NURUL ALIS AIDIL AKHBAR

Malaysia

Mit Kopftuch und Motorradhelm

von Sophie Mühlmann / 15.02.2016

Die Frauen vom Ducati-Klub Desmodonna Malaysia sind fromme Musliminnen – und Motorradfans. Islam und starke Frauen sind für sie kein Widerspruch. Eine Reportage von NZZ-Korrespondentin Sophie Mühlmann.

Nurul Alis Aidil Akhbar, genannt Kiki, ist eine fromme Frau. Zart sieht die 41-jährige Malaysierin aus, in ihren fließenden Gewändern und mit dem seidigen Kopfschleier, der nur ihr Gesicht freilässt. Aber wenn sie sich am Wochenende in die Lederkluft zwängt und das Kopftuch gegen einen Helm tauscht, wenn sie den Motor ihrer schweren Ducati Diavel hochjagt und in einer Staubwolke um die nächste Ecke donnert, ist die zierliche Dame verwandelt. Kiki ist die Präsidentin von Desmodonna Malaysia, einem rein weiblichen Ducati-Klub in dem überwiegend muslimischen Land am Äquator.

Seit der Gründung vor knapp zwei Jahren hat der Verein 38 Mitglieder gewonnen. Kiki, längst über die Medien bekannt, ist das Gesicht des Klubs. Im Alltag arbeitet sie als Moderatorin und als Reporterin – über Motorsport natürlich. Geschwindigkeit war schon ihr Ding, als sie mit Anfang zwanzig Gokart-Rennen fuhr. Sie hat vier Kinder, zwei Buben und zwei Mädchen, das älteste ist 21, das jüngste erst 5 Jahre alt.

„Ich habe begonnen, den Hijab zu tragen, nachdem mein letztes Kind geboren wurde“, erzählt die vielbeschäftigte und glaubenstreue Mutter. „Es fühlt sich richtig an. Und ich kann außerdem ein Beispiel setzen: Eine wahre muslimische Frau zu sein, hält niemanden ab, das zu tun, was sie leidenschaftlich liebt.“ Kiki lächelt süß: „Es bedarf nur einiger Anpassungen da und dort.“

Kiki kombiniert ihre beiden Rollen meisterhaft. Jeden Sonntag, wenn die Tropensonne aufsteigt, geht sie mit ihrem Verein auf große Fahrt. „Wir starten um sieben Uhr, dann fahren wir rund 400 Kilometer, einmal in die Cameron Highlands, ein andermal nach Malakka, nur zum Frühstück. Aber wir sind immer rechtzeitig zurück, um für unsere Familien das Mittagessen zu kochen.“


Credits: NURUL ALIS AIDIL AKHBAR

Ein wenig Trotz ist schon dabei. In jüngeren Jahren musste Kiki einen herben Rückschlag einstecken, eben weil sie eine Frau ist. Nach der Schule hatte sie eine Pilotenausbildung gemacht. Die ganz großen Flugzeuge zu steuern, für die Fluggesellschaft ihrer Heimat zu fliegen, davon hatte sie schon als Mädchen geträumt. Doch als sie sich, den Abschluss stolz in der Tasche, bei Malaysia Airlines bewarb, hieß es dort kalt: „Keine Frauen im Cockpit!“ Aus der Traum.

Seitdem hängt das Zertifikat zu Hause an der Wand. Doch Kiki beweist sich, dass die Manager von Malaysia Airlines falschlagen. Flugzeuge, schnelle Autos, Motorräder: „Männer haben vielleicht damit angefangen, aber das heißt nicht, dass Frauen es nicht auch können. Wie beim Kochen – nur da ist es umgekehrt.“ Kiki sieht sich nicht als Rebellin. „Ich habe keine heilige Mission. Ich lebe es einfach.“

In Malaysia ist laut Verfassung der Islam zwar die offizielle Religion in dem Vielvölkerstaat, und rund zwei Drittel der Bevölkerung sind Muslime. Doch die Verfassung garantiert auch Rede- und Religionsfreiheit. „Malaysias Version des Islam war immer geprägt von unserer eigenen lokalen Kultur“, so der Islamwissenschaftler Farouk A. Peru, „und so haben wir diesen wunderschönen Geist der Mäßigung und Akzeptanz wahren können.“

Dennoch gibt es beunruhigende Hinweise auf eine Radikalisierung: Im Gliedstaat Terengganu wurde Ende 2014 verfügt, dass sämtliche Geschäfte während des Freitagsgebetes zu schließen haben. Wer das Gebet ausfallen lässt, wird vielerorts öffentlich gerügt. Die Turnerin Farah Ann Abdul Hadi, die viele Medaillen für Malaysia holte, wurde von Fanatikern verdammt, weil ihr Gymnastikanzug angeblich zu knapp sei. In einer Erhebung vom letzten Jahr sprachen sich 71 Prozent für die harten Koran-Strafen aus: Handabhacken bei Diebstahl und Steinigung bei Ehebruch. Die Zahl junger Männer, die sich der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Syrien oder im Irak anschließen, nimmt zu. Bis jetzt wurden offiziell über 60 Personen verhaftet. In einer Umfrage des Pew Research Center äußerten 11 Prozent der befragten Malaysier eine positive Meinung vom IS.

Im Alltag aber sei all das nicht zu spüren, beharrt Kikis Freundin Sophia Ahmad: „Die meisten von uns verurteilen die IS-Gewalt. Es ist unmenschlich – und es ist sicher nicht islamisch.“ Die Reporterin liebt ihre Heimat – gerade weil das Land so bunt und vielschichtig ist. „Malaysia kann man nicht mit arabischen Ländern vergleichen. Hier dürfen Frauen arbeiten, am Steuer sitzen – und eben Motorrad fahren. Sie dürfen alles, solange sie nicht gegen irgendwelche Gesetze verstoßen.“

Sophias Eltern hatten ihr früher verboten, ein Zweirad zu fahren. „Du bist eine Frau, du sollst dich auch wie eine Frau verhalten“, hatten sie gesagt. Aber jetzt, mit 38 und als alleinerziehende Mutter, entscheidet sie selbst. „Wenn ich fahre und der Wind mir ins Gesicht bläst, dann feiere ich meine Freiheit!“ Das Leben gehe weiter wie gewohnt, meint Sophia entschieden. „Wir schaffen es schon, so tolerant wie möglich zu bleiben. Das dürfen diese Leute nicht kaputtmachen!“