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Karrierefibeln und Ratgeberliteratur

Nicht alle Chefs sind Psychopathen

Meinung / von Barbara Kaufmann / 22.12.2015

Gierig saugen sie die letzte Energie aus ihren Mitarbeitern. Sind rücksichtslos, ohne Gewissen und ohne Mitgefühl, jene, die es ganz nach oben in die Chefetage geschafft haben. Viele von ihnen gelten als Narzissten oder sogar als Psychopathen. Ein Befund, der gleichermaßen unsinnig wie gefährlich ist.

Jon Ronson machte vor ein paar Jahren vor, wie man heutzutage einen Bestseller schreibt. Man nehme ein paar bedeutungsschwere Begriffe aus der Psychologie, vermische sie mit den Alltagsproblemen jedes Berufstätigen und füge am Schluss noch ein paar Verschwörungstheorien hinzu und heraus kommt: The Psychopath Test, hierzulande unter dem herrlich schaurigen Titel Die Psychopathen sind unter uns erschienen. Ein Buch, das untermauert, was man eigentlich immer schon wusste: Ob Mann, ob Frau – der Mensch im Chefbüro ist ein pathologischer Irrer.

Nicht Leistungswille, Ehrgeiz oder Durchhaltevermögen haben ihn in seine Position gebracht. Es war einzig und allein seine schwere Persönlichkeitsstörung, die ihn unempfänglich für jede Emotion machte. Kalt gegenüber dem Leid seiner Mitmenschen. Die ihn lächelnd über die sprichwörtlichen Leichen gehen ließ, um sein Ziel zu erreichen. So weit, so publikumswirksam. Das Buch verkaufte sich mehr als gut und ebnete den Weg für etliche Nachfolgepublikationen, die ins selbe Horn stießen.

Der Chef auf der Couch

Wem die zahllosen Ratgeberfibeln noch nicht genügten, um den Chef einer privaten Psychoanalyse zu unterziehen, der kann sich mittlerweile auch online weiterbilden. Die Neurosen des Chefs und wie Sie mit ihnen fertig werden, Zwischen Allmacht und Ohnmacht – Narzissten im Job, 7 Regeln für den Umgang mit Blendern sind nur ein paar Beispiele für das riesige Angebot an Websites, auf denen es Anleitungen für den Umgang mit den Persönlichkeitsstörungen des Chefs zu lesen gibt, die jeden ausgebildeten Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiater verzweifelt Reißaus nehmen lassen würden.

Dabei ist der folgenschwerste Fehler, den man Ronson und seinen Nachahmern vorwerfen muss, die fehlende Präzision. Sowohl in der Definition der psychischen Krankheitsbilder als auch in der Erfassung des Personenkreises, von dem die Rede ist. Da wäre die wichtigste Frage, wer zuallererst mit „Chef“ gemeint ist. Der Abteilungsleiter der Kreissparkasse ums Eck oder schillernde Unternehmensgründer wie Steve Jobs, Bill Gates oder Mark Zuckerberg? Der Start-up-Leiter mit vier Mitarbeitern unter sich oder der CEO eines weltweiten Kosmetikkonzerns ?

Der subjektive Blick

Auch in der Begrifflichkeit, mit der haltlos um sich geworfen wird, fehlt die Genauigkeit, um die sich geschulte Psychologen in oft wochenlangen Anamnesen bemühen. So unterliegen Charakterzuschreibungen wie „rücksichtslos“ immer der subjektiven Wahrnehmung. Ein Vorgesetzter, der kurz vor Weihnachten aufgrund der drängenden Jahresabschlüsse Einzelnen keinen Zeitausgleich bewilligt, wird von manchen Mitarbeitern ebenso in diese Kategorie eingereiht werden wie ein Chef, der seine Assistentin selbst am Krankenbett rund um die Uhr mit Firmenangelegenheiten behelligt.

Die größte Gefahr liegt jedoch im leichtfertigen Umgang mit schweren psychischen Krankheitsbildern, die in der Alltagssprache mittlerweile ohnehin inflationär gebraucht werden. Die narzisstische Persönlichkeitsstörung etwa ist eine Krankheit, die sowohl für den Betroffenen als auch für sein Umfeld keinen geringen Leidensdruck bedeutet. Der Erkrankte schwankt zwischen absoluter Selbstliebe und Selbsthass, Entfremdung und übertriebener Symbiose. Das Aufrechterhalten zwischenmenschlicher Beziehungen auf Augenhöhe ist für ihn nur so schwer möglich, weil jeder Mensch in seiner Nähe Teil seines instabilen emotionalen Innenlebens wird. Und nur die wenigsten mit der von ihm geforderten kritiklosen Loyalität die permanenten Gefühlsschwankungen ertragen können, ohne selbst davon belastet zu werden. Das unentwegte Pendeln zwischen Abwertung und Idealisierung des Gegenübers löst in den meisten Angehörigen Unruhe, Stress und Überforderung aus, die bis zum Zusammenbruch führen können oder direkt in die Depression.

Die Verharmlosung schwerer Krankheitsbilder

Noch drastischer verhält es sich bei diagnostizierter Psychopathie, die als besonders schwere Ausprägung der antisozialen Persönlichkeitsstörung definiert wird. Die Betroffenen weisen in ihrem Sozialverhalten massive Defizite auf, was Mitgefühl, soziale Grenzen und Schuldbewusstsein betrifft. Sie verfügen oftmals über keine altersadäquate Persönlichkeitsreife und agieren wie manipulative, höchst aggressive Kleinkinder, die wenig Hemmungen vor Gewaltanwendung haben, um ihre Ziele durchzusetzen. Serienmörder wie Marc Dutroux wurden von Experten als Psychopathen eingestuft. Da sieht man den Chef, der vielleicht einen besonders ausgeprägten Hang zur Selbstliebe hat, gleich mit anderen Augen.

Die Überpathologisierung im Titel mancher Karrierefibeln und Ratgeberliteratur mag aufregend klingen und sich noch dazu gut verkaufen. Sie schadet jedoch im Endeffekt denjenigen, die wirklich von schweren psychischen Krankheiten betroffen sind. Der Chef, der die Haarbürste in der obersten Schublade liegen hat, in einer Eau-de-Cologne-Wolke durch die Firma stolziert und sich für kaum etwas so begeistern kann wie für sich selbst, mag ein eitler Popanz sein und ein aufgeblasener Egoist. Im besten Fall nervig, im schlimmsten unerträglich. Aber nur weil er anstrengend ist, macht ihn das nicht automatisch zum Betroffenen einer schweren Persönlichkeitsstörung.

Man kann ihn auch so auf der Weihnachtsfeier für ein paar Stunden über ihn herziehen. Ohne dass dafür gleich ein psychologischer Befund notwendig wäre.