Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Nichts gegen mein Morgengrauen!

Gastkommentar / von Peter Strasser / 18.01.2016

Mein Morgengrauen, sagen mir Freunde, die ihre Weltsicht aus der Fernsehillustrierten TV-Movie beziehen, sei unnatürlich. Sie raten mir zweierlei. Erstens: „Iss was G’scheits!“, und zweitens: „Glaub ans Glück!“ Die Folge, als ich mir heute beim Aufstehen diese – wie meine Freunde versichern – keinen Widerspruch duldenden Existenzialtipps ins Gedächtnis rufe: Gedoppeltes Morgengrauen!

Der eine Tipp stammt aus der Lotteriewerbung, und schon bei der Vorstellung, ich solle ans Glück glauben, das wohl an die Stelle des lieben Gottes zu treten hätte, wird mir übel. Vor meinem inneren Auge tauchen die Bilder von verrauchten Geschäftslokalen auf, Tabakläden, in denen nikotinfingrige Süchtler und Süchtlerinnen schüppelweise Glaub-ans-Glück!-Tickets ausfüllen.

Und was den Iss-was-G’scheits!-Tipp betrifft, so spüre ich augenblicks, wie sich in mir ein ein dumpfsinniges Völlegefühl ausbreitet – wohl eine Folge davon, dass mich in meiner Frühstücksfantasie ein plump geflochtenes Biofernsehbastkörbchen aus dem Ja, natürlich!-Markensortiment heimsucht, worin packpapierfarbenes Gebäck lagert, aus dem teils beulenartig, teils nagelspitzförmig Bioproduktkörner herausragen, allesamt Zahnschmelzbrecher.

Nein, danke vielmals, ich finde mein Morgengrauen der Weltlage angemessen und, was die menschliche Daseinslage betrifft, sowieso vollkommen natürlich. Besser ein intelligentes Morgengrauen als ein idiotischer Glaube ans Glück mit – wie soll ich sagen? – Bioexistenzialverstopfung.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.