Feminismus

Oliver Hoffmann hat meine Kollegin sexistisch attackiert. Ich wollte wissen, warum.

von Wolfgang Rössler / 24.01.2016

Der Blogger und Männeraktivist Oliver Hoffmann hat meine Kollegin Barbara Kaufmann mit einem frauenfeindlichen Artikel attackiert. Ich wollte wissen, warum und habe einen erstaunlichen Antifeministen getroffen.

Nach ein, zwei Wortgefechten auf Twitter sei ohnehin meist Schluss. Dann würden ihn die Frauen blockieren, erzählt Oliver Hoffmann. Sie möchten nichts von ihm lesen und sie möchten nicht, dass er lesen kann, worüber sie schreiben. „Sie wollen mich nicht sehen. Sie wollen, dass Leute wie ich gar nicht existieren.“

Aber Hoffmann existiert. @wiemanindenwald lautet der Kampfname, mit dem er auf dem Kurznachrichten-Kanal bevorzugt über Feminismus und Feministinnen lästert. Manchmal abstrakt, über objektive oder gefühlte Benachteiligungen von Männern. Manchmal wird er persönlich und gezielt kränkend. Für Hoffmann ist das eine Form von männlicher Selbstverteidigung: „Die Frauen verwenden ja auch nicht die feine Klinge. Ich trage meine Argumente mit derselben Schärfe vor.“


Credits: Mario Baumgartner

Hoffmann, 50 Jahre alt, schlank, rappelkurz geschnittenes Haar, hat vor acht Jahren die Männerpartei gegründet. Er sieht sich als Vordenker des Maskulinismus, einer radikal antifeministischen Strömung. Von Gleichstellung der Geschlechter könne keine Rede mehr sein, behauptet er. Längst würden Männer diskriminiert: durch ein frauenfreundliches Familienrecht, durch Frauenprogramme am Arbeitsmarkt.

„Ich will“, sagt Hoffmann, „als Mann die westliche Aufklärung retten.“ Alle großen Erfindungen, Weltreligionen und politischen Ideologien seien schließlich das Werk von Männern. „Die Frauen haben nur den Feminismus hervorgebracht – weil die Männer mit zu vielen anderen Dingen beschäftigt waren.“

Die Frauen haben nur den Feminismus hervorgebracht – weil die Männer mit zu vielen anderen Dingen beschäftigt waren.

Oliver Hoffmann

Eine jener Frauen, die Hoffmann bisher ins Visier genommen hat, ist meine Kollegin Barbara Kaufmann. Im Vorjahr veröffentlichte sie auf NZZ.at einen Essay über Frauenhass. Hey, Hure! war einer unserer meistgelesenen Artikel im Jahr 2015. Es geht darin um Verherrlichung männlicher Gewalt in der Popkultur – im Hip-Hop ebenso wie wie beim Villacher Fasching. Die öffentliche Erniedrigung von Frauen als Huren – oder umgekehrt als sexuell frustrierte Emanzen – rufe im Gegensatz zu anderen Grenzüberschreitungen kaum Widerspruch hervor, kritisierte Kaufmann.

Hoffmann las aus dem Text eine Verunglimpfung aller Männer als potenzielle Gewalttäter heraus. Ein „Frauenporno“ sei das, schrieb er in einem als Antwort gedachten Blogbeitrag, der gespickt war mit derben sexuellen Anspielungen gegen die NZZ.at-Autorin. Aus der Reaktion auf den Text über Frauenhass sprach Frauenhass.

Der Mann als Käfer

Ich wollte verstehen, warum er so reagiert hat, und bat ihn um ein Gespräch. Hoffmann willigte sofort ein. Wir trafen uns im Wiener Café Amacord, nahe dem Naschmarkt. Erster Eindruck: ein empathischer, gebildeter Mann. Was hat ihn bloß so ausrasten lassen?

„Mein Text ist eine Art Kunstwerk. Eine überhöhte Beschreibung der Emotion, die dahintersteht“, sagt Hoffmann.
– „Wie bitte?“
„Denken Sie an Franz Kafka. Er hat einen Text geschrieben über einen Mann, der als Käfer aufwacht.“
– „Sie vergleichen Ihren Text mit Kafkas Verwandlung?“
„Es ist eine literarische Übertreibung. Mir wurde als Mann ja auch unterstellt, dass ich gewalttätig bin.“

In Kafkas Erzählung wacht der Handelsreisende Gregor Samsa eines Tages auf und muss erkennen, dass er sich über Nacht in einen riesigen Käfer verwandelt hat. Seine Familie, die er bisher mit seinem Lohn durchgefüttert hatte, wendet sich voller Ekel ab. Am Anfang wehrt sich Samsa gegen die Metamorphose. Doch mit der Zeit beginnt er, mehr und mehr wie ein Käfer zu fühlen. Kafka erzählt metaphorisch die Entfremdung eines Mannes von seiner Umwelt. Samsa ist, als ob er zu einem Käfer gemacht werden sollte. Also verhält er sich käferhaft.

Männer Täter, Frauen Opfer?

Als Hoffmanns Beziehung vor einigen Jahren in die Brüche ging, zog er widerwillig aus der gemeinsamen Wohnung aus. Er habe, sagt er, Grund zu der Befürchtung gehabt, dass ihn seine Noch-Lebensgefährtin sonst fälschlich wegen häuslicher Gewalt anzeigen könnte – um ein polizeiliches Betretungsverbot zu erwirken.

Hoffmann reagiert nun allergisch, wenn von Gewalt gegen Frauen die Rede ist. Der Mann werde pauschal zum Täter gestempelt, die Frau zum Opfer. Dabei sei es doch oft umgekehrt – aber darüber würde niemand reden. „Männliche Gewalt wird bestraft, weibliche Hinterlist nicht“, sagt Hoffmann.

