Morgengrauen

Morgenstund hat Gold im Mund

Gastkommentar / von Peter Strasser / 15.05.2016

6.30 Uhr. Morgentoilette. Vor dem Badezimmerspiegel, Mundhygiene, doch, bitte, niemals ohne indirekte Beleuchtung! Ich möchte meine Zähne nicht unter irgendwelchen gnadenlosen Halogenspots anschauen müssen, die einen brutal an die Vergänglichkeit jeder irdischen Mundhöhle gemahnen.

Das allmorgendliche Memento Mori vor dem Badezimmerspiegel sollte mir, dem Philosophen, Anlass geben zu einer weitausholenden geistigen Bewegung, gewiss: dem Heidegger’schen „Vorlauf zum Tod“. Doch alles, was mir im Moment einfällt, ist George Clooney alias Miles Massey, zähnestrahlender Partner von Catherine Zeta-Jones in Ein (un)möglicher Härtefall. Aber – tiefschürfender gedacht – selbst Clooneys ultrastrahlendweiß geweißte Zähne sind auch nichts weiter als ein Selbstbespiegelungsphänomen, an dem der Zahn der Zeit nagt.

Zugegeben, das ist ein ziemlich billiges Wortspiel (die Zähne, an denen der Zahn der Zeit nagt), aber immerhin eines, das unsereiner versteht, der sein körperliches Vollkommenheitsideal maßgeblich aus Hollywoods Filmperlen bezieht. Demgegenüber ist es mir bis heute ein Rätsel geblieben, warum – wie der alte Gemeinspruch lautet – Morgenstund Gold im Mund haben soll. Ist das eine alte Weisheitsregel für Dentisten? Egal, ich will’s nicht wissen, denn etwas Ekelhafteres, als dass ich zur Morgenstund Gold im Mund hätte, kann ich mir eigentlich gar nicht vorstellen. Da ist mir meine Portion Karies noch immer lieber, aber, bitte, unter indirekter Beleuchtung – schon wegen des Zahnfleischschwundes.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).