Morgengrauen

Nichts muss gut werden

Gastkommentar / von Peter Strasser / 16.09.2016

Früher, in meinen jüngeren Jahren, bin ich oft mit dem Gedanken aufgewacht: „Alles wird gut.“ Das war ein beseligender Gedanke. Und eigentlich war es weniger ein Gedanke, sondern mehr ein Gefühl. Ein Ganzkörpergefühl. Es ließ sich von dem, was man einen „seelischen Zustand“ nennt, nicht recht unterscheiden. Irgendetwas Schreckliches musste passiert sein – ich hatte keine Ahnung, was es hätte sein können –, und nun war der Schrecken vorbei. Er war endgültig vorbei, und vor mir lag das gelobte Land einer neuen, unbeschmutzten Hoffnung: „Alles wird gut.“

Wenn ich dann hellwach war und bereit, meine Gedanken und Wünsche für den Tag zu sammeln, stellte ich ernüchtert fest, dass überhaupt nichts Schreckliches passiert war. Der gestrige Tag war zu Ende gegangen wie alle Tage, deren Resümee lautete: „Ohne besondere Vorkommnisse.“ Diese Ernüchterung über den fehlenden Schrecken war lange Zeit mein bildloser Morgenalbtraum gewesen, der sich bis in meinen Aufwachschlaf hineinverkrochen hatte. Heutzutage wache ich auf, ohne mich im Geringsten zu fühlen, als ob alles gut werden würde. Was geschah, lässt sich nicht ungeschehen machen. Und was geschah denn schon?

Der fehlende Schrecken meines Lebens ist mir zur lieben Gewohnheit geworden: „Das war das, und mehr ist da nicht.“ So lautet mein Morgenmantra, welches ich vor mich hinmurmle, bevor ich noch einmal kurz einnicke: Wenn ich dann aufstehe, mit dem falschen Fuß wie jeden Morgen, fühle ich mich erfrischt. Nichts muss gut werden.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Letzteres gibt es nun auch in Buchform:„Morgengrauen. Journal zum philosophischen Hausgebrauch“.