Caro / Teich

Earth Overshoot Day

O du grüne Erdmutter

von Uwe Justus Wenzel / 23.09.2016

Bereits Monate vor dem Jahresende hat die Menschheit die natürlichen Ressourcen verbraucht, die ihr heuer zustünden, sagen Öko-Ökonomen. – Aber wer budgetiert eigentlich? Ist es Mutter Natur?

Grün ist die Hoffnung – und auf einen grünen Zweig soll nun auch die Wirtschaft kommen. Dies nicht zuletzt, sondern zuerst deswegen, weil die Haushaltskassen der Natur von der wirtschaftenden Menschheit zunehmend geplündert werden. Für dieses Jahr herrscht sogar eigentlich schon Ebbe in der Kasse, wie die Kassenwarte des Global Footprint Network vorgerechnet haben. Zumindest das Budget, das Mutter Natur der Menschengattung für das Kalenderjahr 2016 zugedacht hat, ist aufgebraucht – seit dem 8. August schon. Dieser Tag war der diesjährige „Earth Overshoot Day“.

Das ist, wohlgemerkt, nicht der Tag, an dem ein Überschuss anzufallen beginnt, sondern der, an dem das Jahresbudget an natürlichen Ressourcen überschritten wird. 1986 war die Welt diesbezüglich und buchhalterisch noch in beinahe perfektester Ordnung, denn der erste Tag, an dem in jenem Jahr die Menschheit ökologisch auf Pump zu leben begann, war zugleich der letzte – der 31. Dezember 1986. Seither wandert der Überziehungstag, wie er eingedeutscht werden könnte, im Jahreskreis immer weiter Richtung Jahresbeginn. Für den Teil der Menschheit, der in der Schweiz – auf grossem ökologischem Fuss – lebt, war es heuer übrigens nicht erst am 8. August, sondern bereits am 18. April so weit.

Wie viel von dem, was ihre Menschenkinder konsumieren, vermag Mutter Natur „nachwachsen“ zu lassen, wie viel von dem, was wir ausscheiden und sonst wie anrichten auf dem Planeten, kann sie verschwinden machen? Ebenso viel steht uns zu, mehr nicht, so sagen die Öko-Ökonomen. Die Rechnungen sind kompliziert, die Berechnungsverfahren nicht unumstritten. Die Rechner aber haben ermittelt, dass die Menschheit bereits heute das Biokapital von anderthalb Planeten verbraucht – und wenn alle Menschen Schweizer wären, wäre es gar dasjenige von über drei „Erden“.

Sei dem so. Was aber ist eigentlich aus den Öko-Schulden geworden, die sich seit Ende 1986 Jahr für Jahr höher auftürmen? Lösen sie sich am ersten Januar des jeweiligen Folgejahres in Luft auf? (Zum Teil freilich bestehen sie aus Luft, wenn auch aus schlechter.) Wurde beim Internationalen Ökofonds ein Entschuldungsverfahren eingeleitet? Hat die Schulden jemand anderes beglichen? Sind Pflanzen und Tiere für die Menschen eingesprungen oder extraterrestrische Kreditinstitute? Oder gibt es jeweils einen Nachtragshaushalt, von dem die Öffentlichkeit nichts erfährt? Aber woher kämen für den die Mittel? Am wahrscheinlichsten ist, dass Gaia – nennen wir Mutter Natur jetzt bei dem Namen, den sie seit den ganz alten Griechen trägt – mehr erwirtschaftet, als sie beim Global Footprint Network oder bei der Weltsteuerbehörde angibt. Vielleicht arbeitet Gaia heimlich nachts, jedenfalls arbeitet sie schwarz – oder besser: grün.

Das tut Gaia aber nicht aus Gier – oder um sich lästige Ökosteuern zu ersparen, sie tut es aus einer ihr angeborenen Neigung zu grosszügiger Verschwendung – und insofern wäre es doch nicht so falsch, „Overshoot Day“ falsch zu übersetzen. Allerdings führt überschiessende und überfliessende Verschwendung in Gaias Reich gelegentlich zur Verausgabung – was andere dann als Mangelerscheinung zu spüren bekommen. Das alles ist nicht böse gemeint, aber auch nicht gut. Und in keinem Fall ist es nachhaltig. Gaia entstammt laut Hesiods „Theogonie“ dem urzuständlichen Chaos – vermutlich kennt sie darum keine Nachhaltigkeit. Das spricht natürlich, wenn es der Bewusstseinsbildung dient, nicht dagegen, so zu tun, als teile sie uns, wie eine gute Mutter, das uns Zustehende Jahr für Jahr zu.