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Nette Nationen

Gastkommentar / von Konrad Paul Liessmann / 23.06.2016

Allein die trotzigen Mienen der Fußballspieler beim Nichtmitsingen der Nationalhymnen zeigen, dass keine Renationalisierung des Kontinents droht. Ein Gastkommentar von Konrad Paul LiessmannKonrad Paul Liessmann ist Professor für Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik an der Universität Wien. .

Fußball-Europameisterschaft! 24 Nationen – nein, genauer: 24 Nationalmannschaften – kämpfen in der medien- und massenwirksamsten Sportart um einen Pokal. Dem Getriebe um das Geschiebe auf dem grünen Rasen ist nicht zu entgehen, und wenn ein wirrer Attentäter mit einem Mord die EM treffen will, verordnet als angemessene Reaktion darauf eine deutsche Wochenschrift ihren Lesern einen demonstrativen Kampf für die Liebe zum Fußball. Nun ja, schon Immanuel Kant wusste, dass man Liebe nicht erzwingen kann und dieses Gefühl deshalb als moralische Maxime ebenso wenig taugt wie als Maßnahme gegen den Terror.

Die Liebe zum Fußball muss man aber gar nicht verordnen, sie ist in diesen Zeiten allgegenwärtig. Und wie jede Liebe hat sie viele Facetten. Der Begeisterung für spannende Spiele, tragische Schicksale und spektakuläre Tore stehen Schlägereien und dumme Fan-Attacken gegenüber, die Chöre der bunten, Fähnchen schwingenden Anhängerscharen werden begleitet von der Furcht, dass im Rahmen dieses Großereignisses sich längst überwunden geglaubte nationale Wir-Gefühle wieder unangenehm bemerkbar machen können.

Fussball, so heisst es, emotionalisiert die Massen. Und davon kann Gefahr ausgehen.

Ja, es treten Nationalmannschaften gegeneinander an, daraus bezieht dieses Turnier seine Kraft und Faszination. Fraglich allerdings, ob angesichts der Globalisierung und der ethnischen Vielfalt vieler Teams diese Form des Wettkampfes überhaupt noch zeitgemäß ist. Die großen Klubmannschaften der Champions League, die sich, sofern genug Geld vorhanden ist, einfach die besten Spieler aus aller Welt zusammenkaufen, die nur der Vereinsname und das Logo des Sponsors verbinden, scheinen da doch viel näher am Geist unserer Zeit. Das Nationale wirkt demgegenüber einigermaßen antiquiert. Allein die trotzigen Mienen der Spieler beim Nichtmitsingen der Nationalhymnen zeigen, dass hier keine Renationalisierung des Kontinents droht. Und doch: Eine Nationalmannschaft ist mehr als die Summe ihrer Spieler.

Fußball, so heißt es, emotionalisiert die Massen. Und davon kann Gefahr ausgehen. Das betrifft nicht nur unappetitliche Randale am Rande des Spielfelds, sondern die politischen Stimmungen überhaupt. Sicher: Aufgeputschte Massen, das wissen wir seit Elias Canettis Studien zu «Masse und Macht», können immer unangenehm werden. Jedes Sommermärchen ist gefährdet. Aber die Emotionen von kommerzialisierten sportlichen Großereignissen sind in hohem Maße selbst das Produkt einer medialen Inszenierung und nur von kurzer Dauer. Die Funktion der Spiele besteht letztlich doch in der Zerstreuung und der Ablenkung von der Politik, für den Umgang mit Fragen des Nationalismus haben sie wohl nur wenig Bedeutung.

Nationale Symbole und Stimmungen im Zuge einer Fußball-EM sollte man deshalb eher als Teil der europäischen Folklore sehen. Man trägt die Farben einer Nation alle paar Jahre so, wie man auch bei seltenen Anlässen in eine Tracht schlüpfen mag. Zudem war Fußball immer schon eine wunderbare Schule des nationalen Verrats. Wenn die eigene Mannschaft schlecht spielt und ausscheidet, verlässt man ja nicht weinend das Geschehen, sondern sucht sich für ein paar Tage eine neue nationale Präferenz.

Sagen wir es vielleicht so: Wenn Nationalismus nicht mehr bedeutete, als sich für ein paar Tage unter Vorbehalt mit elf balltretenden Männern zu identifizieren, dann hätten wir das Schlimmste wahrlich hinter uns.