freiheit. Ebenso, wie es ein Eingriff in Ihre persönliche Freiheit ist, dass Sie Ihre Mitmenschen nicht auf andere Weise vergiften dürfen.

Irgendein schlauer Mensch hat einmal gesagt, dass die Freiheit, seine Faust zu schwingen, an der Nase des Gegenübers endet.

Ganz abgesehen vom gesundheitlichen Aspekt („Alle Raucher bekommen Lungenkrebs, aber nicht alle erleben ihn auch.“ QuelleThomas Felzmann: Krebs – Wer bist du & wohin gehst du? ) stellt es für Nichtraucher durchaus einen Eingriff in ihre persönliche Freiheit dar, wenn ihre Atemluft verpestet wird. Raucher können sich einfach nicht mehr erinnern, wie ekelhaft Zigarettenrauch ist. Was das für ein Gefühl ist, wenn man nach Hause kommt und sich die Kleider vom Leib reißen möchte, um sie auf den nicht vorhandenen Balkon zu hängen. Und die Wahl hat, sich entweder völlig übermüdet noch die Haare zu waschen oder die ganze Nacht den darin festhängenden Rauchgestank einzuatmen.

Aber Alkohol ist ja ein viel größeres Problem als Zigarettenrauch!

Möglich. Aber den Alkohol trinkt jeder für sich allein. Selbst wenn mich Freunde zum Trinken überreden wollen, ist es noch immer meine Entscheidung, ob ich dieser Einladung folge oder nicht. Aber man kann ein noch so überzeugter Nichtraucher sein – nützt alles nichts, wenn man neben einem Raucher steht.

Aber es ist ja niemand gezwungen, in ein Raucherlokal zu gehen!

Darauf kann man nichts erwidern. Es stimmt natürlich. Niemand muss soziale Kontakte pflegen, die leider allzu oft abends in Lokalen stattfinden – und da wird eben geraucht. Niemand muss Freundschaften mit Menschen pflegen, die rauchen, oder die es nicht stört, sich in einem verrauchten Raum aufzuhalten. Man kann genauso gut alle seine Abende allein daheim verbringen.

Und die armen Wirte werden alle pleitegehen!

Ja, genau wie alle Unternehmer auf der Mariahilfer Straße.

(Lucia Marjanović)

„Niemand geht mehr in die Kirche.“


Credits: Lilly Panholzer

Es kommt auch vor, dass sich vereinzelte Familienmitglieder am Weihnachtsabend zur Christmette aufmachen. Das tun sie natürlich nicht, ohne vorher die Smartphone spielenden Ketzer zu tadeln. Aber geht wirklich niemand mehr in die Kirche? 

Die Aussage stimmt im Allgemeinen, im Spezialfall Weihnachten aber nicht. Viele Österreicher sind Feiertags-Katholiken. Sie gehen selten, aber zu bestimmten Anlässen wie Ostern oder eben Weihnachten in die Messe. Das heißt aber nicht, dass sie der Kirche abgeschworen haben oder unmittelbar austreten werden. Mehr und mehr Katholiken haben eine verschwommenere Beziehung zu ihrem Glauben. Viele bleiben einer gewissen Tradition treu, aber in einer ungebunderen Art und Weise. Der Anteil der Personen, die unbeständig gläubig sind, hat sich in den vergangenen vier Jahrzehnten stark erhöht.

Das und die steigende Zahl der Kirchenaustritte mögen vielleicht den Eindruck erwecken, dass „niemand mehr in die Kirche geht“.

Was Religiosität betrifft, sollte zwischen Wien und dem Rest Österreichs eine Trennlinie gezogen werden.

„In Wien gibt es auch viel mehr Zuwanderer“, wird Oma vielleicht sagen. Ja, das stimmt. Das wirkt sich aber kaum darauf aus, ob jemand in die Kirche geht oder nicht. Oder würden Sie, nur weil Ihr Nachbar türkische Wurzeln hat, aufhören, die Kirche zu besuchen?

Städte sind seit jeher säkularer. Schon in den 50er Jahren war der Anteil der Konfessionslosen in Wien dreimal höher als im Österreich-Schnitt. Städte sind Vorreiter für Modernität, ihre Einwohner sind wohlhabender, haben einen höheren BildungsabschlussIn Wien hatten 2013 21,5 Prozent der 25- bis 65-Jährigen einen Universitätsabschluss. In anderen Bundesländern liegt der Anteil zwischen acht (Burgenland) und zwölf Prozent (Salzburg). . Sie haben öfter eine liberalere, egalitärere Anschauung.

Das führt dazu, dass sie ein rationaleres Weltbild haben und für Erklärungen eher der Wissenschaft als Gott zugeneigt sind. Und, nicht zu vergessen, sind die Freizeitmöglichkeiten in Städten weiter ausgebaut als auf dem Land.

Außerdem muss es ja nicht immer die Kirche sein. Während Kirchenbesuche rückläufig sind, bleibt der Anteil der Gläubigen, die zu Hause beten, etwa gleich. Jeder Dritte in Wien betet einmal im Monat, im Rest Österreichs jeder Zweite.
Lesetipp: Muslime werden Katholiken nicht aus Wien verdrängen

(Gerald Gartner)

Das Gute an der Christmette ist, dass sie das Ende des Essens einläutet. Man kann nun endlich den wohlverdienten Pyjama anziehen. Nun denn: Frohe Weihnachten wünscht das Team von NZZ.at!