Morgengrauen

Old Shatterhand im wilden Kurdistan

Gastkommentar / von Peter Strasser / 10.09.2016

Ach, Old Shatterhand! Früher gab es, sagt der Zeitverdruss, Indianer, heute gibt es keine, weil, gäbe es sie, wäre das politisch inkorrekt. Der Zeitverdruss trauert nicht der guten alten Zeit nach, denn auch die gute alte Zeit ist inkorrekt. Deshalb, sagt der Zeitverdruss störrisch, trauert er der schlechten alten Zeit nach.

Der Zeitverdruss musste mitten im tiefsten Frieden Wort für Wort miterleben, wie seine Welt zu einem Hinterland des Erinnerns wurde, für das sich keine rechten Worte mehr finden ließen. Der Zeitverdruss lebte die längste Zeit in einer Welt – seiner Welt –, die überhaupt nur aus Worten zu bestehen schien, die samt und sonders unzulässig, weil inkorrekt waren: Ausdruck falscher Gefühle und Gedanken. Jedenfalls kommt es mir so vor, wenn ich seinen Einlassungen über dies und das zuhöre, wovon er sich laufend distanziert, während er dadurch versucht, eine Zeit heraufzubeschwören, die samt und sonders inkorrekt war. Nie habe er irgendwen beleidigen wollen, schon gar nicht Indianer oder Muselmannen.

Ich habe heute vom Zeitverdruss geträumt, bloß, um schweißgebadet ins Leere hinein aufzuwachen. Kein Zweifel, es war meine Welt, die, weil Wort für Wort inkorrekt, hatte untergehen müssen. Doch meine tastende Hand zu meiner Frau hin, die noch schlief, beruhigte mich: Alles war unversehrt da, auch ich, der Zeitverdruss. Ich schlief wieder ein und ritt durchs wilde Kurdistan, mit Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).