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Der Jungfrauenwahn

Musliminnen unter uns

von Claudia Schwartz / 04.12.2015

Für die muslimische Braut gibt es mittlerweile ein Survival Kit in Form eines künstlich hergestellten Jungfernhäutchens aus dem Internetversand. Das Ziel ist laut Hersteller, „in der Hochzeitsnacht Blut auf dem Laken zu haben“, ohne sich das Jungfernhäutchen vor der Heirat operativ wiederherstellen lassen zu müssen. Sich in der Hochzeitsnacht sichtlich zu verkrampfen und Schmerzen vorzutäuschen, soll übrigens laut Beipackzettel für zusätzliche Authentizität sorgen.

Wie groß müsse die Not einer Frau sein, die sich so ein Ding bestelle, fragt Güner Yasemin Balcı. Ihre denkwürdige Fernsehdokumentation „Der Jungfrauenwahn“ nähert sich dem Thema angenehm sachlich und unaufgeregt.

Balcıs Film spielt nicht etwa in Ägypten, sondern mitten in unserer Gesellschaft – in der deutschen Hauptstadt Berlin, wo auch die Journalistin und Filmautorin als Tochter türkischer Einwanderer aufgewachsen ist. Angesichts des derzeitigen Flüchtlingsstroms führt ihr Film ungeschönt vor, wie schwierig sich Integration manchmal gestalten kann. Immigranten zwingen – oft aus der naheliegenden Angst vor dem Verlust der eigenen Kultur – ihren Kindern einen mittelalterlich anmutenden Ehrbegriff auf, ungeachtet dessen, dass diese inmitten der deutschen Gesellschaft tagtäglich andere Werte vorgelebt bekommen.

Als Balcı neun Jahre alt war, gab es im Berliner Bezirk Neukölln, wo sie aufwuchs, einen sogenannten Ehrenmord an einem muslimischen Mädchen: „Damals interessierte sich die Öffentlichkeit nicht für diesen Fall.“ Sie hat das nicht mehr vergessen, obwohl sie selber in einer alevitischen Familie aufgewachsen ist, die der Mehrheitsgesellschaft aufgeschlossen gegenüberstand. Kurzerhand meldete beispielsweise Balcıs Vater seine Tochter nach einem Vorfall im Berlin-Kreuzberg der achtziger Jahre für ein feministisches muslimisches Projekt an. Ein Mann hatte zwei Mitarbeiterinnen in einer Beratungsstelle für muslimische Frauen niedergeschossen.

Die Gespräche, die Balcı im Film mit muslimischen Jugendlichen führt, illustrieren, dass solch fortschrittliches Denken auch im Berlin des 21. Jahrhunderts unter den Muslimen nicht Allgemeingut ist. Der Islam hält, was die Geschlechterbeziehung anbelangt, weiterhin Regeln bereit, die vor 900 Jahren im „Buch der Ehe“ festgelegt wurden. Die Welt hat sich seitdem gewandelt; die Moralvorstellungen des Rechtsgelehrten al-Ghazālī (1058–1111) indes sind von den alten ideologischen Vorstellungen getragen, wonach etwa ein Mädchen die Ehre der Familie beschmutzt, wenn es vor der Heirat eine sexuelle Beziehung hat.

„Das Buch der Ehe“ wird heute noch in den Moscheen gelehrt; es stellt unter anderem Sexualität unter Strafe. So kommt es, dass viele muslimische Familien es für die Familienehre weiterhin als weniger schlimm betrachten, wenn der Sohn mit Drogen dealt, als wenn die Tochter eine sexuelle Beziehung vor der Heirat hat.

Der Psychologe Ahmad Mansour, dessen Eltern aus dem Iran nach Deutschland kamen, erinnert sich, wie er in der Überzeugung aufwuchs, dass verschleierte Frauen eine unabdingbare Voraussetzung für eine islamische „Weltmacht“ seien. Aus diesem „Druck der sozialen Strukturen“ auszusteigen, so Mansours nachdenklich stimmende Diagnose, sei wahrscheinlich noch schwieriger, als eine rechtsextreme Gruppierung wieder zu verlassen. Muslimische Einwandererfamilien, so das ernüchternde Fazit dieses Films, verwehren ihren Kindern auf diese Weise vielfach das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben.

„Der Jungfrauenwahn“, Dokumentation, 58 Minuten, läuft am Freitag, den 4. Dezember, um 22.40 Uhr auf Arte.