Erich Lessing / Kunsthistorisches Museum Wien

Mythos Dabik

Das Ende der Welt naht – oder auch nicht

von Daniel Steinvorth / 23.09.2016

Dabik ist der mythische Sehnsuchtsort des IS. Hier soll der Weltuntergang beginnen. Was aber, wenn Türken, Araber und Amerikaner den Ort erobern?

Dabik ist nicht sonderlich schön. Ein paar verlassene Gehöfte, verdorrte Felder, schlichte Lehmhäuser, staubige Strassen. Eine Kleinstadt im Norden Syriens unweit der türkischen Grenze; ein 3000-Seelen-Dorf, das weder wirtschaftlich noch strategisch bedeutungsvoll ist. Allein, mythologisch hat es der Ort in sich. Jihadistische Endzeitschwärmer sind überzeugt, dass in Dabik der Weltuntergang beginnen wird. Womöglich schon in Kürze.

Laut einer angeblichen Aussage des Propheten Mohammed aus dem siebten Jahrhundert soll in Dabik die finale Schlacht zwischen Gläubigen und Ungläubigen stattfinden. Eine Armee aus 80 Nationen („unter 80 Flaggen“) mit je 12 000 Mann (also insgesamt eine knappe Million) werde vor der Stadt aufmarschieren. Dies seien die „Römer“ und ihre Verbündeten, die Heere der Christen. Ihnen gegenüber stünden die Muslime zum Kampf bereit, „eine Armee aus den besten Menschen der Erde“. Laut der Prophezeiung wird ein Drittel der Muslime vor den Ungläubigen fliehen, ein Drittel fallen und ein Drittel siegreich aus der Schlacht hervorgehen. Erst dann, wenn alle Kriege der Menschen beendigt seien, werde der Messias vom Himmel herabsteigen und den Teufel besiegen. Hiernach tage das Jüngste Gericht.

Die Terrormiliz IS hat den Untergangsmythos verinnerlicht, sogar ihr Propagandamagazin trägt den Namen „Dabik“. Da trifft es sich gut, dass in diesen Tagen eine Allianz aus türkischen Truppen, arabischen Milizen und amerikanischen Elitesoldaten eine Offensive auf den Ort plant. Der IS hat in seinen Gegnern moderne „Römer“ entdeckt – auch wenn es sich dabei um Muslime handelt – und scheint eine Schlacht in Dabik geradezu herbeizusehnen. Wo die Extremisten schon sonst laufend Niederlagen einstecken müssen, bleibt ihnen immer noch der Glaube an die Apokalypse.

Das ist auch deswegen praktisch, weil sich jahrhundertealte Prophezeiungen wohl nie auf den Tag genau datieren lassen. Steigt der Messias nicht vom Himmel herab, war die Zeit dafür sicher noch nicht reif.