Der Geschlechterforscher und Psychotherapeut Erich Lehner beobachtet diese gefühlte männliche Benachteiligung seit langem. Viele Männer würden sich zunehmend eingeengt fühlen, nicht mehr dazugehörig. Als Buben hatten sie gelernt, sich über Mut und Kraft zu definieren. Später gaben sie sich Mühe, Verantwortung zu übernehmen, ein guter Ernährer und Vater zu sein.

Doch das gesellschaftlich erwünschte Bild von Männlichkeit hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert, die Anforderungen an Männer sind gestiegen. Stark sein alleine reicht in einer Beziehung nicht mehr. Viele seiner Klienten, erzählt Lehner, würden zunächst mit scheinbar unauffälligen körperlichen oder psychischen Beschwerden zu ihm kommen. „Erst im Laufe der Zeit stellt sich heraus, dass der Hintergrund ein Problem mit ihrer Männerrolle ist.“

Was aber, wenn Männer keine Lust haben, ihre veränderte Rolle in der Gesellschaft zu reflektieren – weil sie wie Hoffmann der Meinung sind, dass die gesellschaftlichen Veränderungen ein Fehler sind? Dann bleibt ihnen gemäß uralter männlicher Verhaltensweisen nur der Angriff.


Credits: Mario Baumgartner

Hoffmanns Verwandlung geschah nicht über Nacht. Noch in den neunziger Jahren arrangierte er sich mit Frauenrechtlerinnen. Der junge Informatiker war für das Liberale Forum (LIF) Bezirksrat in Wien. Mitstreiter von damals erinnern sich an seine außergewöhnlichen Reden, Hoffmann galt als  Zukunftshoffnung.

Als Parteichefin Heide Schmidt 1998 dem LIF einen dezidiert feministischen Kurs verordnete, protestierte Hoffmann intern. Die Forderung nach Frauenquote schien ihm nicht vereinbar mit liberalem Gedankengut. Richtig eskaliert ist die Sache aber nie. Als die Liberalen ab 1999 an Bedeutung verloren, zog Hoffmann von dannen. Er ging im Guten.

Bald darauf ergab sich eine einmalige Chance. Ein ehemaliger Professor holte den mittlerweile 37-Jährigen nach Südaustralien. Dort wollte Hoffmann seine Dissertation schreiben. Doch es kam anders: Bei einer Konferenz in Frankreich traf er seine spätere Lebensgefährtin. Das Paar lebte eine Zeit lang gemeinsam in Australien, dann begann es zu kriseln. „In der Trennungsphase stellte sich heraus, dass sie schwanger ist.“

Hoffmann folgte der werdenden Mutter nach Frankreich, seine Dissertation ließ er sausen. „Männer sind eher bereit, Verantwortung zu tragen“, sagt er. Man versuchte es noch einmal miteinander. In den Folgejahren pendelten die beiden zwischen Frankreich und Österreich, bis die Beziehung vor einigen Jahren endgültig in die Brüche ging.

Harte Eier von der Männerpartei

Da war Hoffmann längst auf Angriff gepolt. Schon 2008 versuchte er mit der Männerpartei ein politisches Comeback. Dahinter stand ein halbes Dutzend Organisationen, die für Männer- und Väterrechte kämpften. Vielen der Aktivisten war von Frauen übel mitgespielt worden: Manche durften ohne triftigen Grund ihre Kinder nicht mehr sehen. Anderen wurde zu Unrecht Gewalttätigkeit unterstellt. Wieder andere zahlten jahrelang Alimente für ein Kind, das ein anderer gezeugt hatte. All diesen Betroffenen wollte die Partei eine Stimme geben.

Bei der Wahl ihrer Mittel war die Männerpartei nicht zimperlich. Der Redaktion des Standard, der feministischen Themen ein breites Forum gibt, schickte man zum Anlass des internationalen Männertages eine Palette mit hartgekochten Eiern.

Missliebige Personen wurden mit wütenden Mails bombardiert. Die oberösterreichische NEOS-Chefin Judith Raab spricht von „Stalking“ durch einen Aktivisten, weil sie sich für frauenpolitische Themen einsetzte. „Er war extrem beleidigend.“ Die Kommunikationsberaterin Karin Hammer wurde von einem Funktionär der Männerpartei mit E-Mails bombardiert, weil sie mit ihrem Unternehmen am „Wiener Töchtertag“ teilnahm: „Er hat mir vorgeworfen, dass ich junge Männer diskriminiere“, erzählt sie.

Selbst FPÖ und ÖVP sind feministisch

All das half nichts. Die Männerpartei verpasste seither bei allen Wahlen den Einzug. Als Männerrechtler habe man es nicht leicht, klagt Hoffmann. Der Feminismus sei längst kein linkes Phänomen mehr. „Auch FPÖ und ÖVP sind nicht unbefleckt davon. Sie haben Frauenorganisationen, aber keine Männerorganisationen.“

Vor zwei Jahren legte Hoffmann sein Amt als Vorsitzender zurück. Jetzt kämpft er als Privatperson auf Twitter und diversen Blogs für seine Ideen. Er publiziert auch auf Englisch, für Breitbart, ein US-Nachrichtenportal im Umfeld der Tea-Party-Bewegung. „Ich sehe mich als Vordenker“, sagt er.

Ganz hat er die Hoffnung nicht aufgegeben, dass die Männerbewegung noch Erfolg haben wird – so richtig glaubt er daran aber nicht. „Männer erfinden ständig neue Computer, Männer werden irgendwann zum Mars fliegen. Aber ihnen fehlt die Solidarität mit anderen Männern.“