Online-Werbung: Wegelagerer und Schutzengel

von Rainer Stadler / 03.07.2016

Informationsanbieter wehren sich gegen Werbeblocker im Internet. Sie vergessen dabei einen wichtigen Aspekt.

Es gibt Zeitgenossen, die allergisch auf Werbebotschaften reagieren. Das äußert sich in der großen Nachfrage nach Werbeblockern im Internet. Ich hatte solche bisher nie installiert, weil ich wissen will, was auf dem Kommunikationsmarkt läuft. Diese Offenheit verlangt zuweilen starke Nerven, besonders dann, wenn einen Anpreisungen über Wochen verfolgen, obwohl man die entsprechenden Produkte längst gekauft oder eben entschieden hat, sie nicht zu erwerben. Unweigerlich gelangt man dann zur Erkenntnis: Computergesteuerte, aufs Nutzerverhalten ausgerichtete Werbung ist furchtbar dumm und darum ineffizient.

Die stille Verwünschung wurde ungebeten zum Befehl. Nachdem ich jüngst den Firefox-Browser aktualisiert hatte, war die Werbung plötzlich weg. Offenbar sind Werbeblocker nun vorinstalliert. Welcher Nutzer wird unter solchen Umständen zu einer von blinkenden Spots durchdrungenen Online-Welt zurückkehren wollen? Das ist keine erfreuliche Perspektive für die Medienanbieter, deren Existenz von Werbeeinnahmen abhängt.

Die stille Verwünschung wird ungebeten zum Befehl. (Bild: AP)

Der Interessenvertreter der deutschen Zeitschriften bezeichnete am Donnerstag das sogenannte Whitelisting, bei dem sich Werbetreibende von Adblockern freikaufen können, als „Wegelagerei unter dem Deckmäntelchen des Verbraucherschutzes“. Das Oberlandesgericht in Köln hat dieses Verfahren jüngst mit gutem Grund für unzulässig erklärt. Doch es gibt auch eine andere Sicht auf die digitale Wegelagerei.

Für Trevor Timm, den Direktor der Freedom of the Press Foundation, sind Werbeblocker vielmehr Schutzengel. Wie er am Mittwoch in der Columbia Journalism Review schrieb, würden die Medienanbieter ein Problem unter den Teppich kehren, wenn sie bloß darauf hinwiesen, dass Benutzer von Werbeblockern nicht legitimiert seien, Qualitätsjournalismus zu konsumieren. Timm erinnert daran, dass im vergangenen Frühling mehrere große Informationsvermittler, etwa die New York Times, Werbebotschaften enthielten, die durch sogenannte Ransomware kontaminiert war, also durch eine Software, die den betroffenen Konsumenten zwingen will, Lösegeld zu bezahlen. Werbe-Netzwerke hätten die User in den vergangenen Jahren immer wieder mit Malware belästigt. Nachdem beispielsweise Forbes die Besucher gedrängt hatte, Werbeblocker auszuschalten, seien Bereitwillige kurz darauf von schädlicher Software attackiert worden.

Aber nicht nur das. Timm beruft sich auf Analysen, wonach Werbetreibende insbesondere auf den Websites von Informationsvermittlern Software zur Ausspähung des Nutzerverhaltens einsetzten. Überdies profitiere auch der Geheimdienst NSA von solchen Schnüffeleien. Darum dienen für Timm die Werbeblocker auch der Sicherheit und dem Schutz der Privatsphäre – keine schöne Perspektive für News-Anbieter.