Morgengrauen

Nach unten, nicht nach oben

Gastkommentar / von Peter Strasser / 14.06.2016

Gerade sitze ich beim Frühstück und lese die Zeitung – „25 unbequeme Fragen zu den Flüchtlingen“ –, da sehe ich aus den Augenwinkeln, wie ein zappelnder Körper an meinem Fenster im fünften Stock des Hauses, in dem ich seit mehr als dreißig Jahren wohne, vorbeifliegt – nach unten, in die Tiefe!

So etwas ist bisher nicht passiert. Ich denke reflexartig, während mich ein kalter Blitz durchzuckt: Das ist ein Flüchtling. Mir ist sofort klar, dass ich einer Sinnestäuschung unterlegen sein muss, das Wort „Halluzination“ spart mein Gehirn barmherzig aus. Denn nein, ich hatte gestern, vor dem Schlafengehen, weder einen Vollrausch, noch hatte ich Drogen genommen. Und nein, sage ich mir jetzt, du schaust nicht aus dem Fenster, ob da unten tatsächlich einer liegt. Stattdessen rufe ich einen psychoanalytisch geschulten Freund an, klingle ihn aus dem Bett und berichte ihm – ob er meine Geschichte auf nüchternem Magen nun hören will oder nicht – mein Fenstervorbeiflugerlebnis von soeben. Ich sage wortwörtlich (ohne auf die Frage des Geschlechts einzugehen): „Einer flog vorbei.“

Zu meiner Überraschung fragt mich mein Freund: „Nach unten oder nach oben?“ Ich erwidere: „Natürlich nach unten!“ Darauf mein Freund: „Dann ist es ja gut, weil nach oben wäre schlecht gewesen, ganz schlecht.“ Ich weiß nicht, ob die Psychoanalyse eine exakte Wissenschaft ist, aber ich muss sagen, die Expertise meines Freundes hat mir den Tag gerettet. Hoffentlich auch für den, der nach unten flog.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).